FLUGZEUGABSTURZ: «Nichts ist unerträglicher»

Der Copilot der abgestürzten Maschine wird als Psychopath dar­gestellt. Gisela Mayer hat bei einem Amoklauf ihre Tochter verloren. Sie weiss, auf was es jetzt ankommt.

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Blumen und Trauerflor in Le Vernet in Gedanken an die Opfer des Flugzeugabsturzes in den französischen Alpen. (Bild: Keystone)

Blumen und Trauerflor in Le Vernet in Gedanken an die Opfer des Flugzeugabsturzes in den französischen Alpen. (Bild: Keystone)

Christoph Reichmuth, Berlin

Andreas L. ein Monster. Ein Massenmörder. Der Psychopath. Der Amokpilot. So liest man über den Mann, 27, der – nach wie vor mutmasslich – am Dienstag kurz vor 11 Uhr einen Airbus A320 in ein Bergmassiv rammt. 149 Opfer. Ein Täter.

Solche Taten sind unbegreiflich. Am 17. April findet im Kölner Dom der Trauergottesdienst für die Toten von Flug 4U 9525 statt. Bundespräsident Joachim Gauck, Kanzlerin Angela Merkel, Politiker aus Spanien und Frankreich werden auch dabei sein und den Hinterbliebenen ihre Anteilnahme aussprechen. Aber was ist mit den Angehörigen des Copiloten? Werden auch sie kommen, sind sie überhaupt willkommen? Darf der Bischof Gedanken auch an den mutmasslichen Täter formulieren, für ihn eine Kerze anzünden?

Anfang Oktober 2001, die St.-Michaels-Kirche in Zug ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Gedenkgottesdienst für die Opfer des Amoklaufs von Friedrich Laibacher. Durch den Gottesdienst führt auch Othmar Kähli, damals Pfarrer von Zug. 15 Kerzen stehen vorne neben dem Altar, für jeden Toten eine. Doch Bischof Kurt Koch zündet nur deren 14 an, die Kerze für Friedrich Laibacher bleibt unberührt. Vergebung? Dafür ist es noch zu früh. Kähli, heute 73, erinnert sich: «Wir wollten ursprünglich auch Friedrich Laibacher mit einer Kerze gedenken. Ich habe allerdings Zweifel bekommen, nachdem mich im Vorfeld des Gottesdienstes viele Angehörige darum gebeten haben, die Kerze für den Täter nicht anzuzünden.»

Hoffen auf christliches Zeichen

Kähli hat die Hinterbliebenen verstanden. Er kann ein Stück weit auch mit jenen Menschen mitfühlen, die diese Woche ihre Kinder, Freunde, Partner so sinnlos durch einen vermutlich vorsätzlichen Absturz verloren haben. «Laibacher war ein Mensch, kein Monster. Und auch der Copilot ist ein Mensch mit Angehörigen, die nun um ihn trauern und nicht begreifen, was geschehen ist.»

Kähli weiss, dass bei dem Gedenkgottesdienst in Köln dem Täter nicht im gleichen Masse gedacht werden kann wie den 149 Opfern. Aber er hofft als christliches Zeichen, dass auf eine symbolische Art auch Andreas L. und seine Hinterbliebenen Raum bei der Trauer bekommen werden. So vielleicht wie damals in Zug, als die 15. Kerze, das Symbol für Friedrich Laibacher, für jeden sichtbar da war. Damit war auch Laibacher quasi anwesend an diesem Trauergottesdienst.

Gisela Mayer weiss, wie sich Menschen fühlen, die durch eine Schreckenstat Angehörige verlieren. Unter den 15 Opfern des Amoklaufs von Winnenden war auch ihre Tochter Nina. Sie wollte sich zur Lehrerin ausbilden lassen, an ihrem 25. Geburtstag wurde sie beigesetzt. Gisela Mayer rät davon ab, beim Trauergottesdienst Andreas L. mit einzubeziehen. «Ein wesentlicher Faktor bei der Verarbeitung ist die Zeit. So kurz nach der Tat wird bei den Angehörigen Wut und Hass gegenüber dem Copiloten überwiegen. Man kann von den Hinterbliebenen noch nicht verlangen, dass sie sich schon heute mit dem Täter auseinandersetzen.»

«Wir wollen uns entlasten»

Gisela Mayer selbst brauchte fünf Jahre, um auch Mitgefühl für den Täter ihrer Tochter zu entwickeln, sie konnte ihm gar verzeihen. Viele, die damals ihr Kind verloren haben, seien bis heute nicht in der Lage dazu. Sie haben Wut gegen den Täter, Wut auch gegen sein Umfeld, das die Tat in ihren Augen – zugelassen hat. Sie weiss, dass es für den Verarbeitungsprozess nichts Schlimmeres gibt, als einen Angehörigen durch ein Verbrechen wie einen Amoklauf zu verlieren. Es wäre ihr leichter gefallen, erzählt sie, wäre ihre Tochter damals auf einem Ausflug mit einem Schulbus tödlich verunglückt. «Es ist für Angehörige kaum zu bewältigen, dass ihre lieben Menschen zu Zufallsopfern dieses Copiloten werden mussten. Das macht die Verarbeitung so unfassbar schwer.» Die Gefühle von Wut und Hass, die manche nun verspüren mögen, seien nachvollziehbar. «Indem der Täter auch von den Medien dämonisiert wird, grenzen wir uns von ihm ab. Damit wollen wir uns selbst und die Gesellschaft entlasten, indem wir sagen: So wie der Täter ist sonst niemand.» Solche Gefühle würden bei der Verarbeitung aber nicht helfen. «Wut und Hass hindern uns daran zu verstehen, warum der Täter das getan hat. Dabei ist es genau diese Frage, die sich unsere Gesellschaft nun stellen muss.»

Macht über Leben und Tod

Die Mutter von Nina weiss, dass solche Taten niemals ausgeschlossen werden können. Aber die Aufarbeitung sei wichtig, damit vielleicht das Umfeld eines potenziellen Täters sensibilisiert werden kann. Mayer ist im Beirat eines Forschungsprojektes, das sich mit Amoktaten auseinandersetzt. Sie weiss, um was es Amokläufern geht. «Es sind narzisstische Persönlichkeiten, es geht ihnen darum, im Moment ihres Ablebens Macht zu demonstrieren. Sie wollen Macht haben über Leben und Tod. Und Amoktäter messen sich auch an medialer Aufmerksamkeit und der Anzahl ihrer Opfer.»

Gestern betonten die Ermittler, auch ein technischer Defekt sei als Ursache für den Absturz möglich. Vieles deutet allerdings darauf hin, dass Andreas L. mutwillig sich und 149 Menschen in den Tod geflogen hat.