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ERBIL: Die letzten Christen

Bis Ende 2014 verliessen die letzten Christen die irakische Stadt Mossul. Viele fanden in den angrenzenden Kurdengebieten Zuflucht, auch ein komplettes Altersheim. Eine der Frauen sucht noch immer ihren Sohn.
Christopher Gilb
Eine der Bewohnerinnen des kleinen Altersheims im christlichen Stadtteil von Erbil. Als Mossul vom IS eingenommen wurde, verschleppten die Schergen ihren Sohn.

Eine der Bewohnerinnen des kleinen Altersheims im christlichen Stadtteil von Erbil. Als Mossul vom IS eingenommen wurde, verschleppten die Schergen ihren Sohn.

Christopher Gilb

christopher.gilb@zugerzeitung.ch

Rund 40 000 Personen leben regulär in Ankawa, einem Viertel von Erbil, der Hauptstadt der kurdischen Autonomieregion im Nordirak. Es handelt sich dabei grösstenteils um Mitglieder der chaldäisch-katholischen Kirche, die den katholischen Zweig der sogenannten «Kirche des Ostens» bildet. Zusammen mit Syrien und der Türkei zählt das biblische Mesopotamien zu den ältesten christlichen Siedlungsgebieten der Erde.

Erzbischof der Diözese Erbil ist der 48-jährige Bashar Warda. Die Kathedrale der Diözese befindet sich in Ankawa. Ein beliebtes Viertel, denn hier kann das eine oder andere Bier und auch einmal ein Glas Wein getrunken werden. Es gibt sogar ein Restaurant, das sich «Deutscher Hof ­Erbil» nennt und passenderweise über einen Biergarten verfügt. Fragt man junge Muslime, was sie am Abend machen. Heisst es oft: «Nach Ankawa gehen.»

Der Exodus aus Mossul

Der Schatten von jahrelangem Krieg im Irak hat sich aber auch über dieses sonst so lebensfrohe Viertel gelegt. Allein in den fünf Jahren von 2003 bis 2008, in denen die religiösen Konflikte im Irak zu eskalieren begannen, ist die katholische Bevölkerung des Landes von 800 000 auf weniger als 300 000 gesunken – und dann kam auch noch der IS. Im Juni 2014 gelang es den Kämpfern des islamischen Staates überraschend, in kurzer Zeit die Millionenstadt Mossul einzunehmen. Nach der Einnahme erklärten sie die dort lebenden Schiiten zu «Abtrünnigen» und die Christen zu «Ungläubigen». Der selbst ernannte Kalif der Terroristen, Abu Bakr al-Baghdadi, gab den Christen in Mossul zwei Möglichkeiten: Entweder sie konvertieren zum Islam oder bezahlen einen Schutzzoll, was einem Sklavenstatus gleichgekommen wäre. Das wollten sie nicht. Es blieb also die Wahl zwischen Flucht und Tod. In den folgenden Monaten verliessen die letzten Christen die Stadt. Wie aus anderen Gegenden auch, flohen viele von ihnen nach Ankawa, wo heute weit mehr als 40 000 Personen leben. Insgesamt flohen rund 120 000 Christen aus der Region Mossul ins Ausland oder in die Kurdengebiete.

Unter diesen Flüchtenden waren auch elf betagte Frauen, die gemeinsam ein Altersheim in Mossul ­bewohnt hatten. Im letzten Moment organisierte die Ordensfrau, die sie betreute, einen Bus Richtung Erbil. «Ich konnte nur mitnehmen, was ich am Körper trug», erzählt die 1926 geborene Bahijia Benam. In Ankawa haben sie und ihre Leidensgenossinnen nun Zuflucht gefunden und bewohnen gemeinsam ein einfaches Haus. Betreut werden sie von den Ordensfrauen der Gemeinschaft der Schwestern vom Heiligen Herzen (Sacred Heart Sisters). Am 24. November 2014 wurde deren Konvent in Mossul vom IS in die Luft gesprengt. Zuerst hätten die Terroristen versucht, die vier Kreuze auf dem Dach zu sprengen und hätten dann das ganze Gebäude zerstört, erzählen die Schwestern.

Schwerpunktmässig arbeiten die Ordensschwestern in der Ausbildung von Mädchen und Frauen. Derzeit hat die Gemeinschaft knapp 3000 Mitglieder in 41 Ländern. Das Mutterhaus des Ordens mit Sitz der Generaloberin befindet sich in Rom. Hier in Erbil kümmern sich die Schwestern nun unter anderem um die Bewohnerinnen des Altersheims. Doch wie überall in dieser vom Krieg geplagten Region fehlt es auch in dem kleinen Haus an vielem. An Bettenliften beispielsweise, an Medikamenten, aber auch an entsprechenden Möbeln.

Immer wieder wiederholt sie seinen Namen

In einem der dunklen Räume, die sich jeweils vier der Frauen teilen, sitzt eine von ihnen auf ihrem einfachen Bett. Die Frau strahlt zeitlose Schönheit aus. Das wenige Licht aus dem kleinen Fenster in der Ecke des Raums strahlt auf ihr nachdenkliches, fast trauriges Gesicht. Dass sie ihren Frieden hier noch nicht gefunden hat, hängt mit ihrem Sohn zusammen. «Raken Yousif Mechail Hana al-Atrash.» Ständig wiederholt sie seinen Namen, dabei treten ihr Tränen ins Gesicht. In ihrem früheren Leben war die 1923 geborene Frau Zahnärztin. Auch ihr Sohn wurde Arzt. Jetzt hat sie ihn seit Jahren nicht mehr gesehen. Als der IS in Mossul einfiel, so erzählt sie es, sei ihr Sohn von den Terroristen entführt worden. Seitdem habe sie nichts mehr von ihm gehört.

Es gibt mehrere denkbare Varianten, was aus ihm geworden ist. Eine – und das ist die mit Abstand schlimmste – ist, dass er getötet wurde; eine andere, dass er zwischenzeitlich freigekommen ist, aber aus irgendeinem Grund noch keine Möglichkeit hatte, seine Mutter zu kontaktieren. Oder dass er sich in Gefangenschaft einer der etlichen versprengten IS-Gruppen befindet, die weiterhin durch die Region ziehen, und vielleicht noch nicht freigelassen worden ist, weil die Terroristen auf sein medizinisches Fachwissen angewiesen sind. Die Frau hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben. Wie ihr ergeht es vielen Müttern im Irak. Von den 6000 entführten Mitgliedern der religiösen Minderheit der Jesiden beispielsweise gelten auch heute noch rund die Hälfte als vermisst, obwohl der Grossteil des IS-Gebiets zurückerobert worden ist.

Auch Mossul ist zwischenzeitlich zurückerobert. So heisst es zumindest. Bereits wurde mindestens ein erstes kleines christliches Weihnachtsfest in der Stadt gefeiert. Zurückkehren, das wollen die Bewohnerinnen des Altersheims aber nicht. «Ihre Heimat sei zerstört», antworten sie auf die entsprechende Frage.

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