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FITNESS: «Ich bin kein Ruhestand-Typ»

«Trainieren macht keinen Spass, aber glücklich», sagt Werner Kieser (74). Der Krafttrainer erklärt, weshalb 12 Minuten Training pro Woche genügen und wie man die Leute dazu bringt, fürs Schuften auch zu zahlen.
Interview Dominik Buholzer
Weniger ist laut Werner Kieser mehr: «Es wird zu viel trainiert.» (Bild: Keystone/Martin Rütschi)

Weniger ist laut Werner Kieser mehr: «Es wird zu viel trainiert.» (Bild: Keystone/Martin Rütschi)

Werner Kieser, Sie gelten als Frühaufsteher. Wann ging bei Ihnen heute der Wecker los?

Werner Kieser (schmunzelt): Um sieben Uhr, was für meine Verhältnisse spät ist. Normalerweise stehe ich um fünf Uhr auf.

Ist das nicht ein wenig gar früh?

Kieser: Ich bin mir nichts anderes gewohnt. In meiner Jugend musste ich jeweils um fünf Uhr aufstehen und den Holzofen in der Schreinerwerkstatt meines Vaters anmachen, damit es warm war, wenn die Arbeiter kamen. Ich bin eben ein Morgenmensch. Dafür kann man mich dann am Nachmittag nicht mehr gebrauchen. (lacht)

Sie sind 74 Jahre alt. Wieso gehen Sie es nicht ein wenig ruhiger an?

Kieser: Ich gehe es doch schon seit über 40 Jahren, seit ich arbeite, ruhig an. Ich bin ein Anti-Burn-out-Typ, wie meine Frau immer wieder meint. Wenn ich nicht mehr mag oder müde bin, gehe ich einfach schlafen.

Aber Sie gehen jeden Tag arbeiten.

Kieser: Ja. Wieso sollte ich das nicht tun?

Ich will Ihnen nicht zu nahe treten. Aber Sie sind schon weit über das Pensionsalter hinaus ...

Kieser: Ich bin nicht der Typ für den Ruhestand. Ich empfinde meine Arbeit nicht als Last. Ich lebe meinen Traum.

Von Aufhören kann also keine Rede sein?

Kieser: Ganz und gar nicht. Ich habe heute deutlich mehr Zeit für mich als noch vor ein paar Jahren. Ich komme beispielsweise viel mehr als früher dazu, Handörgeli zu spielen, oder zum Lesen. Das hat aber nichts mit meinem Alter zu tun, sondern damit, dass ich endlich ein gutes Management habe. Zuvor hatte ich es mit zwei CEO versucht, doch irgendwie hat das nicht geklappt.

Weshalb nicht?

Kieser: Die haben ganz einfach nicht verstanden, worum es mir geht.

Worum geht es Ihnen denn?

Kieser: Schauen Sie: Lange Zeit wurde angehenden Managern in der Ausbildung beigebracht, das Wichtigste sei der Shareholder-Value, also der Gewinn für die Aktionäre. Diese Ansicht kann man haben. Es ist aber nicht meine. Es geht mir nicht darum, möglichst viel Geld aus meiner Firma rauszuholen. Sondern ich betrachte das Unternehmen als Vehikel, um meine Ideen zu verwirklichen. Dies hat zur Folge, dass ich immer wieder Investitionen tätige, die sich nicht unmittelbar als Gewinn bringend erweisen.

Und jetzt haben Sie die ideale Lösung für die Leitung Ihrer Firma gefunden?

Kieser: Nachdem wir uns von unserem zweiten CEO getrennt haben, ist gemäss unseren Statuten unser Finanzchef nachgerückt. Der macht seine Sache so gut, dass ich ihm eines Tages sagte: «Ich will, dass du CEO bleibst. Jetzt suchst du einen Nachfolger für dich.»

Sie sind seit 47 Jahren im Geschäft. Was fasziniert Sie eigentlich dermassen an der Fitnessszene?

Kieser: Ich will meine Idee umsetzen.

Und die ist?

Kieser: Weniger ist mehr. Es wird viel zu viel und viel zu wenig hart trainiert. Einmal in der Woche 12 Minuten Training genügen völlig. Wenn Sie an die Leistungsgrenze gehen, mögen Sie eh nicht länger.

Wirklich?

Kieser: Glauben Sie mir. Das Problem ist nur, dass eine Person, die noch nie gross Sport getrieben hat, gar nicht weiss, wo ihre Grenzen liegt. Deshalb bieten wir in unseren Studios auch immer eine medizinische Trainingsberatung durch einen Arzt an. Es ist zudem wissenschaftlich bewiesen, dass der Trainingseffekt auf den Muskel erst zehn Tage nach dem Training sein Maximum erreicht hat. Dies ist zwar keine wirklich neue Erkenntnis, aber sie setzt sich erst jetzt langsam durch.

Die Erfolgsformel lautet also: kurz und heftig?

Kieser: Genau. Training ist Stress, ist selten das, was wir lieben. Deshalb muss es kurz und intensiv sein. Ich vertrete diese Ansicht seit über 40 Jahren. Erst heute wird dies als HIT, als hoch intensives Training, verkauft.

Verspüren Sie eine gewisse Genugtuung?

Kieser: Die verspüre ich. Aber wissen Sie, ich bin es mir gewohnt, dass ich von der Fitnessszene nicht geliebt werde.

Weil Sie sehr eigenwillig sind?

Kieser: Ich bin gegenüber der Fitnessbranche sehr kritisch eingestellt. All das Judihui-Zeug gefällt mir gar nicht. Da wird auch sehr viel Unsinn angeboten. Ich will, dass sich meine Kunden auf das Wesentliche, auf das Training, konzentrieren. Deshalb läuft bei uns weder Musik noch ein Fernseher.

Was ist, wenn ich den Drang verspüre, mehr zu trainieren?

Kieser: Dann werde ich skeptisch. Das deutet darauf hin, dass Sie zu wenig hart trainiert haben. Einmal 12 Minuten pro Woche genügt. Aus therapeutischen Gründen können im individuellen Fall noch zwei, drei Übungen dazukommen, aber 30 Minuten sind das Maximum, das nicht überschritten werden sollte. Ich schlage den Kunden vor, dass sie zwei Mal in der Woche kommen, weil sie immer wieder mal ein Training ausfallen lassen müssen. Wenn bis Ende Jahr 50 Trainingseinheiten zusammenkommen, ist es ideal.

Wie bringt man Menschen eigentlich dazu, sich zu quälen und erst noch dafür zu bezahlen?

Kieser: Das ist eine gute Frage. Das Training bei Kieser macht zwar keinen Spass, aber es macht glücklich.

Echt?

Kieser: Das Training verändert die Menschen. Auf einmal machen sie Sachen, die sie schon lange einmal machen wollten: eine Reise, sie wechseln den Beruf ... Mit der Kraft wächst der Mut, Veränderungen anzugehen. Das ist etwas, das wir von unseren Kunden immer wieder zu hören bekommen.

Wie lange dauert es, bis sich bei mir trainingsbedingt eine Veränderung bemerkbar macht?

Kieser: Meistens geht dies sehr schnell. Sie werden wohl schon nach dem ersten Training feststellen, dass Sie körperlich zwar müde sind, geistig aber hellwach. Nach zwei bis drei Wochen lassen sich Veränderungen in der Haltung und der Figur beobachten. Dies ist wohl auch der Grund, weshalb heute mehr Frauen als Männer zu uns ins Training kommen. Frauen sind sehr kritisch, was die Haltung anbelangt.

Wie hoch ist der Frauenanteil?

Kieser: Er liegt bei rund 51 Prozent. Als ich vor über 40 Jahren anfing, war Krafttraining bei Frauen ein völliges Tabu. Das war eine Männersache.

In der Fitnessbranche wimmelt es von leistungssteigernden Substanzen wie Kreatin oder Protein. Bringt das wirklich etwas?

Kieser: Früher war ich ein radikaler Gegner von solchen Mitteln. Heute sehe ich dies anders. Ab 40 macht die Einnahme von solchen Substanzen durchaus Sinn, dann haben Sie ihren Kredit, den Sie biologisch bedingt erhalten haben, aufgebraucht. Die Eiweisssynthese verschlechtert sich und die Eigenproduktion von Kreatin ebenfalls.

Kann man eigentlich auch zu alt sein fürs Fitnesstraining?

Kieser: Sie müssen die Frage andersrum stellen: Wann sollte man spätestens mit dem Training anfangen?

Wie lautet Ihre Antwort?

Kieser: Spätestens mit 50 sollten Sie mit dem Krafttraining anfangen.

Aber ich könnte genauso gut joggen gehen.

Kieser: Vergessen Sie das Joggen. Wir sind keine Lauftiere, unsere Füsse sind eigentlich Greiforgane. Wir sind eine Affenart. Es ist entscheidend, dass wir unsere gesamte Körpermuskulatur stärken und nicht nur die Beine. Es ist die Muskulatur, die alles zusammenhält und uns trägt. Die meisten Leute sind heute im Allgemeinen zu schwach, vor allem ältere Menschen. Rückenprobleme sind nur die Spitze des Eisberges.

Liegt das nicht auf der Hand?

Kieser: Nein. Wir schonen uns im Alter zu Tode. Deshalb: Jagen Sie sich im Alter ruhig ein wenig. Nehmen Sie die Treppe statt den Lift. Das wirkt Wunder.

Ist das Fitnessgeschäft überhaupt ein Geschäft?

Kieser (lacht): Es ist für viele Betreiber in erster Linie mal ein Geschäft.

Aber es lässt sich gutes Geld damit verdienen?

Kieser: Man kann damit Geld verdienen. Ein Drittel unserer Studios sind hoch rentabel, ein weiteres Drittel rentiert, ist aber kein Riesengeschäft, und der Rest liegt unter den Erwartungen.

Aus welchem Grund?

Kieser: In neun von zehn Fällen handelt es sich um ein Führungsproblem. Ich wünschte mir, es gebe ein Rezept, wie man aus jemandem eine gute Führungsperson macht.

Es gibt zumindest genügend Weiterbildungsmöglichkeiten auf diesem Gebiet.

Kieser: Das stimmt. Doch ich bin je länger, desto mehr überzeugt: Die notwendigen Fähigkeiten lassen sich nicht in einem Kurs aneignen. Wir alle sind Rudeltiere, wir brauchen einen Leithammel.

Woran erkennt man eine gute Führungsperson?

Kieser: Eine Führungsperson hat ihren Mitarbeitern etwas zu vermitteln, das bringt ein Team weiter. Und sie verhält sich gegenüber allen gleich, sowohl gegenüber Vorgesetzten wie auch Mitarbeitern.

Geld lässt sich offenbar vor allem in Deutschland verdienen. 117 von 150 Kieser-Training-Studios befinden sich dort.

Kieser: Deutschland ist in der Tat ein sehr wichtiger Markt für uns. Wir möchten aber auch in der Schweiz wieder wachsen. Heute verfügen wir über sieben Betriebe hierzulande. Künftig sollen es zehn bis fünfzehn weitere sein, unter anderem wollen wir auch in Luzern wieder über ein eigenes Studio verfügen.

Bis wann wollen Sie dieses Ziel erreichen?

Kieser: Ich will mich da nicht festlegen. Wir haben in den vergangenen Jahren aus strategischen Gründen in die Entwicklung von neuen Trainingsgeräten investiert. Als Nächstes wollen wir die Expansion vorantreiben.

Was bedeutet Ihnen Geld?

Kieser: Nicht viel. Ich stecke es am liebsten in neue Projekte. Das ist die sicherste Anlage.

Woher nehmen Sie die Gewissheit, dass die Rechnung aufgeht?

Kieser: Diese Sicherheit habe ich nie. Es floppt immer wieder mal das eine oder andere Projekt. Das gehört zum Lernprozess. Aber es befinden sich auch immer wieder Projekte darunter, die sich bezahlt machen.

Mit 65 haben Sie noch ein Philosophiestudium begonnen. Weshalb?

Kieser: Wir standen kurz davor, nach Australien und Grossbritannien zu expandieren. Ich wollte deshalb unbedingt meine Englischkenntnisse verbessern.

Weshalb haben Sie dann nicht einfach einen Sprachkurs absolviert?

Kieser: Ich langweile mich in solchen Kursen unglaublich schnell. Also habe ich mir überlegt, ob ich dies nicht mit einem Studium verbinden könnte.

Und weshalb sind Sie dann ausgerechnet bei der Philosophie gelandet?

Kieser: Ich finde Philosophie unglaublich spannend. Ich befasse mich seit meinem 18. Lebensjahr damit. Also habe ich mich an einer englischen Universität eingeschrieben.

Und wie ist das, mit 65 mit einem Studium anzufangen?

Kieser: Das war eine tolle Erfahrung. Ich muss aber gestehen: Ich habe es auch ein wenig unterschätzt. Für den Bachelor musste ich zwei Anläufe nehmen ..., aber ich gebe nicht so einfach auf. Als es beim zweiten Mal geklappt hat, wollte ich eigentlich das Thema Studium ad acta legen. Nach einem Jahr merkte ich, dass mir das Lernen fehlte. Also nahm ich auch noch den Master in Angriff. Heute bin ich sehr froh, dass ich es getan habe.

Weshalb?

Kieser: Das Studium hat mich in meiner Arbeit bestärkt. Es gab mir beruflich mehr Entschiedenheit. In der Philosophie lernt man: Alles sind Hypothesen, man muss sich einfach für eine entscheiden. Die Welt ist ein Meer voller Ungewissheit und bei weitem nicht so einfach, wie wir uns dies vorstellen.

Werner Kieser: «Das Training verändert die Menschen. Auf einmal machen sie Sachen, die sie schon lange einmal machen wollten.» (Bild: Keystone / Martin Rütschi)

Werner Kieser: «Das Training verändert die Menschen. Auf einmal machen sie Sachen, die sie schon lange einmal machen wollten.» (Bild: Keystone / Martin Rütschi)

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