DOSSIER: Sie überlassen ihr Haus Wildfremden

Viele Menschen freuen sich jetzt schon auf die Sommerferien. Andere fragen sich, wohin die Reise gehen könnte. Wir zeigen, wie man mal auf ganz andere Art Ferien macht.

Roger Rüegger
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Sie haben mit Belgiern ihr Haus getauscht: die Familie Bähler-Eggerschwiler von der Gehren ob Merlischachen. Im Bild: Vater Christian und Mutter Silvia mit den Kindern Jan, Noah (mit Brille) und Kira. (Bild: Boris Bürgisser / Neue LZ)

Sie haben mit Belgiern ihr Haus getauscht: die Familie Bähler-Eggerschwiler von der Gehren ob Merlischachen. Im Bild: Vater Christian und Mutter Silvia mit den Kindern Jan, Noah (mit Brille) und Kira. (Bild: Boris Bürgisser / Neue LZ)

Ferien, wie sie die Bählers verbringen, sind wahrscheinlich für viele Leute undenkbar. Und dennoch findet die fünfköpfige Familie aus Merlischachen immer Personen, die mit ihr tauschen wollen, was auch ihr Ziel ist. Silvia, ihr Ehemann Christian und die Kinder Jan (12), Noah (10) und Kira (4) Bähler unternehmen jeweils einen Haustausch.

Das bedeutet, dass die Familie ihr Heim hoch über dem Vierwaldstättersee in den Ferien anderen Leuten aus dem Ausland überlässt – und im Gegenzug im gleichen Zeitraum in deren Haus einzieht. «Von so etwas erzählte mir vor Jahren ein Bekannter. Er und seine Familie tauschten ihr Haus mit einer Familie aus Schweden. Er meinte, das wäre doch auch was für uns», erzählt die 42-jährige Silvia.

Das Haus in Merlischachen. (Bild: PD)

Das Haus in Merlischachen. (Bild: PD)

Familie war wenig begeistert

Zuerst wollte sie ihrer Familie nichts davon erzählen. «Ich glaubte, dass sowieso niemand gefallen daran findet», sagt sie, brachte den Haustausch aber eines Tages dennoch vor und stiess – wie erwartet – auf wenig Begeisterung. Ehemann Christian (44) war skeptisch: «Dass wir unser Haus wildfremden Leuten überlassen würden, war ein eigenartiger Gedanke.» Auch die Kinder waren nicht angetan vom Vorschlag ihrer Mutter. «Ich konnte mir nicht vorstellen, dass andere Leute in unser Haus kommen und dass Kinder, die ich noch nie gesehen habe, mit unseren Spielsachen spielen. Und ich wusste ja auch nicht, wie es sein wird an diesem fremden Ort», sagt Sohn Noah.

Trotzdem entschied man sich vor vier Jahren, das Haus mit einer Familie aus Belgien zu tauschen. Zum Glück, denn von diesen Ferien schwärmen alle Familienmitglieder noch immer. Die Zweifel waren bald aus dem Weg geräumt. Noah sagt heute: «Es war total cool. In dem Haus hatte es auch Spielsachen, und sogar einen Pool hatten die.»

Christian Bähler sagt begeistert. «Das sind völlig andere Ferien. Es verschlägt einen nicht an Touristenorte, weshalb man das Land aus einer völlig anderen Perspektive wahrnimmt. Zudem sieht man in einem privaten Haus, wie die Leute dort leben, und anhand der persönlichen Utensilien erkennt man, wer sie sind», so der Elektroingenieur. «Die Erkenntnis dieser Ferien war, dass es gar nicht grosse Unterschiede zwischen dem Leben hier in der Schweiz und anderswo gibt.»

200 Mitglieder aktiv

Familie Bähler hat sich auf der Seite www.intervac-homeexchange.com, einem Unternehmen, das 60 Jahre Erfahrung auf dem Gebiet hat, eingetragen und sich für eine Jahresmitgliedschaft angemeldet. Diese kostet 140 Franken. «In der Schweiz sind rund 200 Mitglieder aktiv. Die Nachfrage ist seit Jahren ausgeglichen», sagt Claudia Niedermann, die zuständig ist für Intervac Schweiz. Wer registriert ist, kann sein Haus oder seine Wohnung anbieten und angeben, wie viele Zimmer und für wie viele Personen Schlafgelegenheiten vorhanden sind, oder die Anzahl Kinder oder Erwachsene angeben. Weltweit sind bei Intervac 8000 Adressen registriert.

Seit ihrem ersten Haustausch in Belgien hat die Familie aus Merlischachen noch mit weiteren Familien das Haus und das Leben vorübergehend ausgetauscht. 2010 reiste sie nach Irland in die Nähe der Stadt Dublin. «Die andere Familie ist mit demselben Flugzeug in Zürich gelandet, in dem wir nach Irland flogen. Wir konnten einander zuwinken, aber persönlich gesprochen haben wir nie mit ihnen», erinnert sich Silvia Bähler. In Irland seien sie von den Grosseltern der Kinder abgeholt und zum Haus chauffiert worden. Die Iren ihrerseits hätten das Auto der Bählers am Flughafenparking in Zürich in Empfang genommen und seien von dort allein nach Merlischachen gefahren. «Wir haben ihnen den Weg aufgeschrieben. Es hat tipptopp funktioniert.»

Gast-Login am Computer

Für sie war es nie ein Problem, dass in ihr Haus fremde Leute für eine oder zwei Wochen einziehen. «Wir haben nichts zu verstecken. Einzig den Computer haben wir mit einem Passwort versehen und für die Gäste ein Gast-Login installiert. Aber sonst haben wir alles offen gelassen. Wir sind ja genauso Fremde für sie wie sie für uns. Ich finde es spannend, dass man durch den Haustausch in Gebiete reist, die man sonst nie zu Gesicht bekommen würde.»

Das Haus in Belgien. (Bild: PD)

Das Haus in Belgien. (Bild: PD)

Was sie übrigens mit der anderen Familie immer vereinbart: Der Kühlschrank wird aufgefüllt bei der Anreise. «So können wir uns und sie sich in der Fremde einleben, ohne zuerst einkaufen zu müssen. Und man lernt einheimische Spezialitäten kennen.» Zettelchen mit Aufgaben, wie man es in der TV-Serie «Frauentausch» sieht, würden aber jeweils nicht aufgeklebt, sagt sie lachend.

So ein Tausch habe auch noch einen anderen positiven Nebeneffekt. Nämlich, dass man Pendenzen im Haus erledigt. Zum Beispiel der Geschirrspüler, der schon lange eine Macke hatte. «Diesen haben wir vor dem Tausch ausgewechselt, da man den Gästen ja nicht eine defekte Maschine zumuten will.»

Dreimal im Kreisel gefahren

Den Nachbarn von Bählers und anderen Leuten im Dorf ist der Haustausch nicht verborgen geblieben, obwohl niemand orientiert wurde. «Weil wir auch die Autos tauschten, bemerkten einige Leute, dass jemand anderes am Steuer sass als gewöhnlich», sagt Vater Christian. Insbesondere, als Bählers Auto dreimal im Kreisel gekurvt sei, hätten die Einheimischen genauer hingeschaut und bemerkt, dass fremde Leute etwas orientierungslos im Innern sassen.

Zwei Strafzettel

Negative Ereignisse gab es aber nie. Abgesehen von den zwei Strafzetteln wegen zu schnellen Fahrens, die eine Gastfamilie hinterliess. «Die kosteten uns nur jeweils 40 Franken. Alles halb so schlimm», sagt Frau Bähler lachend.

Vielmehr freute sie sich jeweils über die Rückmeldung, die sie von den Familien erhielt, die bei ihnen Ferien machten. «Die waren ob der Lage und der Ruhe hier oben alle total begeistert.»

«Viel billiger»

Die Begeisterung war auch auf Seiten der Familie Bähler gross. Island war 2011 die dritte Destination, wo sie ihre Ferien verbrachte. Ein Land, das sie freilich schon einmal besuchten, wie Silvia erzählt: «Vor 15 Jahren waren wir dort auf Hochzeitsreise.» Die Ferien mit dem Haustausch seien aber, und das ist ein weiterer positiver Aspekt, viel billiger als herkömmliche Reisen mit Hotel.

Was nicht heissen will, dass die Bählers nie mehr klassische Ferien buchen. Letztes Jahr waren sie in Costa Rica. Ganz normal mit Hotelzimmer. Und auch heuer geht es in eine Ferienwohnung. Das nächste Jahr aber wollen sie wieder in privaten vier Wänden wohnen. Silvia Bähler: «Vielleicht in Schweden oder der Normandie. Wir werden sehen, aber wir freuen uns darauf.»

Fotos im Netz können täuschen

Wer sein Feriendomizil auf Plattformen wie Haustauschferien.com sucht, sollte einige Punkte beachten:

  • Fotos im Netz können täuschen.
  • Der Vermieter kann sich als unsympathisch herausstellen.
  • Als privater Vermieter muss man damit rechnen, dass der Gast die Wohnung in schlechtem Zustand hinterlässt.
  • Das Kleingeschriebene sollte ebenso beachtet werden wie bei einem normalen Vertrag.

Private Anbieter im Internet:

  • Private tauschen untereinander: : Für knapp 10 Franken pro Monat können Teilnehmer ihr Domizil (2012: 75 000 Unterkünfte) tauschen.
  • : Das ist eine spanische Plattform mit Suchmaschine. Der Schwerpunkt liegt auf Spanien, Frankreich und Italien.
  • Private vermieten an Private:: Das Start-up-Unternehmen in Lausanne hat heute rund 170 000 Appartements (NZZ) und Häuser auf Lager; darunter auch edle Unterkünfte. Die Betreiber nehmen eine Provision von 20 Prozent des Mietpreises.
  • : Diese Plattform gilt insbesondere unter Studenten und hippen Menschen als gute Alternative zum Hotel. Im vergangenen Jahr wurden 10 Millionen Nächte in 192 Ländern gebucht. Wer mitmachen will, muss Mitglied werden. www.wimdu.de: über 150 000 Unterkünfte in 100 Ländern. Vom Studio in der Stadt bis zur Landvilla ist alles zu haben.

sh