FLUGZEUGABSTURZ: Hatte der Copilot Sehprobleme?

In den Medien werden neue Einzelheiten über den mutmasslichen Todespiloten bekannt. Details von den letzten Minuten an Bord deuten auf grosse Verzweiflung hin.

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Im französischen Le Vernet gedenken Mitarbeiter des Roten Kreuz der Absturzopfer. (Bild: Keystone)

Im französischen Le Vernet gedenken Mitarbeiter des Roten Kreuz der Absturzopfer. (Bild: Keystone)

Christoph Reichmuth, Berlin

Fast eine Woche nach dem mutmasslich vorsätzlichen Crash eines Germanwings-Airbus mit 150 Menschen an Bord fehlt vom Flugdatenschreiber nach wie vor jede Spur. Deshalb wollen die französischen Behörden einen technischen Defekt an Bord des Flugzeuges weiterhin nicht ausschliessen. Derweil haben die Bergungsteams in den französischen Alpen laut einem Bericht der «Bild am Sonntag» auch Leichenteile des 27-jährigen Piloten Andreas L. gefunden. Untersuchungen könnten zeigen, ob der Copilot möglicherweise unter Medikamenten- oder Drogeneinfluss stand.

Tat indirekt angekündigt?

Zudem wurden über das Wochenende neue Details über das Privatleben von L. bekannt. Einer Ex-Freundin gegenüber einer ehemaligen Germanwings-Stewardess – habe L. offenbar über den grossen Druck und seine Angst um den Vertrag bei seinem Arbeitgeber geklagt. Zudem habe er die Tat zwischen den Zeilen indirekt angekündigt. «Eines Tages werde ich etwas tun, was das ganze System verändern wird, und alle werden dann meinen Namen kennen und in Erinnerung behalten», soll L. verlautet haben.

Die englische Zeitung «Mirror» berichtet gar, L.s aktuelle Freundin, eine Mathematik- und Englischlehrerin, habe sich einen Tag vor dem Todesflug von ihm getrennt. Diese Meldung liess sich allerdings genauso wenig bestätigen wie Angaben, wonach die Freundin von L. schwanger gewesen sein soll.

Arztgeheimnis unter Druck

Neben seinen angeblich psychischen Problemen soll L. auch unter einer schweren Sehstörung gelitten haben. Möglicherweise hätten ihm diese die Ausübung des Pilotenberufes verunmöglicht, hätte sein Arbeitgeber davon erfahren. Der Lufthansa-Konzern betonte über das Wochenende, wegen der ärztlichen Schweigepflicht nicht über L.s tatsächliche Probleme informiert gewesen zu sein. Auch in der Schweiz wäre es Ärzten wegen der Schweigepflicht nicht erlaubt, den Arbeitgeber über Probleme in Kenntnis zu setzen, berichtete gestern die «Sonntagszeitung». «Das heisst, der Arzt kann bei Piloten nur dann eine Meldung machen, wenn ihn der Patient selber oder die zuständige kantonale Gesundheitsbehörde vom Berufsgeheimnis entbindet», zitiert die Zeitung Jürg Schlup, Präsident der Schweizer Ärzteverbindung FMH. Schlup fordert nun die Einführung eines erleichterten Melderechts. Das Bundesamt für Zivilluftfahrt (Bazl) will laut der Zeitung die bestehende Regelung überprüfen.

Lufthansa kündigte inzwischen an, den Hinterbliebenen der Absturzopfer eine Überbrückungshilfe von bis zu 50 000 Euro pro Passagier zur Deckung unmittelbarer Ausgaben auszubezahlen. In der ««Bild am Sonntag» kritisierte derweil Airbus-Chef Tom Enders die mediale Aufarbeitung des Unglücks. Selbst ernannte «Experten» hätten in TV-Talkshows «oft hanebüchenen Unsinn» von sich gegeben. «Teilweise wurde dort ohne Fakten spekuliert, fantasiert und gelogen», polterte er und fügte hinzu: «Das ist eine Verhöhnung der Opfer.»

Ort bewusst gewählt?

Möglicherweise hat L. den Ort des Absturzes in den französischen Alpen bewusst ausgewählt. L. soll in einem rund 40 Kilometer vom Absturzort entfernten Flugverein mit seinen Eltern als Jugendlicher mehrere Male in den Ferien gewesen sein.

Zudem wurden über das Wochenende weitere Einzelheiten aus den letzten Minuten an Bord von Flug 4U9525 bekannt. Die «Bild am Sonntag» dokumentierte Auszüge aus dem Stimmrekorder. L. soll auf Anweisungen des Piloten offenbar mit Ausdrücken wie «hoffentlich» oder «mal sehen» geantwortet haben. Nachdem der Flugkapitän das Cockpit verlassen hatte, leitete L. mutmasslich den Sinkflug ein. «Um Gottes willen, mach die Tür auf», soll man den Kapitän kurz darauf rufen gehört haben. Bald darauf sei im Cockpit bereits die Warnmeldung «Terrain Pull up – Pull up» ertönt, weil das Flugzeug immer mehr an Höhe verlor.

Passagiere ahnten Unglück früh

Auf einer Höhe von immerhin noch 5000 Metern sei die Verzweiflung des Kapitäns vor der Türe hörbar geworden. «Mach die verdammte Tür auf», habe dieser geschrien. Geräusche von Poltern gegen die Cockpit-Türe seien immer wieder zu vernehmen. Dramatischerweise dürften die Passagiere das Unglück schon weit früher erkannt haben, berichtet die Zeitung. Schon auf einer Höhe von 7000 Metern seien laute Schreie aus der Passagierkabine zu vernehmen gewesen.

Die französische Staatsanwaltschaft will frühestens heute neue Erkenntnisse über den mutmasslichen Todespiloten bekannt geben.