ETHIK: «Das Bild ruft zum Handeln auf»

Jan Schärer (18) gewinnt den Luzerner Religionspreis 2017 für herausragende Maturaarbeiten. Er hat sich mit der umstrittenen Bildpublikation des toten Flüchtlingsjungen Aylan Kurdi beschäftigt.

Haymo Empl
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Jan Schärer (18) ist der Gewinner des Luzerner Religionspreises 2017. Dies für seine ethische Auseinandersetzung mit Pressebildern und deren Einfluss.

Jan Schärer (18) ist der Gewinner des Luzerner Religionspreises 2017. Dies für seine ethische Auseinandersetzung mit Pressebildern und deren Einfluss.

Interview: Haymo Empl

redaktion@luzernerzeitung.ch

Mit dem Luzerner Religionspreis würdigt die Theologische Fakultät der Universität Luzern herausragende Maturaarbeiten zum Thema Religion und Ethik sowie das Engagement der Schülerinnen und Schüler in diesem Themenspektrum. Der mit 500 Franken dotierte Preis wird von der Universitätsstiftung gestellt. Der diesjährige Preis geht an Jan Schärer von der Kantonsschule Alpenquai Luzern für seine ethische Auseinandersetzung bezüglich Umgang mit heiklem Pressebildmaterial.

Jan Schärer, in Ihren eigenen Worten: Worum geht es in Ihrer Arbeit?

Meine Maturaarbeit befasst sich konkret mit der ethischen Frage, ob es gerechtfertigt ist, das Bild eines toten Flüchtlingskindes in den Medien zu verbreiten.

Wie sind Sie auf dieses Thema gekommen?

Zunächst wollte ich eine Art politisches Statement zur Flüchtlingsproblematik verfassen und mich der Frage widmen, wer am Schicksal von Aylan Kurdi die Schuld trägt. Ich bin zufällig an Tickets für die jährliche Prämierung des World-Press-Photo-Wettbewerbs in Zürich gekommen und habe an der Veranstaltung beim Betrachten der Bilder den enormen Einfluss von Pressebildern realisiert.

Was darf ein Pressebild, was darf es Ihrer Meinung nach nicht?

Meiner Meinung nach muss ein Pressebild vor allem aufklärend wirken. Das Ziel des Fotografen sollte es sein, ein möglichst genaues Abbild der Realität darzustellen, und somit darf es unter Umständen auch den Betrachter schockieren. Es ist jedoch wichtig, dass beim Betrachter nicht nur Emotionen geweckt, sondern ihm auch Informationen vermittelt werden. Ein Bild ohne Kontext kann zu schweren Fehlinterpretationen führen. Was das Bild von Aylan betrifft, so hätte man es wohl nicht veröffentlichen dürfen, wenn man sein Gesicht gesehen hätte. Es hätte sich dann die Frage gestellt, ob seine Würde und seine Totenruhe dadurch verletzt sind.

Wie haben Sie sich der Thematik genähert?

Methodisch gesehen ist der Kern meiner Arbeit die Anwendung des «5-Schritte-Schemas der ethischen Entscheidungsfindung» der Autoren Bleisch und Huppenbauer. Dieses Schema habe ich erstmals im Ergänzungsfach Ethik und Religion kennen gelernt; es eignete sich hervorragend zur Behandlung meiner Fragestellung. Um an die nötigen Informationen zu gelangen, las ich zahlreiche Zeitungsberichte und machte Interviews mit Bildredaktoren, um herauszufinden, weshalb sie sich für oder gegen die Veröffentlichung des Bildes entschieden. Ausserdem führte ich ein Gespräch mit dem schweizerischen Presserat. Schlussendlich zog ich das Fazit, dass die Veröffentlichung des Pressebildes gerechtfertigt ist, weil es die Realität wiedergibt und zum Handeln aufruft.

Wie ist der Umgang mit Medien ganz generell in Ihrer Altersgruppe?

Medien spielen eine zentrale Rolle in meiner Altersgruppe. Die Möglichkeiten der Kommunikation via Smartphone sind beinahe unbegrenzt, und natürlich nutzen wir sie auch dementsprechend. Printmedien und Fernsehen hingegen werden kaum noch benutzt. Durch News-Apps oder ­Social Media halten wir uns aber ständig auf dem Laufenden.

Findet eine kritische Auseinandersetzung mit «Medien» in Ihrer Altersgruppe statt, und findet sie überhaupt statt?

Das ist schwierig zu sagen. Natürlich fragen wir uns, woher die konsumierten Informationen stammen, jedoch kommt es sehr auf den Kanal und den Urheber dieser Informationen an. Beispielsweise werden Informationen von Facebook viel weniger ernst genommen als Informationen in den News-Apps. Angesichts der aktuellen Problematik der Fake-News und der Diskussion um das «postfaktische Zeitalter» hinterfragen wir die Medien aber meiner Meinung nach zu wenig.

Wie ist Ihr eigener Medienkonsum?

Eigentlich nur via Smartphone und Computer. Klar lese ich ab und zu Zeitung, aber nie im gleichen Ausmass. Der Inhalt ist dabei aber nicht zwingend weniger gründlich, wie vielfach angenommen wird. Man geht manchmal sogar fast noch mehr in die Tiefe, da man alles Interessante sofort googeln und sich so differenziert mit einem Thema befassen kann.

Ganz grundsätzlich: Bezeichnen Sie sich als religiös?

Nein, ich bezeichne mich selbst nicht als religiös, jedenfalls nicht im konfessionellen Sinn. Das heisst aber nicht, dass ich keine religiösen Gefühle habe und keine spirituelle Seite besitze.

Was bedeutet Religion für Sie?

Meiner Meinung nach kann Religion vieles sein. Wenn jemand Kraft und Hoffnung aus einer spirituellen Quelle schöpfen kann, reicht das. Problematisch ist für mich jedoch die Institutionalisierung von Religion, weil dann Spiritualität sich nicht mehr individuell frei entfalten kann, sondern vorgeschrieben wird.

Nehmen Sie sich jetzt aufgrund dieser Arbeit etwas mit? Persönlich? Beruflich?

Ich habe durch meine Arbeit sicherlich ein differenzierteres Verständnis von Medien und natürlich insbesondere von Pressebildern erlangt. Informationen und Bilder kann ich besser hinterfragen, und mir wurde die grosse Verantwortung von Journalisten bewusst. Wenn ich in Zukunft ausserdem vor schwierigen ethischen Entscheidungen stehe, kann ich die zentrale Problematik schneller erfassen und besitze einen begründeten Ansatz zur Lösung des Problems.