ETH: Pionierin in der Welt der Physiker

Ursula Keller ist die erste Frau, die an der ETH einen Professorinnenposten in Physik erhalten hat. Keller über Mathematik, Frauen in der Wissenschaft und ihre Begabung.

Stephanie Hess
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Das ist ihr Reich: Ursula Keller an der ETH in Zürich. (Bild Tom Kawara/ETH)

Das ist ihr Reich: Ursula Keller an der ETH in Zürich. (Bild Tom Kawara/ETH)

Als Primarschülerin war Ursula Keller Legasthenikerin. «Ich habe in fast jedem Wort die Buchstaben verdreht.» Heute steht die Physikerin mit den wilden Haaren und dem jugendlichen Gesicht auf dem internationalen Forschergipfel. Die gebürtige Zugerin erhält Einladungen an Kongresse auf dem ganzen Erdball. Dies unter anderem dank ihrer Erfindung Sesam, einem Halbleiterchip, der ultraschnelle Laserimpulse erzeugt. Zum Einsatz kommt diese Technologie beispielsweise bei Augenoperationen und in der präzisen Materialbearbeitung. Ursula Keller war die erste Frau an der ETH Zürich, die einen Professorinnenposten in Physik bekommen hat – mit 33 Jahren. Das Forschungsinstitut hat sie damals aus den USA zurückgerufen, wo sie nach ihrem Hauptstudium in der Schweiz doktorierte und acht Jahre lang an der Stanford-Universität und im Industrielabor Bell Labsen forschte.

Immer Sechser in der Mathematik

«Ich war immer sehr einseitig begabt», erzählt die heute 54-Jährige in ihrem Büro an der ETH Zürich. Auf einer Wandtafel stehen diverse Formeln, überall sind Bücher aufgestapelt. Der Sechser in der Mathematik in ihrem Zeugnis war jeweils gebucht – die ungenügenden und später zumindest genügenden Noten in den Sprachen auch. Zuerst besuchte sie daher die Sekundarschule in Cham, bevor sie schliesslich an die Kantonsschule wechselte. Hier legte sich die Legasthenie, und die Liebe zur Mathematik und den Naturwissenschaften entbrannte vollends. «Ich habe mir zuerst überlegt, Mathematik zu studieren. Aber das alleine war mir dann doch etwas zu langweilig.» Also entschied sie sich als einzige Universitätsbesucherin in der Familie für die wissenschaftliche Erforschung der Naturphänomene. «Die Fragen der Physik faszinieren mich bis heute», sagt Keller, die heute im Kanton Zürich wohnt. So sehr, dass sie sogar ihre Sabbaticals – also Auszeiten, die eigentlich der beruflichen Abwechslung dienen sollten – dem weiten Feld der Physik widmete.

Nicht im Elfenbeinturm

Ursula Keller ist eine Frau, die sagt, was sie denkt. «Ich kann gar nicht anders.» Wenn sie redet, dann sprudeln die Worte nur so aus ihr heraus, oft benutzt sie auch englische Begriffe. Ursula Keller ist keine Wissenschaftlerin im Elfenbeinturm, sie hat Ideen für die Gesellschaft. Ideen, die sie auch gerne kundtut. Diese selbstbewusste Freimütigkeit kommt aber nicht überall gut an. Als sie sich kürzlich in einem Interview in einer Zürcher Tageszeitung für eine verstärkte Frauenförderung an der ETH stark machte und unter anderem auch eine Frauenquote forderte, wurde sie von einigen Kollegen als «Nestbeschmutzerin» bezeichnet. «Das macht mir nichts», sagt sie. «Ich habe meinen Weg gemacht, ich kann mich jetzt für die Belange der Frauen einsetzen.» Und diese liegen Ursula Keller, die mit einem amerikanischen Physiker verheiratet und Mutter zweier Kinder ist, am Herzen: «Ich will Frauen motivieren, sich nicht in traditionelle Rollenbilder drängen zu lassen. Die in der Schweiz herrschenden Vorstellungen, dass eine Mutter zu Hause bleiben muss, ist rückständig.» Sie und ihr Mann hätten die Kindererziehung ihrer beiden Söhne nach dem Stillen zu gleichen Teilen übernommen. Geholfen haben ihnen dabei eine Nanny und die Kinderkrippe an der ETH.

Mehr Frauen in der Wissenschaft

Für Ursula Keller steht fest, dass mehr Frauen im technischen und naturwissenschaftlichen Bereich arbeiten sollten. «An der ETH studieren nur 30 Prozent Frauen.» Gefördert werden, so findet Ursula Keller, müsste der Umgang mit Naturwissenschaften aber nicht nur bei den Mädchen. «Einfache physikalische Fragen können bereits auf Primarschulniveau besprochen werden – ganz ohne Mathematik», sagt die Physikerin. «Das würde das logische Denken fördern.» Natürlich sei klar, dass das die Grundschullehrer nicht auch noch übernehmen könnten. «Die mussten ja schon Englisch und Französisch büffeln.» Daher plädiert sie für Ganztagesschulen.

«Es wäre in Ordnung»

Ursula Keller hat viele Ideen für das Schulsystem und die ganze Gesellschaft. Und für sich selber? «Natürlich gibt es noch unheimlich viel zu entdecken in der Physik. Aber ich denke mir», sagt die 54-Jährige, «wenn ich jetzt sterben würde, es wäre in Ordnung. Ich habe alles gemacht, was ich wollte. Und sie fügt mit einem Lächeln an: «Ausser vielleicht ein drittes Kind.»