DROGEN: Cannabis: Was weiss man wirklich?

Die kontrollierte Freigabe von Cannabis wird auch in der Schweiz wieder ein Thema. Aber wie gefährlich ist diese Substanz? Führt sie zu psychischen Störungen?

Interview Pirmin Bossart
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Die für die Rauschwirkung verantwortlichen Stoffe sitzen hauptsächlich in den Blüten der Cannabispflanze. (Bild: Getty)

Die für die Rauschwirkung verantwortlichen Stoffe sitzen hauptsächlich in den Blüten der Cannabispflanze. (Bild: Getty)

Herr Stohler, über die Folgen des Cannabiskonsums liest man Widersprüchliches. Oft fühlt man sich an einen Glaubenskrieg erinnert. Was gibt es heute für wissenschaftlich gesicherte Erkenntnisse?

Ruedi Stohler*: Der wissenschaftliche Streit geht darum, ob ein ausgeprägter Konsum von Cannabis zu psychischen Störungen und anderen unerwünschten Folgen wie etwa Schulversagen führt, oder ob der Konsum eher Ausdruck schwieriger Lebensumstände ist. Also: Konsumiert jemand häufiger Cannabis, weil er in einer schwierigen Situation steckt, oder gerät jemand in schwierige Situationen, weil er häufig Cannabis konsumiert? Einige Forscher finden, dass ein kausaler Zusammenhang zwischen bestimmten Schädigungen und der Substanz nachgewiesen ist. Andere sagen das Gegenteil.

Ihre Meinung?

Stohler: Ein wissenschaftlich gesicherter Kausalzusammenhang lässt sich nicht nachweisen. Es kommt mir oft vor wie der bekannte Zusammenhang zwischen der Anzahl von Störchen und der Häufigkeit von Babys: Wenn in einem bestimmten Gebiet die Anzahl der Störche abnimmt und gleichzeitig weniger Babys geboren werden, hat das auch kausal nichts miteinander zu tun.

Letztes Jahr zeigte eine neuseeländische Studie auf, dass Cannabis die intellektuelle Leistungsfähigkeit nachhaltig schädigen kann. Was sagen Sie dazu?

Stohler: Ich nehme Studien zur Kenntnis und versuche, die Ergebnisse einzuordnen. Bei solchen Nachweisen sind immer so viele Faktoren mitbeteiligt, dass es statistisch einfach sehr schwierig bis unmöglich ist, dem Problem gerecht zu werden. Es ist in einem gewissen Sinne auch attraktiv, die Schuld an psychischen Störungen Substanzen zuzuweisen. Das bietet sowohl eine Einordnung wie eine Entlastung. Beides ist bequem.

Sie gehen davon aus, dass Cannabis die kognitiven Leistungen nicht beeinträchtigt und die schulischen Leistungen durch den Konsum nicht beeinflusst werden?

Stohler: Wenn ein Schüler den ganzen Tag am Handy herumfummelt, wird er schulisch auch wenig Erfolg haben. Wenn einer ständig Cannabis konsumiert, ist das alles andere als gut. Es ist immer eine Frage der Menge. Alles, was exzessiv betrieben wird, ist für die Entwicklung nicht gut. Wenn der Konsum regelmässig und zentral wird, ist das sicher ein Problem. Jugendliche verpassen wichtige Erfahrungen, schränken die sozialen Kontakte ein, fallen womöglich durchs Netz.

Es wird gelegentlich behauptet, dass Cannabis schizophrene Störungen auslöse.

Stohler: Auch dafür gibt es keine gesicherten Erkenntnisse. Die Tatsache, dass rund die Hälfte der an Schizophrenie Erkrankten Cannabis konsumiert, heisst nicht, dass sie durch den Konsum schizophren geworden sind. 30 bis 40 Prozent der Konsumenten sagen, dass sie dank Cannabis besser mit der Störung umgehen können. Wenn es tatsächlich eine Kausalität zwischen Cannabiskonsum und Schizophrenie gäbe, müssten wir in den letzten 30 Jahren einen deutlichen Anstieg der Schizophrenie-Erkrankungen feststellen. Doch fast alle Studien zeigen, dass wir eher eine Abnahme haben.

Besteht die Gefahr, dass durch Cannabis gerade Jugendliche psychotisch werden können?

Stohler: Dass psychisch gesunde Menschen, die kiffen, eine Psychose bekommen, habe ich nie erlebt. Aber wenn Leute, die eine etablierte Schizophrenie haben, Cannabis konsumieren, kann es sein, dass einige mit einer vermehrten Ausprägung der Symptome reagieren. Andererseits erleben auch psychisch gesunde Menschen beim Konsum von Cannabis eine Distanzierung von der Realität und eine verzerrte Wahrnehmung, also eine quasi-psychotische Wirklichkeit. Aber das ist sehr oft gerade die Motivation für Leute, die Cannabis konsumieren: Sie wollen diese Zustände erleben. Soll man sie deswegen als psychotisch bezeichnen?

Gibt es auch irreversible Schädigungen oder Beeinträchtigungen durch Cannabis?

Stohler: Dass Rauchen nicht gesund ist, brauche ich nicht zu betonen. Meistens wird Cannabis geraucht. Deswegen kommt es zu ähnlichen Schädigungen wie beim Konsum von Tabak. Während der Intoxikation von Cannabis ist es um das Kurzzeitgedächtnis sehr schlecht bestellt. Aber die Gedächtnisleistungen sind mit grosser Wahrscheinlichkeit wiederherstellbar, sobald man wieder einige Wochen abstinent ist.

Was ist heute anders am Cannabiskonsum als vor 20 oder 30 Jahren?

Stohler: Der Konsum ist sicher viel mehr verbreitet. Zum andern ist auch die THC-Konzentration gestiegen: Das Tetrahydrocannabinol (THC) ist hauptsächlich für die berauschende Wirkung verantwortlich. Aber es gibt auch hier Untersuchungen, die zeigen, dass die Konsumenten bei einem doppelt so hohen THC-Gehalt nicht automatisch auch doppelt so stark «drauf» sind.

Wie meinen Sie das?

Stohler: In den allermeisten Fällen passen die Konsumenten die Menge des inhalierten Cannabis der höheren THC-Konzentration an. Man kifft, bis man quasi den gewünschten Zustand erreicht hat, und nicht mehr.

Wie viel stärker ist denn der Stoff heute geworden?

Stohler: Es gibt gezüchtete Sorten, die einen THC-Gehalt von 20 und 30 Prozent aufweisen. Aber das sind Ausnahmen. Im Durchschnitt ist der THC-Gehalt von 2,5 auf 3,5 Prozent gestiegen. Er ist also viel weniger hoch, als man aufgrund von gewissen Pressemeldungen meinen könnte. Es ist auch so, dass die gezüchteten Sorten viele Verunreinigungen enthalten. Etwa Düngerstoffe. Auch wird Bleispray verwendet, um das Gewicht der Blüten zu vergrössern.

Ist der Alkoholkonsum letztlich schädlicher als das Kiffen, wie das hier und dort behauptet wird?

Stohler: Es ist immer wieder die Frage nach der Menge. Ein Glas Wein täglich ist nicht schädlich. In grösseren Mengen konsumiert, führt der Alkohol häufiger zu Erkrankungen und ist gefährlicher als Cannabis. Eine Alkoholabhängigkeit hat mit Sicherheit schwerere Folgen als eine Cannabisabhängigkeit.

Spielt es eine Rolle, ob man schon mit 16 Jahren kifft oder erst mit 22 Jahren damit beginnt?

Stohler: Es scheint intuitiv einleuchtend, dass dies so sein könnte. Doch in den meisten Untersuchungen wurden keine Hinweise darauf gefunden. Dort, wo dies der Fall war, scheint das erhöhte Risiko eher durch die längere Zeit, während der konsumiert wurde, zu Stande gekommen zu sein, als einer sensiblen Altersperiode geschuldet.

Heute sind Drogen wie Kokain, Ritalin, Amphetamine und andere chemische Substanzen, die teilweise leistungsfördernd wirken, zunehmend beliebt. Ist deren Konsum verträglicher als Cannabis?

Stohler: Das ist auch hier eine Frage der Dosis und der Begleitumstände. Eine Tablette Ritalin pro Tag ist nicht gefährlich. Bei Cannabis verläuft der Konsum kontrollierter als bei Kokain oder Amphetaminen. Es besteht kaum die Gefahr, dass der Konsum ins Exzessive geraten kann. Auch eine Abhängigkeit ist bei Cannabis viel weniger ausgeprägt.

Der Cannabiskonsum hat sich in der Schweiz auf einem hohen Niveau eingependelt. Spricht das für eine kontrollierte Abgabe?

Stohler: Es spricht für eine Entkriminalisierung. Auch die Repression kann Schäden bewirken, vor allem bei den Jugendlichen. Es hängt stark von den Erziehungsberechtigten ab, wie sie auf eine Anzeige oder Busse reagieren. Je nach dem kann eine Intervention den Jugendlichen zurückwerfen. Aber natürlich kann sie auch nützlich sein, indem sie mit einer guten Begleitung neue Perspektiven eröffnet. Ein grosser Schaden ist, wenn durch Repression Jugendliche aus den sozialen Zusammenhängen herausfallen, wenn sie nicht mehr in die Schule können, die Lehrstelle verlieren.

Was sagen Sie zu einem kontrollierten Verkauf von Cannabis, wie das neuerdings in Colorado praktiziert wird? Auch in Genf oder Winterthur wird ein legalisierter Umgang diskutiert.

Stohler: Ich könnte mir ein solches Modell vorstellen. Damit würde die Substanz besser kontrollierbar. Sie wäre nicht mehr durch Schadstoffe verunreinigt. Zum andern könnte man eine Entflechtung der Märkte erreichen. Die gleichen Dealer, die heute mit Cannabis handeln, bieten auch stärkere Substanzen wie Kokain oder Heroin an. Man könnte gezielter Informationen über die schädlichen Wirkungen an die Leute bringen. Schliesslich liessen sich mit einer reineren Substanz und spezifischen Kiffergruppen auch die Folgen des Konsums besser studieren. Ich bin also nicht der Überzeugung, dass mit einer kontrollierten Freigabe das Abendland untergehen würde.

Was hat man bis heute für Erfahrungen mit der Entkriminalisierung gemacht?

Stohler: Es gibt bis jetzt keine Hinweise, dass dadurch der Konsum explodieren würde, im Gegenteil: In Holland nimmt der Konsum von Cannabis eher ab. Es wird unter den dortigen liberalisierten Umständen weniger gekifft als in der Schweiz. Auch in Portugal, wo der Konsum entkriminalisiert ist, geht der Konsum zurück.

Cannabis ist auch medizinisch gesehen eine interessante Pflanze. Sie hat viele positive Eigenschaften. Was wissen wir heute darüber?

Stohler: Gesichert ist, dass Cannabisprodukte gut wirken bei gewissen Schmerzen und bei spastischen Beschwerden, wie sie nach einem Schlaganfall oder bei der Multiplen Sklerose auftreten. Sie unterdrücken auch einige Nebenwirkungen bei Chemotherapien (Übelkeit, Appetitlosigkeit). Eventuell wirken sie sich günstig auf die Eindämmung gewisser Tumore aus. Man weiss auch, dass das im Cannabis enthaltene Cannabidiol anti-psychotisch, also wie ein Neuroleptikum, anti-epileptisch und neuro-protektiv wirken kann. Die Forschung auf diesem Gebiet ist in den letzten Jahren extrem intensiviert worden, und es treten laufend auch neue positive Wirkungen zu Tage.

Ruedi Stohler

Zur Person Dr. med. Ruedi Stohler war bis zu seiner Pensionierung 2013 Leitender Arzt des Zentrums für Abhängigkeitserkrankungen an der Psychiatrischen Uniklinik Zürich. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören Substanzstörungen, davon speziell Störungen durch Alkohol, Opioide, Stimulanzien, Kokain und Cannabis.