FERDY KÜBLER: «Keine Feinde, aber auch keine Freunde»

Heute feiert Ferdinand «Ferdy» Kübler seinen 90. Geburtstag. Die Radlegende erinnert sich an seine grössten Triumphe. Und an seinen Rivalen Hugo Koblet.

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Ferdinand Kübler und seine Frau Christina. (Bild André Häfliger)

Ferdinand Kübler und seine Frau Christina. (Bild André Häfliger)

Am Donnerstag zu Hause beim ältesten noch lebenden Sieger der Tour-de-France in Birmensdorf ZH, knapp 200 Meter Luftlinie entfernt von der Wohnung des ehemaligen Fussball-Natitrainers Köbi Kuhn. Das Telefon klingelt unentwegt, Blumen wurden gerade abgegeben – und schon steht der Pöstler wieder mit drei Päckchen an der Tür. Christina, Ferdys 28 Jahre jüngere Ehefrau, ist schnell in den Golfclub gefahren. Die letzten Vorbereitungen zum Golfturnier, welches sie zum runden Geburttag ihres «Goldschätzelis», wie sie «Ferdy National» liebevoll nennt, von heute Freitag stehen an. «Wir feiern mit 200 Freunden, mit denen wir seit 18 Jahren Golf spielen», erzählt der Handicap-22-Spieler, der im Sommer am liebsten noch jeden Tag Bälle abschlägt. «Christina macht das alles wie immer total hingebungsvoll. Was sie sagt, das mache ich», fügt Kübler stolz hinzu. «Sie ist mein grosses Los. Unschätzbar viel mehr wert als ein Lottosechser!»

Lange Zeit musste Ferdinand Kübler, der seine von kampfbetonten Fahrstil geürägte Profilaufbahn 1940 begann, auf den ersten «Sechser» im Radsport warten: Erst mit 31 nämlich kam der grösste Erfolg des dreifachen Tour-de-Suisse-Siegers (1942, 1948, 1951), der Gesamtsieg an der Tour-de-France. «Ich spürte es förmlich in den Pedalen, wie schnell ich war», erinnert sich Kübler an die Tage seines Triumphes. «Ich hatte trainiert wie nie zuvor, trat mit über 20'000 Radkilometer zum härtesten Velorennen der Welt an.» Vor allem über den Klausenpass fuhr er wöchentlich mindestens dreimal. So oft, dass ein Fan ihn beim Vorbeifahren mal fragte: «Hey Ferdy, willst du diesen Pass eigentlich kaufen?» Nein, das wollte er nicht. «Ich wollte nur eines: Es meinem Rivalen Hugo Koblet zeigen!»

Kein Funk, keine Absprachen
Gesagt, getan. «Nach dem zweiten, 87 Kilometer langen Zeitfahren war für mich klar: Ich hab's geschafft, ich werde als Sieger in Paris einfahren», erzählt Ferdy heute noch stolz. Ganz alleine, ohne Funkverbindungen und auf einer gegenüber heute rund 1500 Kilometer längeren Tour-de-France, hatte sich Kübler, neben Koblet bis heute der einzige Schweizer Toursieger, diesen historischen Triumph herausgefahren. «Teamkollegen oder andere Schweizer Fahrer sah ich damals nur beim Frühstück und Abendessen», erinnert sich Kübler schmunzelnd. Absprachen gab's nur ganz sporadisch. Als er mal einen «Platten» hatte, wollte ein Teamkamerad helfen, da sagte ihm Kübler: «Lass mal, das repariere ich alleine. Geh lieber nach vorne – und bremse die Kerle!»

Knallharte Radduelle
Einer musste immer und immer gebremst werden – Erzrivale Hugo Koblet. «Erzrivale? Na ja?», lächelt Ferdy Kübler, der Zeit seines Lebens keiner Fliege etwas antun konnte. «Hugo und ich waren keine Feinde – aber auch keine Freunde. Während zehn Jahren haben praktisch Rad an Rad gekämpft und uns nichts geschenkt. Hugo und ich haben einander einfach immer angestachelt, oder, schöner gesagt, inspiriert.» Auf pointierte Weise, wie Kübler unserer Zeitung erzählte: «Fast eine Stunde ging es mal an einem Rennen bei 40 Grad steil bergauf. Da ging mir das Wasser aus. Verzweifelt bat ich Hugo um einen Schluck Wasser.» Da nahm Koblet, der vor bald 45 Jahren verarmt und mit Schulden belastet bei einem Autounfall starb, den Behälter, leerte den Inhalt über das Vorderrad seines Widersachers und sagte: «Hallo Ferdy, hast du etwa Durst?»

Rivalen nur auf der Strecke
Kübler betont indes, dass Koblet und er «lediglich auf den Rennstrecken» Rivalen gewesen seien. «Neben den Rennen haben wir uns immer sehr gut verstanden», so Kübler. «Wir gingen oft privat miteinander essen und haben an den Rennen ab und an auch die Zimmer geteilt. Hugo war unkompliziert und umgänglich. Wir haben uns halt zu unseren grössten Erfolgen regelrecht gegenseitig angetrieben.» Tatsächlich: 1951, ein Jahr nach Kübler fuhr Koblet als Sieger in Paris ein. «Da war er wieder ganz oben. Was also musste ich machen?» Die Strassen-Weltmeisterschaft gewinnen? «Ganz genau», lacht Ferdy laut. «Das war in dem Jahr exakt die hauptsächliche Triebfeder zu meinem zweiten grössten Erfolg.»

Hellseher Kübler?
Der zweite «Sechser» im Sport. Ferdy Kübler – er sollte viel mehr Lotto spielen. Schon drei Wochen vor der diesjährigen Tour-de-France hatte er nämlich vorausgesagt, wie sie laufen wird: «Contador wird gewinnen – und Armstrong wird dabei eine wichtige Rolle an der Spitze spielen.» Bestimmt fügt Kübler, der Doping verpönt («Wie können Fahrer, Ärtze und Betreuer nur immer wieder so dumm sein?») an: «Lance sollte sich jetzt aber zurückziehen. Wenn er sagt, er werde nächstes Jahr Toursieger, dann ist es angesichts der nachdrängenden Nachwuchses ziemlich lächerlich.» Ferdy Kübler – auch wenn er seit gut einem Jahr Mühe mit Laufen und Gleichgewichtsprobleme hat – er ist und bleibt ein Mythos mit sehr pointierten Ansichten.

André Häfliger