ERNÄHRUNG: Worauf wir blind schwören

Was ist wirklich gesund – und welche angeblichen Wundermittel sind völliger Unsinn? Ein Buch versucht wissenschaftlich nachzuweisen, ob Bier nun wirklich dick macht oder Rohkost schlank.

Beda Hanimann
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Vieles, was wir übers Essen zu wissen glauben, gehört eher ins Reich der Legenden. (Bild: Patric Sandri)

Vieles, was wir übers Essen zu wissen glauben, gehört eher ins Reich der Legenden. (Bild: Patric Sandri)

Beda Hanimann

Die Frage gehört zum 100. Geburtstag wie das «Happy birthday» und der Besuch des Stadtpräsidenten: Welches ist Ihr Geheimrezept, um so alt zu werden? Die Gefeierte lacht dann verschmitzt und erzählt vom täg­lichen Gläschen Mandelschnaps oder der Dörrzwetschge vor dem Zubettgehen.

Viele Menschen schwören auf solche persönlichen Wundermittel. Es muss nicht partout das Ziel dahinter stehen, hundert­jährig zu werden, sondern einfach die Ahnung: Das tut mir gut. Diese Haltung ist eng verknüpft mit der Naturheilkunde. In Zeiten, in denen die medizinische Ver­sorgung noch nicht so flächen­deckend war wie heute, konnte das Wissen über die positive Wirkung von Pflanzen Leben retten.

Die Naturheilkunde als Nährboden

Für Johann Künzle, den Schweizer Pionier in Pflanzenheilkunde, war klar, dass der Mensch dieses Wissen in sich trägt. Selbst die Tiere hätten einen Instinkt, der sie bei Krankheiten zu gewissen Pflanzen hintreibe, schrieb er 1911 in seinem Büchlein «Chrut und Uchrut». «Soll der Mensch allein ganz unbehilflich dastehen und zuerst zehn Jahre studieren müssen, bis er sich helfen kann?» Dieselbe Haltung vertritt Alfred Vogel, der zweite Schweizer Pionier des 20. Jahrhunderts. In seinem Standardwerk «Der kleine Doktor» förderte er das Bewusstsein dafür, «dass sich manches Nahrungsmittel im geeigneten Augenblick zum Heilmittel umwandeln kann».

Auf diesem Nährboden gediehen über Generationen hinweg Weisheiten, wie man Krankheiten oder Gebresten mit all­täglichen Mitteln behandeln oder vorbeugen kann. Ein österrei­chisches Forscherteam ist solchen Volksweisheiten nachgegangen. Es sind auch jüngere Beispiele dabei wie die Behauptungen, Chia-Samen oder grüne Smoothies förderten die Gesundheit. Das zeigt: Legenden müssen nicht zwingend über Generationen über­liefert sein, sie können auch aus den Marketingabteilungen der Lebensmittelindustrie stammen.

Volkswissen nicht belächelt, sondern analysiert

Das Buch präsentiert 77 Legenden zum Thema Ernährung wie die untenstehenden, zusammen­gefasst wiedergegebenen Beispiele. Auf die These folgen jeweils eine kurze Einschätzung und die Bewertung der Beweis­lage in einer Skala von «nicht erforscht» bis «hoch». Dann folgt eine Erklärung, wie die Legende entstanden sein könnte, sowie ein Blick in die Forschungstätigkeit mit Beispielen, welche wie ernst zu nehmenden Studien existieren.

Es geht den Forschern nicht darum, altes Volkswissen zu belächeln. Vielmehr analysieren sie fundiert, ob oder wie dieses inzwischen wissenschaftlich ab­gesichert ist. Dabei fällt auf, wie viele der Weisheiten bis heute kaum oder unzureichend erforscht sind. Als hätte die Forschung bewusst die Finger davon gelassen. Aus Respekt und einer Ahnung heraus, dass der Mensch seine persönlichen Wunder­mittel braucht. Dinge, auf die er einfach schwören kann, weil sie für ihn stimmen.

77 Legenden zum Thema Ernährung – wahr oder falsch? Gesundheitstipp Ratgeber, 190 S., Fr. 37.– www.gesundheitstipp.ch