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Ein Liebespaar trotz Zölibat

Wir sind zwei grosse Bäume. Von aussen betrachtet, stehen wir aufrecht nebeneinander. Die Wurzeln aber sind innig miteinander verbunden.» So beschreibt Pia Gyger (72) die aussergewöhnliche Beziehung, die sie und Niklaus Brantschen (75) seit mehr als 40 Jahren leben.
Stephanie Hess
Der Pater und die Ordensfrau: Niklaus Brantschen und Pia Gyger. (Bild Werner Schelbert)

Der Pater und die Ordensfrau: Niklaus Brantschen und Pia Gyger. (Bild Werner Schelbert)

Aussergewöhnlich, weil sie als Ordensfrau der ökumenischen Gemeinschaft des Katharina-Werks und er als Jesuit seit Jahrzehnten an den Zölibat gebunden sind. Aussergewöhnlich auch, weil die Beziehung von einer grossen Liebe getragen wird, in der Sexualität nicht ausgeklammert, sondern in einer Weise gelebt wird, wie sie nicht dem gängigen Bild entspricht. In ihrem sehr persönlichen Buch «Es geht um die Liebe», das am kommenden Sonntag im Lassalle-Haus im zugerischen Edlibach Vernissage feiert, erzählen die zwei von dieser speziellen Beziehung und von ihren Visionen.

Wie alles begann

Ihren Anfang nahm die Liebe zwischen dem Pater und der Ordensfrau 1972. «Als wir uns kennenlernten, merkten wir bald, dass wir uns nicht nur viel zu sagen hatten, sondern uns richtig gut mochten», erzählt Pia Gyger. «Zuerst versuchten wir, unsere Gefühle zu ignorieren. Doch das half nichts.» Also begannen sie, miteinander darüber zu reden – es war der Anfang einer grossen Liebe. Einer Liebe, die vor allem zu Beginn nicht überall auf Verständnis gestossen ist.

«Wir haben unsere Beziehung immer offen kommuniziert», sagt Niklaus Brantschen beim Gespräch mit der «Zentralschweiz am Sonntag» im Lassalle-Haus. «Uns beiden war von Anfang an klar, dass wir kein Doppelleben führen würden.» Und seine Pia Gyger fügt an: «Hätten wir es nicht geschafft, zölibatär zu leben, wären wir ausgetreten und hätten geheiratet.» Doch so weit kam es bekanntlich nicht, auch wenn der Weg, den die beiden beschritten, oft steinig war.

Neuentfaltung der Sexualität

«Wir beide haben eine Berufung für den Zölibat, aber diese Berufung zu haben, heisst nicht, dass es leicht ist», sagt Pia Gyger und hebt lächelnd den Zeigefinger. Im Buch beschreiben sie diese Schwierigkeit so: «Wir haben auf die Ehe verzichtet. Und wir haben auf Kinder und Enkelkinder verzichtet. Und das kann mitunter wehtun.»

Der Zölibat bedeutet, keine sexuelle Nähe zu leben. Doch wie weit darf der körperliche Kontakt in ihrer engen Freundschaft gehen? Diese Frage scheint sie nicht zu überraschen. «Zärtlichkeit in Gesten und Sprachen ist sehr wichtig», sagt Niklaus Brantschen. Sie legt ihre Hand auf die seine, er berührt sie an der Schulter.

Obwohl sie die Sexualität nicht in ihrer ursprünglichen Form ausgelebt haben, verdrängen die beiden sie nicht. Im Gegenteil. «Ich habe versucht, abzuspalten und Pia nur mit dem Herzen und dem Kopf zu lieben», sagt Niklaus Brantschen. «Und sie erwiderte mir dann: «Was fällt dir ein, du darfst nichts abspalten. Wir müssen diese sexuelle Kraft integrieren und transformieren.» Diese Transformation, also Umleitung der sexuellen Energie, ist für beide ein zentrales Thema. Pia Gyger: «Wir brauchen heute eine Neuentfaltung der Sexualität.» Und was bedeutet das? «Das wichtigste Ziel der Geschlechtlichkeit war während Jahrtausenden die Arterhaltung. Heute wird für uns mehr und mehr deutlich, dass Sexualität mehrdimensional zu verstehen ist. Die in ihr verborgene grosse Energie kann auf verschiedene Weise in schöpferische Kraft umgewandelt werden.»

Eine solche Umwandlung haben die beiden vollzogen. Sie haben zahlreiche «Kinder», wie sie ihre Projekte nennen, die sie in den letzten 40 Jahren zusammen verwirklicht haben (siehe Box).

Keine Liebe im Schnellverfahren

Und was raten die beiden, die im Laufe der Jahre auch Seminare zur Kultur der Partnerschaft geleitet haben, in Sachen Liebe? «Die innere Einkehr ist zentral für eine funktionierende Partnerschaft», sagt Niklaus Brantschen. «Wer nicht bei sich sein kann, kann auch nicht beim anderen sein.» Und Pia Gyger sagt: «Man muss an einer seelischen Intimität arbeiten. Niklaus und ich telefonieren jeden Tag miteinander. Und dann frage ich ihn: Wie geht es dir? Und ich möchte ihn damit auf drei Ebenen fragen, auf der psychischen, der physischen und der spirituellen.» Niklaus Brantschen fügt an: «Und es braucht auch Geduld. Denn die Liebe gibt es nicht im Schnellverfahren. Wie alles, was im Leben zählt.»

Hinweis

Buchvernissage: Sonntag, 20. Oktober, 16 Uhr, Lassalle-Haus. www.lassalle-haus.ch

«Es geht um die Liebe. Aus dem Leben eines zölibatären Paares», erschienen im Kösel-Verlag.

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