ERNÄHRUNG: «Eine Beratung beinhaltet keine Verbote»

Der 8. März gilt als Tag der Ernährungsberaterinnen. Was machen diese eigentlich? Wer kommt zu ihnen? Worauf basieren ihre Empfehlungen? Und sollte man jetzt wirklich fasten?

Hans Graber
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Vom Einkauf bis zum Genuss: Die Ernährungsberatung vermittelt Wissen und unterstützt die Umsetzung im Alltag. (Bild: Getty)

Vom Einkauf bis zum Genuss: Die Ernährungsberatung vermittelt Wissen und unterstützt die Umsetzung im Alltag. (Bild: Getty)

Interview: Hans Graber

Die Fastenzeit hat begonnen. Ist Fasten sinnvoll?

Fest steht: Fasten macht nicht schlank und kann sogar das Risiko von Gallensteinen oder Gichtanfällen erhöhen. Auch in der Schwangerschaft und Stillzeit wird vom Fasten abgeraten. Daher sollte nur dann gefastet werden, wenn aus gesundheitlicher Sicht nichts dagegen spricht. Das wissenschaftliche Fundament zum Thema Fasten und die Datenlage zum medizinischen Nutzen sind ohnehin eher dünn und vage.

Also eher nicht fasten?

So absolut kann man das sicher nicht sagen – es ist eine Frage des Blickwinkels innerhalb von Religionen, Naturheil­kunde und Schulmedizin sowie psychologischen Effekten. Weit verbreitet in der Fastenzeit ist etwa der Verzicht auf Genussmittel wie Alkohol oder Süssig­keiten. Dies kann sehr wohl eine Chance sein, um kritisch über seine Essgewohnheiten nachzudenken und gegebenenfalls Veränderungsschritte einzuleiten.

Über ihre Essgewohnheiten denken doch heute viele Menschen auch ohne Fastenzeit nach.

Das «schlanke Ideal» und der Wunsch nach dem perfekten Aussehen sind heute effektiv allgegenwärtig. Die Werbung macht uns Gesundheitsversprechungen, und die Medien lassen uns glauben, dass nur restriktive Diätpläne, einseitige Nahrungsmitteltabellen, zwielichtige Analysen und Verbotslisten schnell und ohne Anstrengung zum gewünschten Ziel führen. In diesem immerwährenden Kreislauf verliert man sich sehr schnell selbst und damit auch die Realität zum eigenen Essverhalten.

Ein neues Phänomen sind krankhafte Gesundesser. In der Fachsprache bezeichnet man das als Orthorexie. Was läuft da schief?

In der Medizin werden unterschiedliche Entstehungsmöglichkeiten diskutiert. So wird ein orthorektisches Verhalten etwa als Bewältigungsstrategie für eine bereits bestehende Essverhaltensstörung angesehen, mit ständigem Kreisen der Gedanken rund um das Essen, mit Ängsten und Zwängen gegenüber der Nahrungsaufnahme sowie mit Schuld- und Schamgefühlen. Eine weitere mögliche Ursache sehen Psychologen auch in einem wachsenden Kontrollverlust in anderen Lebensbereichen, der über die Ernährung wieder kompensiert werden soll: Hier, so die Vorstellung, kann man alles im Griff haben – was dann aber doch ausser Kontrolle geraten kann.

Kommen mehr Leute in die Ernährungsberatung als auch schon?

Ja, denn die Nachfrage nach einer individuellen und professionellen Beratung steigt mit der digitalen Informationsflut. Sie verunsichert oft mehr, als sie nützt. Soll man sich nun sauer oder basisch ernähren, soll man die Blutgruppendiät befolgen oder einfach nur auf die abendliche Kohlenhydratzufuhr verzichten? Hier hilft eine Ernährungsberaterin SVDE, die wesentlichen Aspekte herauszuschälen und mit Mythen und wissenschaftlich unhaltbaren Empfehlungen aufzuräumen. Danach unterstützen wir die Ratsuchenden dabei, ihr Wissen auf eine Handlungsebene zu bringen.

Wissenschaftlich erwiesen ist aber herzlich wenig. Es gibt in Sachen Ernährung praktisch für nichts schlüssige Beweise.

Klar ist: Medizin ist keine exakte Wissenschaft wie Mathematik oder Physik. Es gibt immer wieder neue Erkenntnisse, und ältere Theorien müssen manchmal revidiert werden. Als Ernährungsberater SVDE sind wir täglich gefordert, wissenschaftliche Daten immer wieder aufs Neue zu prüfen und zu interpretieren. Zudem orientieren wir uns an medizinischen Leitlinien sowie an den regel­mässig aktualisierten Empfehlungen der Fachgesellschaften.

Ich behaupte, dass es keine per se gesunden oder ungesunden Lebensmittel gibt, es gibt nur ein Zuviel oder ein Zuwenig von irgendwas.

Die Behauptung ist etwas plakativ, sie trifft aber auf den Kern einer gesunden Ernährung im weitesten Sinn zu. Wenn wir jedoch gewisse Krankheitsbilder vor uns haben wie etwa eine schwere Nahrungsmittelallergie oder Zöliakie, dann stimmt diese Aussage eben nicht. In solchen Fällen kann schon eine minimalste Menge eines Nahrungsmittels gravierende gesundheitliche Probleme auslösen. Ein gesundes Nahrungsmittel kann für bestimmte Personen durchaus ungesund werden, zum Beispiel eine Nuss für Nussallergiker. In einer seriösen Beratung geht es genau darum, dass der Klient zu der für ihn am besten geeigneten Ernährung findet – ohne dabei seine Diagnose oder seine eigenen Ziele aus den Augen zu verlieren.

Und Sie sagen dem Klienten, was für ihn am besten geeignet ist?

Unsere Rolle ist es, ihn in diesem Prozess zu unterstützen. Viele Menschen kennen ihre Problemfelder recht gut. Aber zwischen dem Kennen und dem echten Anerkennen der Probleme liegen oftmals Welten. Die Notwendigkeit einer Ernährungsumstellung und das gleichzeitige Beibehalten der Lebenslust kommt einem Spagat gleich. Dafür nehmen Betroffene gerne die Hilfe einer fundierten Ernährungsberatung an.

Aber Betroffene müssen willens sein, etwas zu verändern?

Ja, eine Ernährungsberatung macht nur dann Sinn, wenn der Klient eine echte Motivation für den anzustrebenden Veränderungsprozess aufbringen will, egal, ob Ratsuchende von Ärzten zugewiesen werden oder nicht. Persönliches Interesse am Thema, etwa Sporternährung oder Ernährung in der Schwangerschaft und Stillzeit, erhöhen sicher die Motivation. Auch eine medizinische Diagnose wie eine Stoffwechselstörung aktiviert die Triebfeder, etwas zu tun.

Und was genau macht man in einer Ernährungsberatung?

Es wird sicher nicht einfach nur geplaudert. Entgegen den Versprechungen einer Lebensverbesserung durch scheinbar einfache Ernährungsratschläge, wie man sie in den Medien immer wieder sieht, versuchen wir, den Patienten gesamtheitlich zu erfassen. Dies beinhaltet das Kennen seiner Vorgeschichte, medizinisch wie sozial, seines Lebensstils usw. Nur so ist es uns möglich, eine individualisierte Ernährungsdiagnose zu erstellen, wirksame Interventionen zu planen und reflektierte Erfolgskontrollen durchzuführen. Die Beratungsgespräche sind verbunden mit praktischen Tätigkeiten wie etwa Einkaufsschulungen oder dem Sammeln von Kassenzetteln. Diese Massnahmen helfen mit, auch ausgeblendete Verhaltensmuster bewusst zu machen.

Was zum Beispiel?

Ein Klient schmaust am Nachmittag dreimal etwas aus dem Kühlschrank, fragt man ihn aber, was er gegessen habe, fällt ihm nur der gesunde Salatteller beim Mittagessen ein.

Ist es überhaupt sinnvoll, jemanden zu einer anderen Ernährung als der gewohnten bewegen zu wollen, selbst wenn die gewohnte Ernährung vielleicht objektiv gesehen nicht die beste ist, aber letztlich keine akute Gefährdung darstellt?

Wenn es um die Prävention ernährungsbedingter Krankheiten oder Begleiterkrankungen geht, können wir den Patienten beraten, unterstützen und begleiten, die Verantwortung und Selbstbestimmung bleibt aber letztlich beim Patienten. Dies ist vergleichbar mit dem Befolgen der ärztlich verordneten Medikamenteneinnahme zum Beispiel bei Bluthochdruck. Ein hoher Blutdruck tut nicht weh, er kann aber auf Dauer fatale Folgen haben. Betonen möchten wir aber, dass es eine Reihe von Gründen geben kann, weshalb jemand seine Ernährung zwingend umstellen muss, weil er sonst akut gefährdet ist, etwa bei Schluckstörungen oder Lähmungen nach Unfällen. Auch hier kommt Ernährungsberatung zum Einsatz.

Abgesehen von solchen Ernstfällen: In der Ernährungsberatung geht es häufig um Gebote und Verbote. Müsste man nicht vielmehr die Freude am vielfältigen Essen wecken?

Sie haben ein völlig falsches Bild von uns! Eine professionelle Ernährungsberatung beinhaltet keine Verbote und diktiert keine Selbstkontrolle. Diese würde eine Verhaltensänderung behindern und eine langfristige Veränderung nahezu unmöglich machen. Angestrebt wird in un­serer Beratung eine flexible Selbststeuerung. Betroffene müssen lernen, mit den für sie tendenziell ungünstigen Ver­haltensweisen so umzugehen, dass sie selbst entscheidungsfähig werden und die eigenen Grenzen und Möglichkeiten kennen. Das Entdecken oder Wiederentdecken von Genuss und Lebensqualität spielt dabei eine zentrale Rolle.

Weshalb wird Ernährungsberatung fast nur von Frauen gemacht?

Seit Beginn des Bachelor-Studienganges 2007 an der Fachhochschule und den erweiterten Berufsfeldern zum Beispiel in der Industrie, der Forschung oder der Gemeinschaftsgastronomie ist die Zahl der männlichen Berufskollegen eindeutig angestiegen. Wie in anderen medizinischen Berufen sind sie jedoch immer noch klar in der Unterzahl. Vielleicht tragen sie nicht gerne Birkenstöcke ... (lacht)

 

Hinweis

Die Antworten stammen von den beiden Stadtluzerner Ernährungsberaterinnen SVDE Brigitte Christen-Hess ( www.nutrition4you.ch ) und Wilma Schmid ( www.schmid-ernährung.ch ).