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ERBSTÜCKE: Die Erben überschätzen oft den Wert

Wie wertvoll sind die Briefmarkensammlung und das Gemälde, die der Grossvater vererbt hat? Meistens nicht so viel, wie es die Besitzer gerne hätten. Wer es aber genau wissen will, findet die Antwort bei Auktionshäusern.
Rainer Rickenbach
Eine Briefmarkenauktion im Luzerner Auktionshaus Rölli. (Bild: Eveline Beerkircher (Luzern, 16. Februar 2017))

Eine Briefmarkenauktion im Luzerner Auktionshaus Rölli. (Bild: Eveline Beerkircher (Luzern, 16. Februar 2017))

Rainer Rickenbach

rainer.rickenbach@luzernerzeitung.ch

Es gibt sie, die aufsehenerregenden Estrichfunde. Da war zum Beispiel das monumentale Gemälde, das jahrelang und unbeachtet in einem Zentralschweizer Dachstock Staub ansetzte. Als das Familienerbstück in den Besitz einer weiteren Generation überging, wandte sich der neue Besitzer schliesslich an das Luzerner Auktionshaus Fischer. Es hatte sich gelohnt: Das Bild entpuppte sich bei der Sachverständigenprüfung als Werk des belgischen Barockmalers Philippe de Champaigne aus dem 17. Jahrhundert. «Bei der Auktion erzielte das Gemälde einen Preis von 620000 Franken», sagt Kuno Fischer, Geschäftsführer des Auktionshauses für Kunst und Antiquitäten.

Oder da war die Frau aus Deutschland, die eine Couvertsammlung mit Schweizer Briefmarken geerbt hatte. Auch diese Postmarken fristeten jahrelang ein Dasein auf dem Estrichboden. «Die Frau wandte sich dann mit der Frage an uns, ob sie die Marken wegwerfen solle. Schliesslich stellte sich heraus, dass die Sammlung wertvoll war. Ein Sammler zahlte bei der Auktion 20000 Franken dafür», sagt Christian Holling vom Luzerner Auktionshaus Rölli, das auf Philatelie spezialisiert ist.

Doch Bilder und Briefmarkensammlungen, die sich bei der Begutachtung als wertvolle Exemplare herausstellen, sind nicht die Regel. Sie sind viel mehr die Ausnahme. Im Alltag sehen sich die Auktionshäuser und Experten nämlich meistens gezwungen, die Hoffnungen der ­Besitzer zu enttäuschen. Kuno Fischer: «Oft überschätzen die Besitzer den Wert ihrer geerbten Kunstgegenstände und Antiquitäten. Nur weil etwas alt ist, stellt es noch keine Kostbarkeit dar. Die aus­ser­gewöhnlichen Zufallsfunde bilden seltene Ausnahmen.»

Gleich verhält es sich mit den Briefmarkensammlungen. Holling: «Ungefähr jede zehnte hat zumindest den Frankaturwert erhalten. Doch nur etwa jede hundertste der uns vorgelegten Sammlungen hat einen philatelistischen Wert, der bei einer Auktion 10000 bis ­vielleicht 50000 Franken einbringen kann.» Es kommt darum vor, dass sich Besitzer von Erbstücken mit dem Bescheid der Gutachter nicht abfinden können. Fischer: «Dann ist die Einholung einer Zweitmeinung durchaus angebracht. Es empfiehlt sich aber, mit dem Gutachter vorab offen über allfällige ­Begutachtungskosten zu sprechen.» Schliesslich sollten die Abklärungen nicht teurer zu stehen kommen als der Wert des Erbstückes.

Bei Fischer gehen in einer Woche etwa zehn Aufträge für Wertabklärungen ein. Das Auktionshaus ist spezialisiert auf den Handel mit moderner Kunst, kümmert sich aber auch um Kunstgegenstände und Antiquitäten, deren Ursprung bis ins 15. Jahrhundert zurückreichen. «Die Abklärungen zur Bestimmung der ­Authentizität und des Wertes sind oft aufwendig. Wir inventarisieren, kontaktieren international führende, anerkannte Experten und recherchieren in der Literatur. Das nimmt zwei bis drei Wochen in Anspruch», erklärt Kuno Fischer. Die Kosten dafür trägt der Auftraggeber.

Gibt es Anzeichen, dass es sich beim Kunstgegenstand um ein so kostbares Exemplar, wie etwa das Barockgemälde von Philippe de Champaigne handelt, lässt das Auktionshaus das Werk begutachten – das erhöht die Rechnung, aber auch die Chance, dass das Werk dank abgeklärter und bestätigter Echtheit an der Auktion einen hohen Preis erzielt. Kommt es zur Versteigerung, erhält das Auktionshaus sein Honorar vom Einlieferer in Form einer Kommission. Als Durchschnittswert gelten 15 Prozent, bei weniger wertvollen Gegenständen sind es eher 20 Prozent. «Das ist Verhandlungssache», sagt Fischer.

Alter allein macht eine Briefmarke noch nicht wertvoll

Die Abläufe von der Schätzung bis zum Verkauf sind bei den Briefmarken ähnlich. Bei Rölli finden jede Woche Expertentage statt, an denen die Leute ihre Briefmarkensammlungen Fachleuten vorlegen. Zu Enttäuschungen kommt es dort vor allem bei Briefmarkensammlungen aus den Jahren 1960 bis 1980. In diesen Jahren herrschte ein wahrer Boom. Marken galten als «Aktie des kleinen Mannes», und viele Eltern scheuten ­keine Mühe, Kollektionen von Postwertzeichen mit Ersttagsstempeln für ihre Kinder anzulegen. Die Couverts mit akkurat gestalteten Marken waren für die Post ein gutes Geschäft, für die Erben sind sie es weniger. «Die Post hat damals Millionen von Sammlerexemplaren herausgegeben. Es sind heute so viele davon auf dem Markt, dass die Preise sich kaum bewegen», erklärt Christian Holling vom Auktionshaus Rölli. Ausnahmen bilden Raritäten wie der Eisvogel aus dem Jahre 1966 vor einem weissen Hintergrund («Eisvogel im Schneepelz»). Sie wurden in geringer Auflage und durch Zufall so produziert. Selbst für gut erhaltene Briefmarken aus der Zeit vor 1900 gibt es ­keine Wertgarantie. Holling: «Schon in dieser Zeit gab es Exemplare, die in ­hohen Auflagen gedruckt wurden.»

In Zeiten von Negativzinsen hüten sich viele Besitzer von wertvollen Sammlerstücken, diese zu Geld zu machen. «Dann empfiehlt es sich, die Kunstgegenstände mit weitsichtigen, vereinbarten Werten zu versichern, damit auch eine Wertsteigerung abgedeckt ist», rät Kuno Fischer. Christian Holling gibt zu bedenken, wertvolle Briefmarkensammlungen seien in der Steuererklärung als Vermögen anzugeben. Denn wer die Deklaration unterlässt, muss bei einem allfälligen späteren Verkauf mit unangenehmen Rückfragen aus dem Steueramt rechnen.

So viel kostet eine professionelle Abklärung

Autorisierte Händler Antiquitäten, Gemälde und Briefmarkensammlungen werden im Internet in grossen Mengen angeboten und gehandelt. «Auf Portalen wie ricardo.ch sind aber auch Fälschungen im Angebot. Wer im Internet kauft, sollte sich unbedingt eine Prüfung der Ware ausbedingen», warnt Christian Holling vom Luzerner Auktionshaus ­Rölli. Dort gibt es jede Woche Expertenvormittage und -nachmittage, bei denen Sachverständige den Wert von Briefmarkensammlungen schätzen.

Die Auktionshäuser des Schweizer Briefmarkenhändler-Verbandes (SBHV) berechnen für Schätzungen bei den Sammlern zu Hause 200 Franken pro Stunde. Schätzungen bei Rölli kosten je nach Zeitaufwand 50 bis 100 Franken. Nebst dem Auktionshaus Rölli gehören in der Zentralschweiz die M + R Günther AG in Horw, Wieland Briefmarkenversand in Alpnach, Briefmarken-An- und -Verkauf Alexander Odermatt in Luzern sowie Heuberger Auktionen in Lachen dem Verband an.

Auch Kuno Fischer von der Luzerner Galerie Fischer empfiehlt, sich für Marktpreisbestimmungen und Authentizitätsabklärungen an ein Auktionshaus für Kunstgegenstände und Antiquitäten des Schweizerischen Auktionatoren­verbandes zu wenden. Nebst der Galerie Fischer gehört aus der Region die Galerie Gloggner in Luzern dem Verband an. Am besten nimmt man per Mail Kontakt auf. Darin sollten folgende Angaben zum Kunstgegenstand mitgeschickt werden: Fotos, allfällige Dokumente, frühere Gutachten und Zahlungsbelege. (rr)

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