EXTREMSPORT: «Der Gipfel ist nur Halbzeit»

Ueli Steck (39) ist derzeit mit einer Multimediashow auf Tour: Letzten Sommer bestieg er alle 82 Viertausender der Alpen. Im Gespräch erklärt der Ausnahme-Bergsteiger aber, nicht in Superlativen zu denken.

Interview Susanne Holz
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Der Blick des Bergsteigers geht nach oben. Das Wetter? Der Weg? Das Risiko? (Bild Manuela Jans)

Der Blick des Bergsteigers geht nach oben. Das Wetter? Der Weg? Das Risiko? (Bild Manuela Jans)

Interview Susanne Holz

Ueli Steck, sind Sie süchtig nach den Bergen?

Ueli Steck: Süchtig? Nein. Das Bergsteigen ist einfach mein Leben. Ich gehe sehr gerne in die Berge – es macht mich zufrieden. In den Bergen zu sein, zu klettern, das alles gibt mir sehr viel. Als Sucht würde ich es aber nicht bezeichnen.

Sie haben den Begriff des Speed-Kletterns geprägt. Lassen Sie die Berge denn auch gerne schnell hinter sich?

Steck: Ich bewege mich in der Bergwelt sicher vor allem als Sportler und nicht als Wanderer, der mit Musse und langem Atem die Natur um sich herum betrachtet. Ich geniesse es, schnell unterwegs zu sein, die Freiheit dabei zu spüren. Wandern vermittelt mir dieses Gefühl nicht. Aber natürlich mag ich die Berge und muss ihnen deshalb nicht gleich wieder entkommen. Allerdings lebe ich sehr im Moment. Wenn etwas vorbei ist, dann ist es vorbei. Ich mag es, wenn etwas schnell vorwärtsgeht, und blicke nicht zurück. Ich mag auch das schnelle Tempo, den Rhythmus – das gefällt mir extrem. Heute beispielsweise bin ich schon vier Stunden gelaufen – und habe das sehr genossen.

Worin liegt der Zauber der Schnelligkeit?

Steck: An der Leichtigkeit und Einfachheit. Ein Zauber wohnt natürlich auch der Tatsache inne, mit ganz leichtem Gepäck unterwegs zu sein. Beim Aufstieg an der Eiger-Nordwand habe ich fast gar nichts dabei. Unter fünf Kilo Gepäck komme ich gut vorwärts. Und für fünf Kilo passt einiges in den Rucksack: Steigeisen, Eispickel, dünne Daunenjacke, Getränk, Energieriegel, Ersatzhandschuhe.

Stichwort Eiger-Nordwand. Wie oft haben Sie diese inzwischen bestiegen?

Steck: 41 Mal und nie auf die gleiche Weise. Diese Wand ist eine persönliche Herausforderung für mich, und ich lerne jedes Mal wieder etwas dazu. Die Eiger-Nordwand ist spannend und eindrucksvoll und nicht zuletzt eine der höchsten Wände in den Alpen.

Was fasziniert Sie an extremen Situa­tionen? Immerhin setzen Sie sich als Felskletterer und Höhenbergsteiger lebensbedrohlichen Gefahren aus.

Steck: Das mag überraschend klingen, aber generell schätze ich extreme Situationen in keiner Weise. Ich mag es nicht, etwas nicht kontrollieren zu können. Weshalb ich mich auf jede Besteigung sehr gut vorbereite. Physisch, planerisch und intellektuell. Die Zeit der Vorbereitung ist eine sehr spannende – und nimmt mehr Zeit in Anspruch als hinterher die Umsetzung des Geplanten. Was mir wiederum sehr gut gefällt: Etwas zu erreichen, das einmal unerreichbar schien. Es ist ein gutes Gefühl, etwas geschafft zu haben, das nicht mit Sicherheit zu schaffen war.

Sie haben vergangenen Sommer innerhalb von 62 Tagen sämtliche 82 Viertausender der Alpen bestiegen: Ist das auch ein Abhaken auf einer persönlichen Liste?

Steck: Nein, ich sammle keine Gipfel. Aber ich habe meine Leidenschaft zu meinem Beruf gemacht. Entscheidend sind für mich die Routen: Das ist auch der Grund, weshalb ich viele Berge mehrmals besteige. Zudem: Letzten Sommer hat es einfach auch grossen Spass gemacht, zwei Monate am Stück unterwegs zu sein. Und das in den Bergen, wo ich mich am wohlsten fühle.

Wie ist das überhaupt zu bewältigen – 82 Gipfel in 62 Tagen?

Steck: Es ginge auch noch schneller. Ich habe während dieser Tour einmal 18 Gipfel an einem Tag erklommen – man muss einfach früh aufstehen und dranbleiben.

Sie sind in den Alpen genauso zu Hause wie im Himalaja. Was ist in Asien anders als in Europa?

Steck: Selbstverständlich sind im Himalaja die Berge höher, und die Luft ist dünner. Man ist langsamer unterwegs. Auch legt man im Himalaja oft ein paar Tage zu Fuss zurück, bis man am Berg ist. Das fühlt sich insgesamt schon ein bisschen wilder an. Aber ich freue mich jedes Mal auf den Himalaja – er ist anders, jedoch für mich nicht besser als die Alpen.

Sie haben 2012 den Everest ohne Sauerstoff bestiegen. Geht einem da nicht sprichwörtlich die Luft aus?

Steck: Nein. Man kommt einfach nicht mehr so schnell voran, jeder Schritt und jede Bewegung ist viel anstrengender. Auch hat man ohne zusätzlichen Sauerstoff in solch extremen Höhen (der Everest ist 8850 Meter hoch, Anm. d. R.) viel stärker mit der Kälte zu kämpfen. Der geringe Luftdruck und die trockene Luft lassen das Blut eindicken und führen zu einer schlechteren Durchblutung der Extremitäten und somit schneller zu Kälteschäden. Deshalb wird ab einer Höhe von 7700 Metern überwiegend zusätzlicher Sauerstoff zu Hilfe genommen.

Welcher Berg erwies sich für Sie bislang am schwierigsten?

Steck: Kein Berg ist der schwierigste. Jeder Berg hat seinen eigenen Charakter, jeder Tag hat seine eigene Schwierigkeit.

Und gibt es einen schönsten Berg für Ueli Steck?

Steck: Auch nicht. Jeder Berg hat seine eigene Faszination, jeder ist einzigartig.

Wie fühlt es sich an, in einer Wand an einer schier unüberwindbaren Stelle oder kurz vor einem Gipfel im Sturm festzusitzen und um sein Leben zu bangen?

Steck: Klar gibt es Situationen, in denen alles auf der Kippe steht. Da schlägt einem das Herz selbstverständlich höher als zu Hause vor dem Fernseher. Aber jeder Extrembergsteiger muss für sich abwägen, ob es das wert ist oder nicht.

Aber was genau fühlt man, wenn man den eigenen Tod vor Augen hat?

Steck: Man realisiert, dass alles zu Ende sein könnte. Aber der Schreck ist in dem Moment wesentlich kleiner als die Fähigkeit, sich zu konzentrieren und nach einer Lösung zu suchen.

Sie sind ja sehr oft alleine unterwegs. Da fühlt man sich schon etwas einsam ab und zu, oder nicht?

Steck: Ich fühle mich nie einsam in den Bergen. Ich geniesse es, alleine auf Tour zu sein. Man ist völlig frei, kann seinen eigenen Rhythmus festlegen, jede Entscheidung selber treffen. Weil ich nicht abgelenkt bin, nehme ich meine Situation und meine Umgebung intensiver wahr. Viele können mit dem Alleinsein nicht umgehen, weil sie mit sich selber nicht umgehen können – das ist nicht jedem gegeben. Aber ich brauche das ab und zu, brauche die Zeit für mich selbst.

Ihr Körper wiederum braucht viel Kraft und Ausdauer. Wie trainieren Sie ihn?

Steck: Ich investiere sehr viel Zeit in dieses Training. Es ist meine Priorität im Leben. Allerdings kann man nicht immer Vollgas geben – man muss mal intensiver, mal weniger intensiv trainieren. Es ist eine Kunst, mit Peaks zu arbeiten. Inzwischen fordert mein Körper längere Erholungsphasen ein als noch vor zehn Jahren. Dafür bin ich reicher an Erfahrung. Mein Physiotherapeut und Trainer Simon Trachsel kontrolliert das Training – diese Aussensicht ist wichtig.

Doch wie genau sieht das Training eines Speed-Kletterers aus?

Steck: Es ist ein zyklisches Training: Hanteln, Fitness, Laufen, mal locker, mal intensiv. Mein Körper ist mein grundsätzliches Werkzeug – ihn zu optimieren, ist sehr spannend.

Was wäre die ultimative Herausforderung für den Extremsportler Ueli Steck?

Steck: Die gibt es nicht, ich bin nicht gut im Ausdenken von Superlativen. Man muss auch sehen: Das Bergsteigen entwickelt sich immer weiter. Als Reinhold Messner 1978 der erste Mensch war, der den Everest ohne Sauerstoff erklomm, war das eine Riesensache. Heute machen das einige – es geht immer weiter.

Was empfindet man auf dem Gipfel – gerade auf dem des Everest, wenn man vom höchsten Punkt der Erde auf diese runterschaut?

Steck: Man ist oben. Man geht wieder runter. Der Gipfel ist immer nur Halbzeit. Das ist auch ein Selbstschutz, um nicht den Fokus und die Konzentration zu verlieren. Zu viele Glücksgefühle sind hier gefährlich – deshalb unterdrücke ich diese auch jeweils.

Wie viel Vernunftmensch und wie viel Abenteurer stecken in Ihnen?

Steck: Ich bin ein Vernunftmensch. Das Abenteuer versuche ich zu kontrollieren, indem ich mich auf alles Neue – wie ich vorher schon sagte – sehr gut vorbereite.

Woher nehmen Sie eigentlich Ihre mentale Stärke? In Felswänden und unter Gipfeln gilt es, die Nerven zu bewahren. 2008 harrten Sie auf 7500 Metern Höhe in der Annapurna-Südwand zwei Tage neben einem sterbenden Bergsteiger aus. Woher kommt die Kraft?

Steck: Keine Ahnung. Ich kann mit solchen Situationen sehr gut umgehen. Ich kann mich aufs Wesentliche konzentrieren, und ich kann Umstände akzeptieren.

Wie ist das, wenn man beim Abstieg vom Everest an Leichen vorbeikommt?

Steck: Man muss es akzeptieren. Bergsteigen ist gefährlich. Und Tote sind hier Realität.

Blickt man dem eigenen Tod, der ja irgendwann kommt, gelassener ins Auge, wenn man solche Grenzerfahrungen hinter sich hat?

Steck: Gelassen ist der falsche Ausdruck. Nach solchen Erlebnissen steigt aber das Bewusstsein für die Endlichkeit des Lebens. Man weiss, dass es Sinn macht, sein Leben in die Hand zu nehmen und das zu realisieren, was man möchte.

Was zieht Sie in die Berge? Deren Schönheit? Die Herausforderungen, die sie bieten?

Steck: Der sportliche Aspekt überwiegt. Aber natürlich fasziniert mich auch die Natur.

Wäre ein Leben im Flachland für Sie überhaupt möglich?

Steck: Sicher wäre es das, aber es ist nicht mein Ziel.

Und mag ein Ueli Steck das Meer?

Steck: Nicht so sehr. Ich kann nicht sonderlich gut schwimmen. Ich kann es prima ohne die Nähe zum Wasser aushalten.

Ihr Leben ist eine Aneinanderreihung spektakulärer Touren. Bereiten einem da auch noch die ganz gewöhnlichen Dinge Spass?

Steck: Was ich mache, ist für mich normal und überhaupt nicht spektakulär. Ich kann nicht rumsitzen. Ich brauche die Bewegung, sonst bin ich nicht zufrieden.

Was braucht es zum Klettern? Talent, Kraft, Gleichgewichtssinn?

Steck: 120 Kilo zu wiegen, ist sicher keine gute Voraussetzung. Aber schwindelfrei wird man – daran gewöhnt man sich.

Haben Sie sich in grossen Höhen auch schon Körperteile erfroren?

Steck: Ich hatte mal schwarze Zehen, aber nicht endgültig. Sie haben sich wieder erholt. Man sollte seine Füsse nicht zu lange nicht spüren – sonst wird der Schaden irreversibel. Da ist Vorsicht geboten – aus diesem Grund bin ich 2011 auch kurz vor dem Gipfel des Mount Everest umgekehrt. Meine Füsse waren mir wichtiger. Damals ging mir ein Schuh kaputt, der dann nicht mehr beheizt wurde. Zudem war das Wetter sehr schlecht.

Wie fahren Sie Ihren Körper nach einer Expedition wieder runter?

Steck: Ich reduziere das Training. Es ganz auszusetzen, macht keinen Sinn. Ansonsten schaut der Physiotherapeut, was zu tun ist.

Herr Steck, Sie stehen derzeit international an der Spitze der Kletterer und Höhenbergsteiger. Die Menschen lesen Ihre Bücher und strömen in Ihre Vorstellungen. Können Sie sich vorstellen, jemals wieder in Ihrem erlernten Beruf des Zimmermanns zu arbeiten?

Steck: Im Moment steht das nicht zur Debatte. Alles läuft gut, so wie es läuft.

Hinweis

Infos zur Tour: www.explora.ch

 

Maximaltalent und Retter in der Not

ZUR PERSON sh. Ueli Steck kam 1976 in Langnau im Emmental auf die Welt. Im Alter von 12 Jahren begann er zu klettern, mit 18 Jahren durchstieg er zum ersten von bislang 41 Malen die Eiger-Nordwand. Ueli Steck entdeckte neben dem Klettern auch bald das Höhenbergsteigen für sich. Neue Routen erschloss er nicht nur an der Nordwand des Eigers, sondern auch in Alaska, Nepal oder am Gasherbrum II in Pakistan. Seinen gelernten Beruf als Zimmermann stellte er immer mehr zurück – schon lange lebt er ausschliesslich vom professionellen Bergsteigen.

Bekannt ist Steck zudem als Speed-Kletterer, die Effizienz dieses Kletterns übertrug er in den Himalaja. Im Herbst 2013 beging er die Südwand des Annapurna, seines sechsten Achttausenders, im Alleingang. Ueli Steck erhielt mehrmals den Piolet d’Or und nach einer Rettungsaktion für andere Bergsteiger auch den Prix Courage des «Beobachters». Steck lebt mit seiner Frau Nicole bei Interlaken.

3-mal 2 Tickets für die Zentralschweiz

LESERAKTION Mit seiner Multimediashow ist Ueli Steck demnächst in der Zentralschweiz präsent. Kommenden Donnerstag, 17. März, geht es für Steck nach Luzern, am 21. März nach Cham, am 22. März nach Nottwil und am 23. März nach Schwyz.

Der Extrem-Bergsteiger wird von seinem letztjährigen Projekt berichten, als er in 62 Sommertagen alle 82 Viertausender der Alpen bezwang – allein, mit Kollegen oder seiner Frau. Zudem erzählt er auch von seiner Expedition 2013 an der Annapurna-Südwand, als er während 28 Stunden bei eisiger Kälte und Dunkelheit an seinem Limit kletterte.

Für die vier Zentralschweizer Vorstellungen verlosen wir 3-mal 2 Tickets, der Ort ist wählbar. Rufen Sie bis Montag, 24 Uhr, unter 0901 83 30 23 an (Fr. 1.50 pro Anruf) oder nehmen Sie unter www.luzernerzeitung.ch/wettbewerbe an der Verlosung teil. Die Gewinner werden unter allen Teilnehmern ermittelt und informiert.

«Ich sammle keine Berge.» Extremsportler Ueli Steck hakt das Erreichte nicht auf einer Liste ab. (Bild: Manuela Jans / Neue LZ)

«Ich sammle keine Berge.» Extremsportler Ueli Steck hakt das Erreichte nicht auf einer Liste ab. (Bild: Manuela Jans / Neue LZ)