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FEHLBILDUNG: Ungeborene Kinder werden immer häufiger im Mutterleib operiert

Immer häufiger erfolgen Operationen an ungeborenen Kindern. Der Eingriff erfolgt nur, wenn schwere Entwicklungsstörungen befürchtet werden. In der fötalen Chirurgie sind Schweizer Spitäler führend.
Andrea Söldi
Die fötale Chirurgie wird vorangetrieben durch immer leistungsfähigere Ultraschallgeräte. (Bild: Getty)

Die fötale Chirurgie wird vorangetrieben durch immer leistungsfähigere Ultraschallgeräte. (Bild: Getty)

Andrea Söldi

Bis dahin war die Schwangerschaft problemlos verlaufen. Der Schreck war deshalb gross, als die Gynäkologin in der 23. Woche auf dem Ultraschallbild einen offenen Rücken entdeckte – eine sogenannte Spina Bifida.

Für Andrea und René Schildknecht aus Gossau begann ein Marathon an Untersuchungen und eine Zeit des Bangens. «Als wir erfuhren, dass der Defekt bereits im Mutterleib operiert werden kann, schöpften wir Hoffnung», sagt der Vater. Bereits drei Wochen nach der Diagnose unterzog sich seine Frau dem Eingriff in Zürich.

Die Fehlbildung entwickelt sich bereits sehr früh in der Schwangerschaft. Bei etwa einem von 2000 Babys entsteht bei der Bildung des Neuralrohrs eine Lücke. Dort liegt das Rückenmark schutzlos frei und wird geschädigt. Meist sind betroffene Kinder weitgehend gelähmt und haben Schwierigkeiten bei der Urin- und Stuhlentleerung. Viele entwickeln einen Wasserkopf. Für die Behinderung ist unter anderem ein Mangel an Folsäure – ein natürliches Vitamin der B-Gruppe – in der frühen Schwangerschaft verantwortlich.

Seit 2010 über 70 Operationen durchgeführt

Lange gab es keine ursächliche Behandlungsmöglichkeit. Viele Eltern entschieden sich für eine Abtreibung. Im Dezember 2010 operierte Martin Meuli, Chefarzt der Chirurgie am Kinderspital Zürich, den ersten Fötus in der Schweiz mit einem offenen Rücken. Seither hat er die Operation zusammen mit anderen Spezialisten über 70-mal durchgeführt.

Meistens erfolgt der Eingriff während des 6. Schwangerschaftsmonats. «Die meisten Kinder haben deutlich profitiert», sagt Meuli. Spätere Wasserkopfoperationen seien nur noch halb so oft nötig. Der Grossteil der Kinder zeige eine klar bessere Beinbeweglichkeit und Blasenfunktionsstörungen seien weniger ausgeprägt. «Keinem der Kinder geht es schlechter, als es ihnen ohne Operation gegangen wäre.»

Auch beim Töchterchen der Familie Schildknecht scheint der Eingriff Erfolg zu zeigen. Seit vier Monaten ist die kleine Larina auf der Welt und entwickelt sich bestens. «Sie ist ein ruhiges, zufriedenes Baby und beginnt nun zu lächeln», freut sich der Vater. Etwas Probleme verursacht zurzeit noch eine vergrösserte Niere, was möglicherweise im Zusammenhang mit der Spina Bifida steht. «Wie gut sie später wird gehen können, ist noch ungewiss», ist sich René Schildknecht bewusst. Die Chancen, dass sie keinen Rollstuhl braucht, stehen aber gut.

Schwangere pilgern in die Schweiz

In den USA wurden entsprechende Eingriffe bereits mehrmals durchgeführt. Ebenso in Deutschland, dort jedoch mit minimalinvasiver Technik – auch Schlüssellochchirurgie genannt. Dies hält Meuli für heikel, weil die kleinen Löcher in der Gebärmutter nicht richtig verschlossen werden können. Er selber und die amerikanischen Kollegen nehmen den Eingriff deshalb an der geöffneten Gebärmutter vor.

«In Europa sind wir klar führend», sagt Martin Meuli. Deshalb kommen rund zwei Drittel der Frauen, welche sich in Zürich abklären und manchmal auch operieren lassen, aus anderen europäischen Ländern sowie aus Russland und den Golfstaaten.

Die fötale Chirurgie ist ein junges Fachgebiet, das sich schnell entwickelt. Vorangetrieben wird es durch neuere, weniger invasive Techniken, bessere Kenntnisse der Entwicklungen und Fehlentwicklungen von Föten sowie immer leistungsfähigere Ultraschallgeräte. Möglich könnten künftig auch Operationen bei angeborenen Herzfehlern werden.

Furore gemacht haben letztes Jahr auch die beiden Fetalmediziner Luigi Raio vom Berner Inselspital und David Baud vom Universitätsspital Lausanne, als sie einen Jungen in der 29. Schwangerschaftswoche an einem Tumor in der Lunge operierten.

Durch einen kleinen Einstich in der Bauchdecke der Mutter drangen sie unter Ultraschall-Beobachtung mit einer Nadel bis zum Brustkorb des Babys vor. Dann verödeten sie die Gefässe, welche den schnell wachsenden Tumor mit Blut versorgten. Besonders heikel war, dass die Operation in unmittelbarer Nähe des Herzens und der Hauptschlagader des Kindes stattfand. «Wir mussten sehr präzise und mit ständigem Blick auf den Ultraschall arbeiten», sagt Raio. Ruben kam im April 2016 gesund auf die Welt und gedeiht seither prächtig.

Das eingespielte Chirurgenteam hatte zuvor bereits mehrmals auf ähnliche Weise bei Zwillingsschwangerschaften operiert. Beim sogenannten Zwillings-Transfusion-Syndrom erhält eines der ungeborenen Kinder über die Plazenta zu viel Blut vom anderen. Um die Blutzufuhr auszugleichen, veröden die Ärzte bestimmte Gefässe auf der Plazentaoberfläche mit einem Laser.

Operiert wird nur, wenn das Leben in Gefahr ist

In den letzten Jahren konnten immer mehr Krankheiten und Komplikationen von Babys bereits im Mutterleib behandelt werden. Das Ärzteteam Raio und Baud zum Beispiel hat bereits zweimal Tumore in der Plazenta entfernt und hat Erfahrungen mit intrauterinen Bluttransfusionen, wenn das Kind unter Blutarmut leidet. Auch sogenannte Shunts haben sie schon eingesetzt, etwa um eine verschlossene Harnröhre zu erweitern. In anderen Ländern korrigieren Chirurgen Fehlbildungen der Blase, befreien abgeschnürte Händchen und Füsschen oder beheben Zwerchfellbrüche.

Der Nutzen solcher Operationen müsse aber stets gut abgewogen werden, betont Luigi Raio: «Grundsätzlich werden die risikoreichen Eingriffe nur dann durchgeführt, wenn das Leben des Ungeborenen unmittelbar in Gefahr ist oder schwere Entwicklungsstörungen zu befürchten sind.»

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