ETHIK: Das klare Nein des Vatikans

Genau heute vor 30 Jahren hat die katholische Kirche ausführlich Stellung bezogen zu Leihmutterschaft und künstlicher Befruchtung. Ihre Haltung ist in allem strikt ablehnend. Wie sehen das andere Religionen?

Andreas Faessler
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Eine Eizelle wird auf künstlichem Weg befruchtet. Die katholische Kirche lehnt solcherlei Praxis in jeder Hinsicht ab. (Bild: Gaetan Bally/Keystone)

Eine Eizelle wird auf künstlichem Weg befruchtet. Die katholische Kirche lehnt solcherlei Praxis in jeder Hinsicht ab. (Bild: Gaetan Bally/Keystone)

Andreas Faessler

andreas.faessler@zugerzeitung.ch

Die wissenschaftlichen Errungenschaften in der Fortpflanzungsmedizin waren in den vergangenen Jahrzehnten enorm. Forscher fanden bahnbrechende Mittel und Wege, wenn etwa Kinderwünsche von Paaren unerfüllt bleiben. Später rückte vor allem die Pränataldiagnostik in den Fokus. Diese beschäftigt die Gesellschaft in der Diskussion um ethisch-moralische Fragestellungen nach wie vor ungebrochen.

Mit der sogenannten «Donum vitae» (Das Geschenk des Lebens) nahm die katholische Kirche im Frühjahr 1987 deutlich und verbindlich Stellung zu den Themen Lebensschutz und Fortpflanzung. Das ausführlich aufgesetzte dreiteilige Dokument, eine sogenannte Instruktion, wurde von der Kongregation für die Glaubenslehre im Vatikan herausgegeben. Vorsitz hatte kein Geringerer als Joseph Kardinal Ratzinger, der nachmalige Papst Benedikt XVI.

Nur durch den natürlichen, ehelichen Sexualakt

Exakt heute vor 30 Jahren, am 10. März 1987, erschien der zweite Teil der «Donum vitae», in dem die Kirche ihre bis heute gültige Position zu einem der wichtigsten Themenkreise veröffentlichte – zu Eingriffen in die menschliche Fortpflanzung. Konkret werden drei zentrale Punkte aufgegriffen: die heterologe künstliche Befruchtung (Spendezellen einer Drittperson), die homologe künstliche Befruchtung (Spendezellen beider Eheleute) und die Leihmutterschaft. Die kirchliche Position ist unmissverständlich: In allen drei Punkten ist sie eindeutig ablehnend. Ein Kind dürfe ausschliesslich über den natürlichen Sexualakt der beiden Ehepartner gezeugt werden, so die Haltung der katholischen Kirche. Alles andere sei «moralisch unerlaubt». Selbst wenn der Kinderwunsch beider Eheleute aufrichtig und mit guten Absichten sei, so dürfe eine künstliche Befruchtung nicht vor­genommen werden, weil das ­neu ­ent­stehende Leben nicht «Produkt eines Eingriffes medi­zinischer Techniken» sein könne. Allein unter diesem Aspekt ist es selbstredend, dass die Kirche die Leihmutterschaft ebenso rigoros ablehnt.

Als einen wichtigen Aspekt führt die Kirche an, dass bei der künstlichen Befruchtung mehrere Eizellen befruchtet werden, wovon aber nicht alle eingepflanzt würden, sondern eingefroren oder aber zerstört. Und da die katholische Kirche sagt, dass menschliches Leben im Moment der Befruchtung entsteht und von da an unantastbar ist, kommt dies ihrer Ansicht nach einer vorsätzlichen Abtreibung gleich.

Wo der innige Wunsch nach einem eigenen leiblichen Kind wegen Sterilität oder aus anderen Gründen unerfüllt bleibt, zeigt die Kirche Verständnis für das Leid der verhinderten Eltern und ermuntert sie, stattdessen alternative Dienste am menschlichen Leben wahrzunehmen wie Adoption, erzieherische Betätigung oder Familienhilfe.

Ein bisschen mehr «Spielraum» im Islam

Diese strikte Haltung gegenüber jeglicher Art von Eingriffen in die menschliche Fortpflanzung ist auf Ebene der Weltreligionen einzigartig. Bei der reformierten Kirche gehen die Positionen innerhalb der unterschiedlichen protestantischen Richtungen so stark auseinander, dass sich keine allgemeine Haltung beschreiben lässt. Die einen teilen weitgehend oder teilweise die Ansicht der katholischen Kirche, andere wiederum sehen als zulässig, was dem Kindswohl dient.

Der Islam kommt den Positionen der katholischen Kirche am nächsten, gibt sich aber zumindest punktuell etwas pragmatischer. Massgebend ist, dass ein Kind von Ehepartnern abstammt. So wäre eine künstliche Befruchtung aus Sicht des Islams zulässig, wenn die männliche und die weibliche Zelle von den Eheleuten kommt (eine Drittperson ist insbesondere bei den Sunniten als Spender ausgeschlossen). Die­ser Ansicht ist zumindest ein Grossteil der islamischen Gelehrten. Ein Vorbehalt hierbei besteht zwar darin, dass bei einer künstlichen Befruchtung – wie weiter oben beschrieben – meist nicht benötigte befruchtete Zellen sterben. Dies wiederum widerspricht der moralisch-ethischen Lehre des Islams. Was die Leihmutterschaft betrifft, so gehen die Haltungen auseinander. Der Islam lehnt sie grundsätzlich ab. Jedoch wird die Leihmutterschaft von ­einigen schiitischen Gelehrten als zulässiges Mittel betrachtet, Kinderlosigkeit und somit Eheproblemen entgegenzuwirken.

Das Judentum verbietet die künstliche Befruchtung zwar. Aber bei Fällen, in denen die positiven Aspekte deutlich überwiegen, kann der Rabbiner eine Befürwortung aussprechen. Wichtig ist, dass sowohl Eizellenspenderin als auch Samenspender jüdischen Glaubens sind. Das Judentum billigt die Leihmutterschaft, weil sie da Leben schenkt, wo sonst keines entstehen würde. Kinderlosigkeit gilt im Judentum als schweres Schicksal.

Hauptsache, Leben entsteht

Grundlegend anders verhält es sich im Buddhismus. Hier zählt, was der gewordene Mensch aus seinem Leben macht. Der Buddhismus kennt keinen Schöpfergott, der für die Entstehung des Lebens verantwortlich ist. Wichtig ist, dass Leben entsteht. Auf welche Weise, ist unerheblich. Leihmutterschaft ist demzufolge zulässig, jeder muss dabei mit sich selbst im Reinen sein.

Eine ähnliche Auffassung haben die Hindus, von denen die meisten an Reinkarnation glauben. Da das Leben somit einem ewigen Kreislauf unterworfen ist, spielt es auch hier eine vernachlässigbare Rolle, wo und wie es entsteht. Leihmutterschaft ist im Hinduismus ein häufig praktiziertes Konzept.