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«Eine der schlimmsten Saisons seit zehn Jahren»

Federico Gagliano

Marco Conedera, Südeuropa steht in Flammen. Wer oder was ist schuld daran?

Im Moment herrscht eine besondere meteorologische Lage mit andauernder Trockenheit und starken, trockenen und warmen Winden, zum Beispiel der Scirocco in Sizilien. Diese wirken sehr feuerfördernd. Es genügt eine kleine Energiequelle zum Entfachen eines Feuers, das schnell ausser Kontrolle gerät.

Es scheint so, als würden die Brände jedes Jahr zunehmen – woran liegt das?

Das stimmt so nicht ganz. Es gibt eigentlich keine lineare und regelmässige Zunahme von Jahr zu Jahr. Es ist ähnlich wie beim Klima: Das Klima wird tendenziell wärmer, aber nicht jedes Jahr ist wärmer als das vorangehende. Neben kurzfristigen meteorologischen Faktoren wie die bereits erwähnte Kombination aus extremer Trockenheit mit Winden gibt es Faktoren, die längerfristiger und viel schleichender wirken, zum Beispiel Änderungen in der Landnutzung. Die traditionellen landwirtschaftlichen Aktivitäten, die das Land flächendeckend und engmaschig bewirtschafteten und pflegten und dabei auch die brennbare Biomasse kontrolliert vernichteten oder wiederbenutzten, gehen auch im Mittelmeerraum immer mehr zurück. Die verlassenen, brach gelegenen Flächen verwildern und verwuchern. Bei Trockenheit liefern sie eine enorme Menge von zusammenhängenden Brennmaterialien, die das Feuer füttern. Die Waldbrände werden dadurch nicht unbedingt häufiger, aber heftiger, sodass die Feuerwehr immer mehr Mühe hat, bei einem Waldbrand die Flammen unter Kontrolle zu kriegen.

Wie schlimm ist die Lage im Vergleich zu anderen Jahren?

Es ist sicher eine der schlimmsten Saisons seit zehn Jahren, vor allem auch weil die Hitzewelle etwas früher, zum Teil sogar schon im Juni, angefangen hat.

Ist es möglich, sich auf die Brände vorzubereiten und so das Risiko zu senken?

Ja, genau wie bei den Ursachen gibt es auch bei der Prävention verschiedene Zeithorizonte und Verfahren zur Vorbereitung. Langfristig muss man bei der Landschaftsplanung und -nutzung auf die Menge und Verteilung der Biomasse achten und möglichst keine sogenannte «Urban-Wildland-Interface» schaffen. Das heisst: keine Gebiete schaffen, wo Verkehrswege, Siedlungen und brennbare Vegetation eng aufeinanderstossen. Mittelfristig kann man durch das Informieren der Bevölkerung das Risiko vermindern und durch gezielte Massnahmen, wie die richtige Ausbildung und Ausrüstung der Feuerwehr mit Übungen der Löschstrategien, die Effizienz der Löschaktionen steigern. Kurzfristig muss der Bereitschaftsgrad der Feuerwehr konstant der tatsächlichen Ge­fahren­situa­tion angepasst werden, da es wichtig ist, dass die Löschaktion sofort nach der Feuerentfachung, wenn die Brandherde noch klein sind, startet.

Welche langfristigen Auswirkungen haben die Brände auf Natur und Umwelt?

Feuer ist in erster Linie eine unregelmässige Störung, die ein Ökosystem aus dem momentanen Gleichgewicht bringt und Biomasse vernichtet. Die Effekte vom Feuer hängen deshalb vom sogenannten Feuerregime ab. Darunter versteht man viele Faktoren wie zum Beispiel Häufigkeit, Intensität und Flammentyp eines Feuers. In Wäldern, die immer wieder von Bränden geplagt werden, ist die Vegetation sozusagen feuerfest. Dort überleben die angepassten Pflanzenarten, weil sie wissen, wie sie auf Feuer reagieren müssen, oder weil ihre Samen nur nach einem Hitzeschock keimen. Die Macchie, eine charakteristische Pflanzenformation im mediterranen Klima, gehört zum Beispiel dazu. Solche Gebilde entstehen nur, solange sie durch Feuer immer wieder heimgesucht werden, und sie könnten sich mit der Zeit zu richtigen Wäldern entwickeln, sollte für eine längere Zeit kein Feuer ausbrechen.

Wie sieht es an Orten aus, in denen Brände selten vorkommen?

An Orten, wo Feuer selten vorkommt, wie zum Beispiel in Schweizer Wäldern, sind die Folgen langfristiger und schwerer. Das liegt daran, dass unsere Gebiete nicht daran angepasst sind. Waldbrände haben bei uns eine weitere Folge, besonders im Gebirge: Die Erosions- und Lawinengefahr steigt, weil die Bäume Regenwasser und Schnee nicht mehr aufhalten können.

Welche Regionen der Schweiz sind besonders bedroht?

Es sind die ganze Alpensüdseite mit Tessin, Südbündner Tälern und Simplon Süd sowie die Föhngebiete der Nordschweiz in den Kantonen Wallis, Graubünden, Bern und Uri.

In Italien werden rund 60 Prozent der Brände willentlich gelegt. Wie sieht es in der Schweiz aus?

Für die Periode 2000–2017 haben wir landesweit folgende Ursachen gefunden: Rund 60 Prozent der bekannten Ursachen sind auf die Fahrlässigkeit von Menschen zurückzuführen. Bei weiteren 10 Prozent der Feuer handelt es sich um willentliche Brandstiftung. 18 Prozent der Feuer entstehen durch Blitzschläge, dies geschieht aber nur im Sommer und meistens in den Alpen. Die restlichen Feuer entstehen durch Funken, die von Hochspannungsleitungen springen, oder durch ähnliche Vorfälle.

Interview: Federico Gagliano

Hinweis

Marco Conedera ist Forstingenieur und Forschungseinheitsleiter an der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL), für die er im Tessin zu Waldbränden forscht.

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