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ERZIEHUNG: Schluss mit dem Einzelkind-Klischee!

Kinder ohne Geschwister sind vielleicht anders. Aber nicht so, wie man es ihnen immer vorwirft, nämlich egoistisch und verzogen. Ein Plädoyer fürs Einzelkind.
Annette Wirthlin
Einem Einzelkind ein Krönchen aufzusetzen ist nicht gut. Aber noch viel blöder ist der negative Stempel, den ihm die Gesellschaft aufdrückt. (Bild: Getty)

Einem Einzelkind ein Krönchen aufzusetzen ist nicht gut. Aber noch viel blöder ist der negative Stempel, den ihm die Gesellschaft aufdrückt. (Bild: Getty)

Ichbezogen. Sozial inkompetent. Verwöhnt. Unfähig zu teilen. So stellt man sich Menschen vor, die ohne Bruder oder Schwester aufgewachsen sind. Schon die Wörter Einzelkind und geschwisterlos suggerieren ein Defizit. Es ist zwar bald ein Jahrhundert her, dass der US-Kinderpsychologe Stanley Hall behauptete: «Einzelkind sein ist eine Krankheit.» Aber immer noch fällt viel zu oft das von Augenverdrehen begleitete Urteil: «Typisch Einzelkind.» Heute, wo Geschwisterlose keinen Seltenheitswert mehr haben, wo Studien vorliegen, die schon vor Jahrzehnten Entwarnung gegeben haben, und wo sowieso fast jeder Säugling in der Krippe oder im Patchwork-Haushalt den Umgang mit Gleichaltrigen lernt.

Streiten um ein Pouletbein

Das Vorurteil, dass Einzelkinder merkwürdige Egomanen sind, hat sich über die Jahre hartnäckig gehalten. Wieso? Der Buchautor, Paar- und Familien­therapeut Peter Angst aus Winterthur meint: «Wahrscheinlich ist das ein Überbleibsel aus der Zeit, wo Grossfamilien mit vier oder mehr Kindern noch die Regel waren. Alles, was neben der ‹Norm› lag, wurde aus Neid bekämpft. Kein Wunder, wenn man sich in der eigenen Familie zu sechst um ein Pouletbein streiten musste.» Er selber habe als eines von sechs immer davon geträumt, ein Einzelkind zu sein. «Bei meiner kinderlosen Tante bekam ich viel mehr Zuwendung und Platz.»

Auf die Frage, ob er als Menschenkenner heute dazu fähig wäre, aus einer grossen Menschengruppe die Einzelkinder herauszupicken, antwortet er: «Sicher nicht. Und jeder, der das behauptet, ist ein Schwätzer.» Die Erfahrung vieler erwachsener Einzelkinder zeigt aber, dass sich in geselligen Runden oftmals irgendeiner grossmäulig über sogenannt typische Einzelkinder auslässt, nicht ahnend, dass ein ebensolches mit am Tisch sitzt. Und dann heisst es meistens: «Ach, du bist auch so einer? Typisch!»

Wie unbedarft die Äusserungen bisweilen sind, zeigt folgende Behauptung, die ein Journalist der Zeitschrift ­«Psychologie Heute» irgendwo aufgeschnappt hat und in einem Artikel wiedergibt: Einzelkinder würden bereits von Geburt an mehr Zuwendung einfordern und mehr schreien als Geschwisterkinder. Als ob bei irgendeinem Menschen bereits «von Geburt an» klar wäre, ob er als Einzelkind aufwachsen wird! Sowieso wird selten geplant oder gewünscht, dass es bei «nur» einem Kind bleibt, sondern es ergibt sich aus den Lebenssituationen der Eltern: finanzielle Engpässe, Trennungen, Berufs­tätigkeit, fortgeschrittenes Alter der Mutter usw.

Definition ist fragwürdig

All die Charakterfehler, die Einzelkindern nachgesagt werden – Prinzesschen-Allüren, Egoismus, Verwöhntheit, Kontaktunfähigkeit –, werden der vermeintlich grösseren Aufmerksamkeit zugeschrieben, die ein einzelnes Kind bei seinen Eltern geniesst. Tatsache ist, dass Einzelkinder heutzutage unter sozialen, familiären und finanziellen Bedingungen aufwachsen, die denen von Grossfamilien nicht allzu unähnlich sind. So riesig können also auch die charakterlichen Unterschiede nicht sein.

Wie verhätschelt und unselbstständig kann etwa ein Kind sein, das genau deshalb das Einzige geblieben ist, weil die Mutter seit der Trennung allein­erziehend ist und nicht jeden Mittag zu Hause mit einem warmen Essen aufwarten kann? Oder wie asozial ist eines, das sich schon mit sechs Monaten in der Krippe mit anderen Säuglingen um ein Spielzeug zankt? Sowieso ist die Definition des Einzelkindes fragwürdig geworden: Ist man noch Einzelkind, wenn durch Scheidung und erneute Heirat plötzlich Stief- oder Halbgeschwister ins Haus kommen? Und wer in liebevollem Umfeld mit vielen Kontaktmöglichkeiten aufwächst, fühlt sich ziemlich sicher weniger «einzeln» als ein Kind aus einer gefühlsarmen Grossfamilie.

Nein, Einzelkinder passen – wie alle anderen – in keine Schablone. Wie sich ein Kind entwickelt, wird nicht einfach dadurch bestimmt, ob leibliche Geschwister vorhanden sind oder nicht. «Es ist die Erziehung, die es ausmacht», sagt Peter Angst. Diese «kleinen Monster, die zu viel Platz in einem System einnehmen», seien zwar ein Produkt davon, dass sie zu häufig im Mittelpunkt gestanden seien. Aber man könne zwei Kinder genauso verwöhnen wie ein einzelnes, ist der Experte überzeugt. «Die vielen verwöhnten Kinder, die ich in meiner Praxis hatte, waren längst nicht alle Einzelkinder.» Erziehung und Sozialisierung bedeute, einem Kind beizubringen, «wo das Ich aufhört und das Du anfängt». Dies erreicht man aber nicht, indem man dem Kind ein Stück weit die Aufmerksamkeit entzieht. «Von guter elterlicher Zuwendung kann man gar nicht zu viel bekommen», ist er überzeugt. «Im Gegenteil, es ist schön, wenn man als Kind gesättigt wird.»

Sehnsucht nach tiefer Beziehung

Falls bei der negativen Sicht auf Einzelkinder tatsächlich ein gewisser Neid auf die ungeteilte elterliche Aufmerksamkeit mitspielt, muss hier mal Folgendes gesagt sein: Einzelkinder haben bei weitem nicht nur Vorteile und Rechte – sie tragen auch die Pflichten allein. Wenn die Eltern dereinst pflegebedürftig werden oder sterben, kann man sich als erwachsenes Einzelkind weder die Pflegeaufgaben noch den Schmerz mit jemandem teilen. Und natürlich leiden viele Geschwisterlose dann und wann unter ihrem Einzelkind-Dasein, wünschen sich sehnlichst ein Geschwister.

«Viele Einzelkinder kennen eine riesige Sehnsucht nach tiefen, guten Beziehungen, nach einem idealen Freund und Lebenspartner», sagt Angst. Dieses Gefühl von Manko sei wie ein Loch, das auch dann manchmal nicht gestopft werden könne, wenn man bereits «gross und stark» sei und eine eigene Familie habe. «Sie sehnen sich derart nach Harmonie», sagt der Therapeut, «dass sie der Intensität des Beziehungslebens ausweichen und sich zurückziehen, weil ihnen Auseinandersetzungen und Streit zu schaffen machen. Das kann für die Beziehung eine Belastung sein.»

Streiten auf Augenhöhe

Sich zu zanken, den anderen mal eine «dumme Kuh» finden zu können, oder gefunden zu werden, jemandem seine Meinung an den Kopf zu werfen, ohne dass danach gleich die Welt untergeht: Diese Erfahrung machen Einzelkinder potenziell seltener. Krach mit fremden Kindern sei eben anders als mit Geschwistern, findet Peter Angst, denn man könne ihm viel besser ausweichen. Und Auseinandersetzungen mit einem Elternteil seien oft von Ohnmachtsgefühlen begleitet, weil die ja sowieso immer Recht hätten. «Wer das Streiten auf Augenhöhe nicht hat üben können», sagt er, «neigt zu Harmoniebedürftigkeit und Konfliktscheue.»

Aber all dies macht Einzelkinder noch lange nicht zu selbstsüchtigen Tyrannen oder sonstwie schlechteren Menschen. Im Gegenteil, sie werden durch die spezielle Konstellation auch mit absolut wünschenswerten Eigenschaften ausgestattet. «Gerade weil Einzelkinder potenziell stark im Fokus ihrer Eltern stehen», sagt Peter Angst, «laufen sie Gefahr, bei Spannungen zwischen den beiden zum Katalysator zu werden.» Im Dreieck Vater-Mutter-Kind würden sie eine grosse Verantwortung tragen und so früh mit ausgleichenden Qualitäten ausgestattet. Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass Einzelkinder in Studien zum Sozialverhalten in der Regel gut abschneiden und ein besonderes Gespür für Gerechtigkeit an den Tag legen. Wem die Spielgefährten nicht automatisch in Form von Geschwistern vor die Nase gesetzt werden, der ist besonders auf Freunde von «aussen» angewiesen und lernt deshalb umso besser, aktiv neue Kontakte zu knüpfen und sich immer wieder um diese zu bemühen.

Studien haben auch gezeigt, dass sich Einzelkinder stärker für ihre Geschicke verantwortlich fühlen. Geht etwa eine Prüfung in die Hose, geben sie eher sich selber die Schuld als den äusseren Umständen. Eine Einzelkind-Studie will sogar herausgefunden haben, dass Geschwisterlose einen Vorsprung in ihrem sprachlichen Ausdruck haben. Dies dürfte wohl damit zusammenhängen, dass sie sich eben schon früh und oft in der «vernünftigen» Welt der Erwachsenen bewegen.

Tja, Einzelkinder sind eben – genauso wie jüngste, mittlere und älteste Geschwister auch – etwas anders. Aber sie sind auf andere Art anders, als man immer meint.

Wie viele Einzelkinder gibt es?

Statistik wia.Wie viele Kinder sind eigentlich heute in der Schweiz geschwisterlos? Immer wieder ist zu lesen, dass ihre Zahl am Steigen sei. Im Durchschnitt hat eine Frau im Laufe ihres Lebens 1,52 Kinder. Eine konkrete Zahl der Einzelkinder ist indes nicht erhältlich, da diese praktisch unmöglich zu erheben ist. Im Schweizerischen Bundesamt für Statistik (BFS) wird zwar erfasst, wie viele Kinder zum Zeitpunkt x in einem Haushalt leben. Nicht daraus ablesen lässt sich, ob sich die Familie in den kommenden Jahren vielleicht noch vergrössert und ob allfällige ältere Geschwister bereits ausgezogen sind. Eine Annäherung an die effektive Zahl der Einzelkinder musste mit Hilfe der bei den Volkszählungen erhobenen und beim Auskunftsdienst des BFS verfügbaren Daten zuerst berechnet werden. Gemäss dieser Berechnung war im Jahr 1970 «vermutlich» noch etwa jedes zwölfte Kind ein Einzelkind, im Jahr 2000 (neueste Zahlen) schon zirka jedes zehnte. Es ist demnach sicher richtig, von einem Anstieg zu reden, der aber in Tat und Wahrheit eher noch grösser sein dürfte. Im gleichen Zeitraum ist nämlich auch die Anzahl der Patchwork-Familien angestiegen, und in Patchwork-Situationen aufwachsende Einzelkinder werden in der Statistik nicht von Geschwisterkindern unterschieden.

Der Eindruck, dass Einkind-Familien schon bald der Normalfall sein könnten, dürfte allerdings unbegründet sein, wie eine nicht repräsentative Umfrage unter Lehrpersonen ergab: In jeder der zehn Klassen (Kindergarten bis Oberstufe), die jeweils zwischen 12 und 22 Schülerinnen und Schüler umfassen, befinden sich eines oder zwei Einzelkinder; in zwei Fällen sind es deren vier.

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