ETH ZÜRICH: Ein Nobelpreis wird kommen

International gehört die ETH Zürich zur Weltspitze. Dass es so bleibt, ist freilich alles andere als selbstverständlich. Was die ETH tut, um vorne zu bleiben, erläutert ihr Präsident Lino Guzzella.

Rolf App
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Niemand kennt die Gesichter der Nobelpreisträger so genau wie der Fotograf Peter Badge. Im zweibändigen «Nobel Heroes» hat er auch die Schweizer Karl Alexander Müller (Nobelpreis für Physik 1987) ...

Niemand kennt die Gesichter der Nobelpreisträger so genau wie der Fotograf Peter Badge. Im zweibändigen «Nobel Heroes» hat er auch die Schweizer Karl Alexander Müller (Nobelpreis für Physik 1987) ...

Interview: Rolf App

Unten beim Eingang der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) Zürich liegt ein Prospekt auf über «Albert Einsteins Zürich». Hier hat er studiert, hier hat er gelehrt. Doch wie sieht die Zukunft der 1855 von der Eidgenossenschaft gegründeten Hochschule aus mit ihren 19800 Studierenden und 500 Professorinnen und Professoren? Das weiss der 59-jährige Lino Guzzella, ausgebildeter Maschineningenieur und seit 2015 Präsident der ETH Zürich.

Heute wird in Stockholm ­ der erste Nobelpreis dieses Jahres bekanntgegeben. ­ Gibt es Wissenschafter an der ETH Zürich, denen Sie einen Nobelpreis zutrauen?

Wir haben an der ETH Zürich sicher mehrere Wissenschafter, die irgendwann für einen Nobelpreis in Frage kommen. Ich bin überzeugt: Früher oder später wird ihre Arbeit honoriert.

Zuletzt hat 2002 mit Kurt Wüthrich ein ETH-Forscher den Nobelpreis für Chemie bekommen. Das ist anderthalb Jahrzehnte her. Hat die ETH also Boden verloren?

Das sicher nicht. Einen Nobelpreis kann man nicht planen, es gibt da immer auch das Element des Zufälligen. Was man aber gern vergisst: Es leben rund um den Globus immer mehr Menschen, die sich wissenschaftlich betätigen. Das heisst, die Wahrscheinlichkeit sinkt für die ­ ETH – wie für alle anderen wissenschaftlichen Institutionen –, einen dieser begehrten Preise zu bekommen.

Es kommt ja immer auch darauf an, welches Teilgebiet mit einem Nobelpreis honoriert wird. Schon das schränkt die Zahl möglicher Preis­träger dann ein.

Das schon. Aber der Nobelpreis steht auch wirklich in einer Spitzenposition im Ansehen der Wissenschafter. Deshalb werden die Entscheidungen des Preiskomitees akzeptiert.

Aber seltsam finden kann man im heutigen Wissenschaftsbetrieb die Regel, dass ein Nobelpreis unter höchstens drei Wissenschaftern aufgeteilt werden kann.

Ich sehe in dieser Regel einen weiteren Grund dafür, dass es immer schwieriger wird, einen Nobelpreis zu bekommen. Die wirklich grossartigen Erkenntnisse werden oft von Teams gewonnen. Es gibt Papers unserer ­Physikerkollegen am Teilchenbeschleuniger des Cern, bei denen die Autorenliste fast länger ist als der Inhalt selber.

Der Messung von Qualität dienen auch die diversen Rankings von Universitäten. Im neuesten Ranking des Fachmagazins «Times Higher Education» zum Beispiel liegt die ETH Zürich auf Platz 10. Sind Sie damit zufrieden?

Der Schriftsteller Kurt Tucholsky hat gesagt: «Immer glücklich, nie zufrieden.» Genau so geht es mir. Wobei es weniger darauf ankommt, welchen Rang die ETH gerade in welchem Ranking einnimmt. Wichtig ist vielmehr, dass sie zur Spitzenliga der zwanzig bis dreissig besten Universitäten der Welt zählt. Wobei es auch zu sehen gilt, dass sie nicht nur internationale Ausstrahlung hat, sondern auch nationale Aufgaben wahrnimmt. Wir betreiben zum Beispiel landwirtschaftliche ­Forschung. Wir haben einen Erdbebendienst. Zur ETH gehört eine Konjunkturforschungsstelle. Vor allem aber stellen wir für die Schweiz Ausbildung auf allerhöchstem Niveau sicher.

Und wie sichern Sie diese Position in der obersten Liga? Worauf kommt es an?

Im Wesentlichen auf drei Dinge. Zum einen benötigen wir ausreichende finanzielle Ressourcen. Auch da stehen wir im Wettbewerb. Die Universität Stanford etwa hat weniger Studenten als die ETH Zürich, aber fast drei Mal so hohe Mittel. Zweitens braucht eine Hochschule Autonomie. Sie weiss selber am besten, in welche Richtung sie sich entwickeln muss. Und drittens geht es um Offenheit. Wir müssen die besten Talente weltweit anziehen, auch indem wir offen im Geiste sind.

Welche Rolle spielen die Studierenden?

Auch hier gilt die Regel: Gute Wissenschafter ziehen gute Studierende an. Was uns sehr nützt. Gerade Forscher aus den USA betonen immer wieder, was für hervorragende Studierende wir haben. Das ist eine Folge unseres dualen Bildungssystems mit Berufsbildung und Hochschulstudium, das jungen Menschen frühzeitig die richtige Ausbildung offeriert. In den USA fehlt das. Dort ist der Druck enorm, an eine Universität zu gehen.

Und wie gewinnt man die besten Wissenschafter?

Mit dem Matthäus-Prinzip: Man gewinnt gute Talente vor allem dadurch, dass bereits gute Leute an einer Hochschule forschen. Ideen entstehen aus dem Austausch unter den besten Köpfen.

Dennoch gilt: Was heute wichtig ist, kann morgen schon veraltet sein. Das heisst, die ETH muss neue Entwicklungen frühzeitig erkennen. Wie geht das?

Dieser ständige Erneuerungsprozess muss von unten und von oben kommen. Unten sind Forschende, denen wir ausreichende Freiräume bieten, damit sie an der Front erkennen, in welche Richtung die Entwicklung geht. Von oben her müssen wir dann die Gewichte richtig setzen. Wir haben entschieden, Daten- und Gesundheitswissenschaften speziell zu fördern. Wobei dann wieder die Forscher an der Front entscheiden müssen, wie zusätzliche Mittel eingesetzt werden.

Zum künftigen Potenzial der ETH gehören die Frauen. Wie fördern Sie die?

So stark wie nur irgend möglich, und mit wachsendem Erfolg. Wir versuchen Mädchen schon in den Volks- und Mittelschulen zu interessieren und sie dann in Studium und Forschung mit besonderen Programmen zu fördern. Das trägt zwar Früchte, aber wir sind noch nicht da, wo wir gerne sein möchten. Ein Drittel der Studierenden und zwölf Prozent der ordentlichen Professoren sind Frauen. Bei den Assistenzprofessoren sind wir bei 23 Prozent.

Sie haben die nationalen Aufgaben der ETH Zürich erwähnt. Kann man beziffern, wie der Werkplatz Schweiz von ihr profitiert?

Den Nutzen in einer Zahl auszudrücken, halte ich für unmöglich. Aber qualitativ lässt er sich beschreiben. Zum einen bilden wir Absolventinnen und Absolventen aus, die, mit dem allerneuesten Wissen versehen, der Wirtschaft zur Verfügung stehen. Zweitens arbeiten wir in vielen Bereichen eng mit der Industrie zusammen. Und drittens gründen wir pro Jahr 20 bis 25 Firmen im Hightech-Bereich, die wiederum andere Firmen anziehen. Google wäre nicht in Zürich ohne die ETH.

. . . und Werner Arber (Nobelpreis für Medizin 1978) fotografiert. (Bild: Peter Badge/Typos1 in coop. with Foundation Lindau Nobel Laureate Meetings – all rights reserved 2017)

. . . und Werner Arber (Nobelpreis für Medizin 1978) fotografiert. (Bild: Peter Badge/Typos1 in coop. with Foundation Lindau Nobel Laureate Meetings – all rights reserved 2017)

Lino Guzzella, Präsident der ETH Zürich. (Bild: Keystone)

Lino Guzzella, Präsident der ETH Zürich. (Bild: Keystone)