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Ein Leben als falsche Ameise

Tiere können gehörig bluffen. Sie geben sich als wehrhaft und aggressiv aus, indem sie die Form oder Farbe eines anderen Tieres nachahmen. So auch eine Wespe, die sich als Ameise «tarnt».
Siegfried Keller
Die Schlupfwespe, die wie eine Ameise aussieht, legt ihre Eier in ein Spinnengelege. Dort werden diese zu Larven. (Bild: Siegfried Keller)

Die Schlupfwespe, die wie eine Ameise aussieht, legt ihre Eier in ein Spinnengelege. Dort werden diese zu Larven. (Bild: Siegfried Keller)

Es gibt bei den Insekten viele Arten, die sich für etwas ausgeben, was sie gar nicht sind. Spannerraupen können aussehen wie kleine Aststücke, Nachtschmetterlinge ahmen Vogelkot nach oder Schwebfliegen sehen aus wie giftbewehrte Wespen, um nur einige bekanntere Beispiele zu nennen. In der Biologie spricht man dann von Mimikry. Auch Ameisen werden gerne nachgeahmt, gelten doch auch sie als wehrhaft. So hat eine ganze Gruppe von Wespen die offizielle deutsche Bezeichnung «Ameisenwespen» erhalten, Mutillidae heissen sie auf ­Lateinisch. Sie alle leben schmarotzerisch bei Wildbienen, Grabwespen und einigen anderen Insekten.

Die etwa fünf Millimeter lange Gelis-Wespe, die einer Roten Gartenameise täuschend ähnlich sieht, gehört aber nicht zu den Ameisenwespen. Mit diesen hat sie allerdings zwei wichtige Gemeinsamkeiten: Sie lebt als Schmarotzer, und die Weibchen haben keine Flügel.

Das Opfer wird von innen her aufgefressen

Sie gehört zu den Echten Schlupfwespen, den Ichneumoniden. Doch von diesen unterscheidet sie sich wiederum durch ihre ­Lebensweise. Typisch für die Ichneumoniden ist die parasitische Lebensweise: Das Weibchen legt normalerweise ein Ei in oder an ein Wirtsinsekt, die ausschlüpfende Larve frisst das Opfer von innen her auf oder saugt es von aussen her aus. Unter den Insekten gehört unsere Gelis melanocephalus nicht zu den VIP (Very Important Parasites), weshalb sie keinen deutschen Namen hat.

Ihre Opfer sind die Gelege von Streckerspinnen. Mit ihren langen, sensiblen Fühlern spürt sie die an der Unterseite von Grasblättern befestigten Ei-Kokons auf. Diese enthalten einige Dutzend Spinneneier, die von einer dichten Schicht von Spinnenseide umhüllt sind. Doch diese bietet keinen Schutz vor der Wespe. Mit ihrem kräftigen Legestachel durchstösst sie das Gewebe und legt ein Ei zwischen die Spinnen-Eier. Die nach wenigen Tagen ausschlüpfende Wespenlarve beginnt nun, ein Spinnen-Ei nach dem anderen zu verzehren, eine Lebensweise, wie sie für räube­rische Insekten typisch ist.

Sie verpuppt sich im Kokon der Spinne

Ist sie ausgewachsen, verpuppt sie sich im Ei-Kokon der Spinne. Wenn sie im Schutz der dichten Lage von Spinnenseide ihre Entwicklung vollendet hat, gelangt die Wespe durch ein selbst gefertigtes Loch ins Freie. Normalerweise verzehrt die Wespenlarve nicht alle Spinnen-Eier, sodass immer noch einige Jungspinnen schlüpfen.

Ungeklärt ist die Frage, wie die ungeflügelten Gelis-Weibchen in der ihnen zur Verfügung stehenden relativ kurzen Lebenszeit genügend Spinnengelege finden, um die Erhaltung der Art zu sichern. Dazu muss man sich vorstellen, dass die Spinnengelege über eine grössere Fläche verstreut und in einer meist dichten Vegetation versteckt sind. Man kann nur darüber spekulieren, dass sie über äusserst sensible Sinnesorgane verfügen, die in der Lage sind, die Spinnengelege über grössere Distanzen zu lokalisieren.

Die Gattung Gelis ist sehr ­artenreich. Neben ungeflügelten kommen auch geflügelte Arten vor. Jede Art hat ihre bevorzugten Wirte. Darunter gibt es Arten, die Schädlinge wie das Getreidehähnchen parasitieren, was allerdings nur dann möglich ist, wenn keine giftigen, tödlichen Insektizide versprüht werden.

Siegfried Keller

kultur@luzernerzeitung.ch

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