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FINANZEN: Das Sackgeld im Sparschwein

Eine landesweite Umfrage zeigt: Ein zwiespältiges Verhältnis zum Geld lernt man schon im Kindergarten. Eltern in der Westschweiz und im Tessin haben einen völlig anderen Umgang mit Sackgeld als Deutschschweizer Eltern.
Daniel Zulauf
Sparschwein schlachten oder weiter füttern? Die Mehrheit der Kinder lernt mit dem Sackgeld vor allem zu sparen. (Bild: Getty)

Sparschwein schlachten oder weiter füttern? Die Mehrheit der Kinder lernt mit dem Sackgeld vor allem zu sparen. (Bild: Getty)

Daniel Zulauf

Den richtigen Umgang mit Geld erlernt der Nachwuchs im eigenen Elternhaus, und für die Eltern hat die Finanzerziehung einen hohen Stellenwert. Das sind zwei Schlüsselerkenntnisse aus der bisher grössten schweizweiten Umfrage zum Thema Sackgeld. Die von Credit Suisse und Pro Juventute in Auftrag gegebene Studie hat mit 14000 Befragten, darunter 7200 Mütter und Väter mit Kindern im Alter von 5 bis 14 Jahren, zweifellos eine starke Aussagekraft. Eindeutig sind die Ergebnisse der Studie trotzdem nicht. Fast jedes dritte Kindergartenkind im Alter von 6 Jahren erhält in der Schweiz bereits ein regelmässiges Sackgeld. Im Durchschnitt sind es etwa 5 Franken pro Monat. Ab der Primarschulstufe geht es dann zügig aufwärts. Vor dem Übertritt in die Oberstufe beträgt das Sackgeld im Durchschnitt bereits 23 Franken, und in den folgenden zwei Jahren verdoppelt sich dieser Betrag gleich noch einmal. Im Alter von 7 Jahren erhält mehr als die Hälfte der Kinder regelmässig Sackgeld.

«Geld fällt nicht vom Himmel», ist einer von neun Leitsätzen, den 77 Prozent der befragten Eltern in der Finanz­erziehung ihrer Kinder zu befolgen angeben. Doch bei der Vergabe des Sackgeldes wird dieses Leistungsprinzip ausgeklammert. 63 Prozent der Kinder erhalten ihren monatlichen Batzen ohne Bedingungen. Zwar sagen zwei Drittel der Eltern, ihre Kinder müssten im Haushalt mithelfen. Und von der Minderheit, welche die Vergabe des Sackgeldes doch an Bedingungen geknüpft hat, haben nicht weniger als 78 Prozent die Erfüllung der klassischen «Ämtli» im Kopf. Das sind doch schon ziemlich bemerkenswerte Zwiespältigkeiten, und solche finden sich in der umfangreichen Studie eine ganze Reihe.

Grosse Unterschiede zwischen den Sprachregionen

So sagen zum Beispiel nur 62 Prozent der Westschweizer, dass der Umgang mit Geld ein wichtiges Erziehungsziel ist, während die Zustimmungsrate der Deutschschweizer über 90 Prozent, jene der Tessiner immerhin noch über 70 Prozent beträgt. Für drei Viertel der Lateiner stehen demgegenüber «Genuss und Lebensfreude» zuoberst auf der erzieherischen Prioritätenliste (im Gegensatz zu bloss einem Drittel in den deutschsprachigen Landesteilen). Doch Kinder, die in der Westschweiz und im Tessin ein monatliches Taschengeld erhalten, müssen dafür viel häufiger als ihre Altersgenossen diesseits der Sprachgrenzen eine Arbeit dafür erledigen. «Das Sackgeld ist zum Üben da», sagt Katja Wiesendanger, Direktorin von Pro Juventute, in Übereinstimmung mit einer Mehrheit der Eltern. Die Erfüllung häuslicher Tätigkeiten sei eine Selbstverständlichkeit, die nicht mit einem Lohn nach marktwirtschaftlicher Logik entschädigt werden sollte.

Doch wie funktioniert dieses Üben, und was ist der erzieherische Sinn einer Investition, die nicht selber verdient sein will? Offenbar ist schon die Frage falsch gestellt. Die Mehrheit der Kinder lernt mit ihrem Sackgeld nämlich vor allem zu sparen. Selbst Kinder, die das Taschengeld ganz zur freien Verfügung haben, also davon keine bestimmten Ausgaben wie das Handyabo oder das Essen in der Mensa tätigen müssen, stecken einen bedeutenden Teil des elterlichen Batzens ins Sparschwein.

Rund ein Drittel der Kinder wird von den Eltern sogar explizit zum Sparen aufgefordert, Sparen ist quasi Bedingung für den Erhalt des Sackgeldes. So spart sich der Schweizer Nachwuchs schon in frühen Jahren substanzielle Beträge zusammen. Bei 7- bis 8-Jährigen liegen im Mittel bereits 650 Franken in der Kasse. Bei 14-Jährigen sind es schon mehr als 1400 Franken. Obwohl nur relativ wenige Eltern das «Sparen um des Sparens willen» als Teil ihrer Finanzerziehung vermitteln möchten, scheinen sich die Jugendlichen genau an diesen Grundsatz zu halten.

Bargeld ja, Bankkarte nein

Dieser Widerspruch wirft die Frage auf, ob eine umfassende Finanzerziehung nicht stärker auch den Konsum einbeziehen sollte. Ein Hinweis darauf, dass die Übungsanlage Sackgeld dem Thema nicht wirklich gerecht werden könnte, ist unter anderen die Erkenntnis der Studie, nach der die Eltern ihren Kindern den Umgang mit dem bargeldlosen Zahlungsverkehr trotz fortschreitender Digitalisierung bis heute kaum zutrauen. Erst mit 16 Jahren besitzen Kinder im Durchschnitt eine eigene Bankkarte. Je älter die Kinder werden, desto häufiger erhalten sie von den Eltern auch einen Zuschuss, wenn der monatliche Betrag nicht ausreicht. «Offensichtlich führen die wachsenden Konsumwünsche bei den Kindern dazu, dass auch der Druck auf die Eltern zunimmt, den Kindern weiteres Geld zu geben», heisst es in der Studie. Dass Eltern ihren Kindern einen Kredit geben, kommt im Tessin und in der Westschweiz etwas häufiger vor als in der Deutschschweiz.

Überhaupt scheinen viele Eltern die Einflüsse von ausserhalb der Familie als störend für die heile Welt rund ums Sackgeld wahrzunehmen. Negative Einflüsse kommen gemäss der Umfrage von anderen Kindern (65 Prozent), von Idolen (91 Prozent) wie auch von den Medien (88 Prozent) oder von der Werbung (93 Prozent). Als Partner in der finanziellen Erziehung ihrer Kinder wollen sich Schweizer Familien allein auf die Schulen verlassen. Das stellt dem Sackgeld als Erziehungsinstrument kein gutes Zeugnis aus.

Sackgeld in der Schweiz. (Bild: Grafik: LZ)

Sackgeld in der Schweiz. (Bild: Grafik: LZ)

Sackgeld in der Schweiz. (Bild: Grafik: LZ)

Sackgeld in der Schweiz. (Bild: Grafik: LZ)

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