DORIS UND HANS ERNI: Zu Gast bei einem Power-Ehepaar

Seit bald 51 Jahren wohnen Doris und Hans Erni in ihrem Luzerner Atelierhaus. Wir haben sie besucht.

Drucken
Teilen
Seit 50 Jahren verheiratet: Doris und Hans Erni, bei sich zu Hause in Luzern. (Bild André Häfliger/Neue LZ)

Seit 50 Jahren verheiratet: Doris und Hans Erni, bei sich zu Hause in Luzern. (Bild André Häfliger/Neue LZ)

Schon aus der Entfernung macht dieses von hohen Bäumen umgebene Haus einen grosszügigen, festlichen Eindruck. Wer dann aber das Atelierhaus von Doris und Hans Erni hoch über Luzern im Eggen ganz an der Grenze zu Meggen betritt, ist bald einmal total verzaubert. Allein schon die Ausstrahlung und der Charme der Gastgeberin erfüllen einem mit absolut positiver Energie. Und nie braucht man zu fragen, wo denn der Gastgeber sei. Man weiss es: Hans Erni ist bei der Arbeit im Atelier. Nach den Vorlagen des Künstlers wurde das Haus im Herbst 1958 vom Luzerner Architekten Josef Gärtner und dessen Mitarbeiter Paul Gassner errichtet. Damals gab's hier nur Landwirtschaft, keine einzigen Wohnhäuser. «Es ist meine Fabrik, meine Wohnung und mein Weekendhaus», pflegt Erni über den heute noch modern und unkonventionell wirkenden Bau zu sagen.

Das Entrée – rechts davon die abgeschlossene Küche, links davon das Dienstmädchenzimmer und die Garage – führt direkt in eine grosse Halle. Überall gibt es grosse Fensterfassaden, was zu behaglicher Helligkeit führt. Hinten rechts befinden sich Bad und Schlafräume, hinten links geht?s durch einen schmalen Gang ins zweigeschossige Atelier mit Labor, Studio und Bibliothek. Das ganze Haus ist ein lebendiger, von Bildern, Skizzen und entwürfen nur so wimmelnder Ausstellungsraum. Wohin der Besucher auch blickt, er kommt aus dem Staunen nicht heraus. Trotz üppiger Ausstattung entdeckt man indes unweigerlich die kreative Ordnung, die grosse Disziplin des Künstlers. Vor allem auch im Erdgeschoss, in welchem sich noch zwei Gästezimmer mit Bad sowie ein grosser Arbeitsraum befinden.

Neuntes Plakat für den Circus Knie
Wie nun aber gestaltet sich das tägliche Leben in dieser herrlichen, dreifach benutzbaren Künstleroase? «Also wir sind Frühaufsteher», schmunzelt Doris Erni, die jeden Tag schon ab sechs Uhr im Büro «ungestört nacharbeitet». Ehemann Hans trifft sie dann so gegen halb acht Uhr – beim Lesen unserer Zeitung. «Mein zweites Leibblatt, die NZZ, hebe ich mir für die Mittagspause auf», lächelt Hans Erni, der inzwischen seinen Arbeitsplatz verlassen hat und nach vorne in die Wohnhalle gekommen ist. «Diese Zeitung braucht schliesslich etwas länger, um gelesen zu werden.» Nach einem einfachen Brötchen-Frühstück geht's dann immer sofort ins Atelier zur Arbeit. Eben erst hat er das neunte Plakat seit 1966 für den Circus Knie fertiggestellt. Hauptsächlich widmet sich Erni zurzeit aber seinen Entwürfen zur Gestaltung einer 60 Meter langen Aussenwand im Eingangsbereich des Uno-Sitzes in Genf. Um 12 Uhr ist jeweils das Mittagessen angesagt. «Hans isst alles – er hat noch kein einziges Mal reklamiert», stellt Doris Erni fest.

Den Kritikern hört er zu
Bis gegen 15 Uhr gönnt sich der Künstler – wenn immer es geht – eine Pause. Unzählige Interviews, Anfragen und organisatorische Arbeiten zu seinem 100. Geburtstag haben diese aber im vergangenen halben Jahr oft viel kürzer ausfallen lassen. Geduldig und grosszügig nimmt sich Erni, der für sein Lebenswerk Anfang Jahr von alt Bundesrat Adolf Ogi den Swiss Award entgegennehmen durfte, seine Aufgabe wahr. Wenn er kritisiert wird, hört er noch aufmerksamer zu, wenn er gelobt wird, sagt er etwas verlegen: «Ach, ich bin doch nur ein Mensch, der halt etwas besser zeichnen kann als andere.» Kritik gehört zu seinem Motto: «Zu einer These gehört immer eine Antithese. Erst diese führt dann zur Synthese.»

Doris, die liebevolle Ehefrau
Mit dieser Dialektik ist Hans Erni nun ein Jahrhundert durch ein reich erfülltes Leben geschritten. Exakt die Hälfte davon ist er mit seiner zweiten Ehefrau Doris gegangen. «Zuerst war er ein Schwarm von mir, den ich ab und zu im Lido-Strandbad, wo er Volleyball spielte, traf», erinnert sie sich. Als sie Hans Erni später als die Person wählte, über die sie eine Arbeit zu schreiben hatte, wurde der Künstler ihre erste grosse Liebe, die sie 1949 dann auch heiratete. Liebevoll, unkompliziert und mit vollem Elan kümmert sich Doris Erni um ihren Ehemann. Um alles, Termine, Administration, Organisation, Finanzen, Büro. Und dies natürlich auch im zweiten Wohnsitz der Ernis in Südfrankreich.

Habgier, Macht, Geld?
Ab und zu stellt Doris Erni auch seltsame Sachen fest. «Auch schon habe ich Widmungen meines Mannes entdeckt, die aus einem Buch rausgerissen wurden und im Internet zum Verkauf angeboten wurden», erzählt sie. Da kann der Künstler nur schmunzelnd den Kopf schütteln. Und setzt zur leisen Kritik an der heutigen Gesellschaft an. Habgier, Macht und Geld im Überfluss – das habe uns hauptsächlich in die Finanzkrise gestürzt. Befallen sei natürlich vor allem die Wirtschaft, aber auch der Sport, hält der ehemalige Schweizer Meister im Langlauf und Landhockey fest. «Roger Federer schliesse ich da mal aus», lächelt er. «Aber das schlimmste ist, dass die Verantwortlichen nicht dazu stehen und nicht bereit sind zur Umkehr zurück in die Bescheidenheit.»

Erni, das Vorbild
Sagt es, und lebt es vor: Hans Erni trägt jeden Tag einer seiner schneeweissen, zweiteiligen Lacoste-Trainingsanzüge. Inzwischen sind sie von Fraben, die beim Waschen nicht ganz ausgehen, etwas befleckt. «Es gibt sie halt leider nicht mehr auf dem Markt», sagt Erni, der sich täglich mit einer Stunde schwimmen oder laufen fit hält, schmunzelnd. «Aber ich brauche nicht mehr, ich fühle mich wohl. Hans Erni – tausende von Werken hat er vollbracht, 100 Jahre alt ist er geworden. Und er macht weiter, das vor allem hält ihn fit. Erni macht weiter und bleibt so, wie er ist: Ein bescheidenes, arbeitsames, unvergessliches Vorbild.

André Häfliger