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ENTFREMDUNG: Unbekannte Natur

«Nature Deficit Disorder» wird das Phänomen genannt: Menschen entfremden sich von der Natur aus unterschiedlichen Gründen. Weil sie sich zu viel in der virtuellen Welt bewegen oder Städter sind.
So sollte es sein: Abenteuer im Freien, am besten unbeaufsichtigt von Erwachsenen. (Bild: Sigi Tischler/Keystone)

So sollte es sein: Abenteuer im Freien, am besten unbeaufsichtigt von Erwachsenen. (Bild: Sigi Tischler/Keystone)

Juliette Irmer

Spätestens im Alter von 40 weiss man, dass früher alles besser war: Kinder spielten auf der Strasse «Räuber und Poli», bauten Baumhäuser und kamen abends dreckig und mit aufgeschlagenen Knien nach Hause. Heute verbringen viele Kinder einen grossen Teil ihrer Zeit in Innenräumen und kommen mit Natur kaum noch in Berührung. Das Bild mag überzeichnet sein, der Trend aber scheint eindeutig.

Seit 20 Jahren verfolgt der «Jugendreport Natur» das Verhältnis junger Menschen zur Natur. «Die Ergebnisse zeigen deutlich: Die Distanz zur Natur wird immer grösser», sagt Rainer Brämer, Lehrbeauftragter am Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Marburg und Initiator des «Jugendreports Natur». Verblüffend ist, dass grundlegendes Wissen verloren geht. So wussten nur 35 Prozent der Befragten wo die Sonne aufgeht. Ein Fünftel kreuzte «Norden» an. 2010 hatten noch zwei Drittel der Teilnehmer richtig geantwortet.

Auch eine Referenz für die Schweiz

«Der ‹Jugendreport Natur› ist auch für uns eine wichtige Referenz, denn wir gehen davon aus, dass die Resultate in der Schweiz ähnlich wären», sagt Rico Kessler von Pro Natura in Basel. Generell wird das Phänomen der Naturentfremdung im deutschsprachigen Raum aber kaum wahrgenommen. In Amerika und England hingegen gibt es ein wachsendes Bewusstsein und eine Bezeichnung für das Phänomen: «Nature Deficit Disorder».

«Schon die Elterngeneration hat wichtige Verbindungen zum arteigenen Biotop verloren und kann sie daher nicht mehr für ihren Nachwuchs knüpfen», sagt Brämer. Die Entwicklung macht sich auch in unserer Kommunikationskultur bemerkbar, denn Naturbegriffe verschwinden aus Songtexten, Romanen und Filmen wie eine im März erschienene Studie feststellte. Zum Teil ist das gar eine bewusste Entscheidung: Als 2015 die Jugendausgabe des «Oxford Dictionary» neu aufgelegt wurde, protestierten namhafte britische Autoren gegen die Wortauswahl: Naturbegriffe wie Kanarienvogel, Grasland und Brombeere waren aus dem Jugendlexikon gestrichen worden, um Wörtern wie Blog und Voicemail Platz zu machen. Ein deutlicher Hinweis dafür, dass der Mensch den Kontakt zur Natur verliert. Die Ursache sei der technische Fortschritt: Fernsehen, Video- und Internetspiele. Eine naheliegende Erklärung, wenn man sich den Medienkonsum Jugendlicher anschaut. Im «Jugendreport Natur» gab mehr als die Hälfte an, mindestens drei Stunden pro Tag vor Bildschirmen zu verbringen.

«Die Spiele bieten eine unendliche Fülle an Bewährungsmöglichkeiten in einem ähnlich wie früher in der Natur weitgehend unkontrollierten Raum. Die Natur hält mit der hohen Reizdichte dieser Spiele nicht mit und erscheint langweilig», so Brämer. Daneben existieren aber weitere Gründe für die zunehmende Entfremdung: Laut einer Studie der Vereinten Nationen leben 75 Prozent der Bevölkerung in den Industriestaaten in Städten, ein Trend, der sich in den nächsten Jahrzehnten verstärken wird. Wer in der Stadt aufwächst, hat selten die Möglichkeit, Baumhütten zu bauen und Tiere zu beobachten. Selbst der Naturschutz ist Teil des Problems: «Früher war es selbstverständlich, sich als Kind ein Einmachglas mit Kaulquappen zu holen und die Umwandlung zum Frosch zu beobachten», sagt Uwe Fritz, Direktor der Senckenberg Naturhistorischen Sammlungen Dresden, «heute macht man sich damit strafbar.»

Abnehmende Kenntnisse an der belebten Umwelt

Schon länger beklagen Biologen, die abnehmenden Kenntnisse an der belebten Umwelt. Eine Allensbach-Umfrage im Auftrag der Deutschen Wildtierstiftung von 2016 bestätigt den Eindruck: Auf die Frage «Wo sollte man sich auskennen?», rangieren Rechtschreibung (81%), Gesundheitsvorsorge (52%) und der Umgang mit Computern (46%) weit vor Kenntnissen der Natur (25%).

Das hat konkrete Auswirkungen: «Im Naturschutz gibt es bereits Engpässe, weil das fachliche Know-how fehlt», sagt Fritz. «Weil viele Menschen gar nicht wahrnehmen, wie schlecht der Zustand der Biodiversität in der Schweiz ist, sehen sie keinen Handlungsbedarf. Das wirkt sich direkt auf die Politik aus: Obwohl die Schweiz – auch im Vergleich zu seinen Nachbarländern – einen grossen Handlungsbedarf im Naturschutz hätte, geschieht viel zu wenig», sagt Kessler.

Neben den negativen Auswirkungen für die Natur existieren auch welche für den Menschen: Wer seine Freizeit ausschliesslich in virtuellen Räumen verbringt, gefährdet seine Gesundheit. Zahlreiche Studien belegen, dass der Aufenthalt im Grünen zum Wohlbefinden beiträgt: Blutdruck und Puls sinken, ebenso der Kortisolgehalt im Blut – man entspannt. Studien belegen, dass Menschen, die in der Nähe von Grünflächen leben, psychisch gesünder und glücklicher sind als solche, die von Gebäuden umgeben sind.

Wie also den Trend umkehren? Neben einem lebensnahen Naturunterricht in Schulen und Bauernhöfen, plädiert Brämer auch «für mehr Aufenthalte im Wald – für Kinder allerdings unbeaufsichtigt und mit Gleichaltrigen».

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