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FLUCHT: Neuer Trainer des Swim Teams Lucerne schwamm um sein Leben

Axel Mitbauer trainiert neu das Swim Team Lucerne. Was man dem kräftigen 67-Jährigen nicht auf den ersten Blick ansieht: Vor 48 Jahren schwamm er um sein Leben und seine Freiheit. Durch die Ostsee, von der DDR in die BRD.
Susanne Holz
Das Wasser ist Axel Mitbauers liebstes Element. Vor 48 Jahren hat es ihm den Weg in die Freiheit ermöglicht. (Bild: Manuela Jans-Koch (Emmen, 9. November 2017))

Das Wasser ist Axel Mitbauers liebstes Element. Vor 48 Jahren hat es ihm den Weg in die Freiheit ermöglicht. (Bild: Manuela Jans-Koch (Emmen, 9. November 2017))

Susanne Holz

susanne.holz@luzernerzeitung.ch

Man trifft Axel Mitbauer im Hallenbad in Emmen. Es ist Nachmittag, in ein paar Stunden wird er hier seinem Job als Trainer nachgehen. Doch bis dahin gibt es viel zu erzählen. Im Hallenbad in Emmen geht es gerade gemütlich zu: Ein paar Freizeitschwimmer teilen sich das Wasser mit etlichen Müttern und Kleinkindern. Kein Vergleich vermutlich mit dem Sportbad, in dem Axel Mitbauers Geschichte beginnt: 15 000 Sitzplätze umfasst das Schwimmstadion in Leipzig, 1962 fanden dort die Schwimm-Europameisterschaften statt.

1962, da war der kräftige Mann mit der kräftigen Stimme, der einem in diesem Moment in dunkelblauem Lacoste-T-Shirt und Jeans gegenübersitzt, gerade mal zwölf Jahre alt. Doch schon Teil des Nationalkaders der DDR. Der spätere DDR-Meister über 400 Meter Freistil erzählt: «Mit acht Jahren startete ich meine Schwimmkarriere beim SC Leipzig. Schon meine Mutter und mein Vater waren sehr sportlich. Mit zwölf Jahren mass ich bereits 184 Zentimeter – heute sind es 192.» Er habe «trainiert wie blöd». 1964 hatte der Leipziger, der in Sachsens Messestadt am 3. März 1950 geboren wurde, Weltniveau erreicht.

«Schwimmsport war in der DDR sehr wichtig», sagt Mitbauer, «wie alle athletischen und Einzeldisziplinen – da gab es viele Medaillen zu holen.» Der grosse und gesprächige Mann, der jetzt die Jugend von Emmen und Kriens trainiert – nicht ohne zugleich Motivationskünstler, «Kasper» und Psychologe zu sein –, wechselt nahtlos vom Heute in die Vergangenheit. Heute findet Mitbauer, dass «man die Mädchen und Jungen davon überzeugen muss, dass sie gut sind. Dass sie Erfolg haben können, dass was in ihnen steckt. Sie müssen an sich selber glauben.» In einer Augustnacht vor 48 Jahren war es an Axel Mitbauer selbst, an sich zu glauben – und zwar so fest und unerschütterlich wie irgend möglich.

Immer wieder starben Menschen bei der Flucht über die Ostsee

Wer könnte der sportbegeisterten Jugend wohl besser Mut zusprechen als einer, der es als Erster und Letzter schaffte, des Nachts alleine durch die Ostsee schwimmend aus der Deutschen Demokratischen Republik zu flüchten? Von der Gründung der DDR 1949 bis zum Fall der Berliner Mauer 1989 konnten 600 ostdeutsche Sportler durch den Eisernen Vorhang schlüpfen, irgendwie. Aber nur einer schaffte das kraft seiner Körperkraft: Axel Mitbauer. Und immer wieder starben in diesen Jahren Menschen beim Versuch, über die Ostsee in den Westen zu flüchten.

Der neue Trainer des Swim Team Lucerne macht den Eindruck eines durch und durch positiven Menschen, der seine Geschichte auch zum wiederholten Male gern erzählt: 22 Kilometer mutterseelenallein durch unbekanntes Gewässer, nachts, als Anhaltspunkt dienten die Sterne am Himmel, speziell der Grosse Wagen, der in den Westen wies. Der heute 67-Jährige hat im Lauf der Zeit mit vielen Medien gesprochen, seine Geschichte ist einzigartig. Die Ersten, die berichteten, waren zwei Reporter vom «Stern», exklusiv. Mitbauer, der ohne jede Mittel in den Westen kam, wurde so ein kleines Startgeld zuteil. Der «Stern» schirmte ihn erst mal ab – aber diesmal war es eine positive «Haft» für den jungen Mann.

Interessant ist: Im «Stern»-Artikel von 1969 liest sich manches noch anders als in späteren Artikeln in diversen Magazinen aus der Zeit nach der Wende. Klar, der 19-jährige Flüchtling musste damals noch seine Eltern in der DDR schützen. So war 1969 im «Stern» zu lesen, die Mutter habe nichts gewusst von den Fluchtplänen des Sohnes. Heute kann Mitbauer, dessen Mutter diesen Sommer verstarb, frank und frei erzählen, wie diese ihn kurz vor der grossen Herausforderung in der Ostsee mit Vaseline eincremte, um ihn vor dem 18 Grad kalten Wasser zu schützen.

1976 konnte Mitbauer seine Mutter in den Westen holen, zuvor musste die Ingenieurin in Leipzig in Arbeitslosigkeit verharren – sie war nach der Flucht des Sohnes im totalitären ostdeutschen Regime in Ungnade gefallen. Axel Mitbauer erinnert sich noch ganz genau: «Kurz nach sieben Uhr am Morgen des 18. August 1969, einem Montag, sammelte mich das Linienschiff ‹Nordland›, von Bornholm kommend, Travemünde ansteuernd, auf meiner Boje in der Lübecker Bucht auf. Kurz nach acht Uhr holte die Stasi in Leipzig meine Mutter von der Strasse und schaffte sie zum Verhör.»

Ein knochenhartes Schwimmtraining über Jahre

Doch von vorne: Im Frühling nach der Gründung der DDR geboren, wuchs Axel Mitbauer als Teil des Sportkaders zwar privilegiert auf, aber doch immer im Bewusstsein, in einem Unrechtsstaat zu leben. Dieses Bewusstsein vermittelten ihm die Eltern: Beide Familien waren enteignet worden. Erzählt der heutige Schwimmtrainer davon, merkt man ihm einen gewissen Ärger darüber an. Erzählt er hingegen vom sportlichen Drill, den er als Jugendlicher erlebte, schwingt in seiner Stimme auch Humor mit. Immerhin war es ja auch dieses knochenharte Training über Jahre, das ihn die 22 Kilometer in der kalten Ostsee bewältigen liess – physisch und psychisch.

Mit 14 habe er täglich sechs bis neun Stunden trainiert, so Mitbauer. «An der Kinder- und Jugendsportschule in Leipzig. Ich schwamm wohl 100 Kilometer pro Woche.» Der Athlet erinnert sich: «Wir bekamen aber auch jeden Tag eine Vollmassage, irisch-römische Bäder, Masken mit Höhenluft.» Mitbauer grinst: «Und Power Plate, das haben wir Anfang der Sechziger schon gemacht.» Axel Mitbauer hatte einen Lehrer nur für sich, der die Unterrichtszeiten den Trainingszeiten des Schützlings anpasste. «Der Lehrer war an meinem Erfolg interessiert – so wurde er zum ‹verdienten Lehrer des Volkes›.»

Das ganze System Schule und Schwimmen war komplett aufeinander abgestimmt. Auch ein paar eigenwillige Blüten trieb die Schwimmbegeisterung an seiner Schule: «Anfang der Sechzigerjahre versuchten wir sogar mal, im Wasser zu schlafen. Man legte – hochwissenschaftlich – Pritschen ins warme Wasser. Doch weil man sich im Schlaf drehte, Wasser schluckte und deshalb immer wieder aufwachte, konnte man nicht in den Tiefschlaf finden.»

1968 war der 18-Jährige für die Olympiade in Mexiko qualifiziert. Doch der junge Mann hegte erste Fluchtgedanken: «Jedes Mal, wenn ich als Sportler ins westliche Ausland kam, sah ich, dass der Trabi doch nicht das beste Auto der Welt war...», bringt Axel Mitbauer seine damaligen Überlegungen humorvoll auf einen Punkt.

So besprach er sich in jenem Jahr bei den ungarischen Meisterschaften in Budapest mit ein paar Schwimmern aus Westdeutschland, wie eine Flucht zu organisieren sei. Axel Mitbauer wurde bei diesen Meisterschaften Erster über 1500 Meter Freistil. Nicht so erfolgreich verliefen leider seine Fluchtpläne: Diese flogen auf.

Der Ex-Leistungssportler blickt zurück: «Wenige Wochen nach meiner Rückkehr aus Ungarn stieg ich in Leipzig aus der Strassenbahn und wurde abgefangen – von vier Männern der Staatssicherheit. Man fuhr mich ins Gefängnis nach Ostberlin, sieben Wochen Einzelhaft. Meine Eltern informierte man darüber nicht – sie hatten keine Ahnung, wo ich war.» Als der 18-Jährige aus der Haft entlassen wurde, sperrte ihn der Staat lebenslang für sämtliche Sportarten, auch das Betreten von Sportstätten wurde ihm untersagt. Das bedeutete, ein jahrelanges körperliches Training von hundert auf fast null zurückfahren zu müssen. Und die Sportkarriere zu begraben, ob er das wollte oder nicht. Nur sein Abitur an der Jugendsportschule, das durfte er noch machen.

Unter ständiger Beobachtung der Staatssicherheit

Als der Abiturient 1969 an einer Party aufschnappt, dass man von einem bestimmten Punkt am Ufer der ostdeutschen Ostsee aus das Westufer erblicken kann, erkennt er darin sofort die Chance zu seiner Flucht. Er schaut sich die Karte näher an und rechnet sich aus, zwischen 20 und 30 Kilometer schwimmend zurücklegen zu müssen, um vom westlichsten Ostseebad der DDR, Boltenhagen, an die Küste der BRD bei Neustadt zu gelangen. Seine Mutter weiht er ein: «Ich schwimme von da nach da.» Die Mutter antwortet nur: «Biste blöd?»

Doch Sohn Axel wusste, was er konnte – jahrelang hatte er im Schwimmtraining täglich rund 20 Kilometer zurückgelegt. Ins Hallen- oder Freibad konnte er jetzt allerdings nicht mehr, um zu trainieren – nun musste er auf Baggerseen ausweichen. Das tat der junge Sportler und meldete sich gleichzeitig als Rettungsschwimmer für ein Kinderferienlager an: So konnte er, ohne aufzufallen, in einer Apotheke viele Tuben Vaseline ordern – die Kinder würden frieren, so Mitbauer zur Apothekerin. Dazu muss man wissen: Der 19-Jährige stand unter ständiger Überwachung der Staatssicherheit, seit diese ihn verhaftet hatte.

Als er sich im August 1969 ins Ostseebad Boltenhagen aufmachte, um den Weg in die Freiheit anzutreten, tat er dies, indem er zunächst einmal von einem fahrenden Zug sprang, um die Verfolger der Stasi abzuhängen. Danach schlug er sich per Anhalter und querfeldein nach Boltenhagen durch. Dort angekommen, schlug er unter Campern ein Zelt auf und beobachtete eine Woche lang die abendlichen Strandpatrouillen. Baden nach Sonnenuntergang war verboten. Nachts wurde die gesamte Bucht mit grossen Scheinwerfern ausgeleuchtet. Der Fluchtbereite bekam schnell heraus: Ungefähr alle 45 Minuten werden die Scheinwerfer für rund eine Minute ausgeschaltet, um sie abzukühlen. In dieser Minute muss er die ersten zwei Sandbänke überwinden, um nicht sofort von der Wache im Wasser entdeckt zu werden.

Am Sonntagabend, dem 17. August 1969, um 21 Uhr, war es schliesslich so weit: Der junge Mann stieg ins Wasser der Ostsee, an sich nur eine Badehose, in die er einen Ring und eine Medaille eingenäht hatte, sowie Schwimmflossen an den Füssen und viel Vaseline auf der Haut. Beim Eincremen hatte ihm die Mutter geholfen. Diese nahm hernach auch die Kleider des Sohnes wieder mit nach Leipzig, um sämtliche Spuren zu verwischen. Aufgrund der Strömung musste der Profi erst mal zwei bis drei Kilometer in die kalte See rausschwimmen. Dann hielt er sich, im Freistil kraulend, seiner Lieblingsdisziplin, Richtung Westen – mit Hilfe der Sterne an einem zum Glück klaren Himmel. Gute drei Stunden lang funktionierte Axel Mitbauer einfach, so wie er es gewohnt war. Irgendwann nach Mitternacht erreichte er die Boje 2a in der Lübecker Bucht, rund drei Seemeilen vom westdeutschen Ufer entfernt. Mitbauer beschloss, etwas auszuruhen. Er hangelte sich an der Leuchttonne hoch, kletterte in diese und stellte fest, dass er sich hier wärmen konnte, zwar im Stehen, aber immerhin. Mit den ersten Sonnenstrahlen wollte er das letzte Stück bis zum rettenden Ufer schwimmen. Was dann nicht mehr nötig war, denn der «Freischwimmer», wie ihn manche Magazine tauften, wurde kurz nach sieben vom Fährschiff «Nordland» entdeckt. Es war geschafft – Mitbauer war im Westen.

Was folgte, das hat Axel Mitbauer wohl noch nicht so oft erzählt: Zunächst unterstützte ihn der Chef der Stiftung Deutsche Sporthilfe, Josef Neckermann, finanziell. 1970 wurde Mitbauer bei der EM in Barcelona noch Europameister – mit der Staffel der BRD. Als er sich 1972 für die Olympiade in Deutschland qualifizieren wollte, verletzte er sich allerdings kurz zuvor bei der Aufnahmeprüfung an der Sporthochschule Köln. Beim Stabhochsprung. Ein Spike des einen Schuhs bohrte sich ins andere Schienbein. Vorbei der Traum mit Olympia, das mit der Aufnahme aber klappte. Mitbauer studierte Sport und arbeitet seither als Schwimmtrainer und Diplomsportlehrer. Zunächst in Düsseldorf, dann auf Sardinien, danach in Wiesbaden. Dort verliebte sich der Cheftrainer in die Schwimmerin Tatjana Maurer, deren Schwester Angela zweifache Weltmeisterin im Freiwasser ist. Axel und Tatjana heirateten, bekamen zwei Kinder: Sohn Axel-Carlo, geboren 1992, und Tochter Maria-Angelina, geboren 2009.

«Einmal die Panamericana hoch, von Feuerland bis Mittelamerika»

Doch die Reise ging weiter: Von 1996 bis 2005 war Mitbauer Cheftrainer in Basel. Von 2006 bis 2013 in Karlsruhe, wohnen blieb die Familie aber in der Schweiz. 2013 war Axel Mitbauer 63 Jahre alt und reif für den Ruhestand. Bis zu deren Tod 2017 betreute er zudem seine Mutter. «Als ich dann wieder mehr Zeit hatte, wurde ich unleidig», erzählt der Sportfan mit einem gewissen Humor. Meine Frau sagte: «Such dir was.» So kommt’s, dass seit September der legendäre Ostsee-Freischwimmer Axel Mitbauer die Jugend in Emmen und Kriens trainiert. Es gefällt ihm gut hier. Nur zum selber Schwimmen, da kommt er jetzt wieder nicht dazu.

Etwas Platz bleibt aber schon für seine anderen Hobbys: Soul und Blues, Geschichte und Reisen. Am liebsten ans Meer, das Gebirge flösst dem so mutigen Schwimmer ziemlichen Respekt ein: «In Saas-Fee habe ich Angst, dass mir die Berge auf den Kopf fallen.» Und einen Lebenswunsch habe er noch, so der 67-Jährige: «Einmal mit dem Wohnmobil die Panamericana hoch, von Feuerland bis nach Mittelamerika.» Das sollte kein Problem sein für einen wie ihn.

Neu beim Swim Team Lucerne

Seit September trainiert Axel Mitbauer die Elite (14- bis 20-Jährige) des Swim Team Lucerne. Das Swim Team Lucerne (STL) wurde vor drei Jahren gegründet als Wettkampfgemeinschaft der Schwimmerinnen und Schwimmer der beiden Traditionsschwimmvereine SV Kriens und SV Emmen. Das Swim Team Lucerne möchte den Schwimmsport fördern und ausbauen – seine Hauptstütze sind die Schwimmschulen. Nachdem der vorherige Cheftrainer das Team überraschend verlassen hatte, bewarb sich der 67-jährige Axel Mitbauer proaktiv um den Job. Vier Jahre lang hatte sich der frühere Profi-Schwimmer um seine Mutter gekümmert, nun wollte er, der in der Schweizer und deutschen Schwimmszene stark vernetzt ist, «zurück auf die grosse Bühne». Und die wird vielleicht bald noch grösser: Am 4. Dezember steht eine Abstimmung zur Fusion der beiden Vereine SV Kriens und SV Emmen an. (sh)

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