FLUGZEUGABSTURZ: Setzte der Copilot einen Plan um?

Wieso setzt sich ein Copilot trotz Krankschreibung hinters Steuer und reisst 149 Menschen mit in den Tod? Der forensische Psychiater Thomas Knecht über mögliche Beweggründe.

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Im Gedenken an die 150 Absturzopfer: Angehörige besuchten gestern ein Mahnmal in der Nähe des Absturzortes im französischen Le Vernet. (Bild: EPA/Guillaume Horcajuelo)

Im Gedenken an die 150 Absturzopfer: Angehörige besuchten gestern ein Mahnmal in der Nähe des Absturzortes im französischen Le Vernet. (Bild: EPA/Guillaume Horcajuelo)

Interview Vasilije Mustur

Thomas Knecht, der Copilot der abgestürzten Germanwings-Maschine war krankgeschrieben und setzte sich am Unglückstag trotzdem hinter den Steuerknüppel. Was sagt das über den Gemütszustand des Copiloten aus?

Thomas Knecht: Für den Gemütszustand kann ich daraus weniger ableiten als über sein Patientenverhalten. Dieses ist gewöhnlich von Persönlichkeitsmerkmalen abhängig. Wenn jemand seine Krankheit aber herunterspielt oder verbirgt, sprechen wir von Dissimulation. Dieses Phänomen treffen wir am ehesten an, wenn Führerscheine aller Art im Spiel sind. Um diesen zu verteidigen, nehmen die ­Patienten einiges auf sich.

Zudem förderte die Analyse des Flugschreibers zutage, dass der Copilot während des Sinkflugs mehrere Minuten lang eisern schwieg. Erhärtet sich damit die These vom Selbstmord?

Knecht: Diese Beobachtung deutet auf eine grosse Unbeirrbarkeit hin, was letztlich dafür spricht, dass hier ein fest gefügter Plan umgesetzt wurde. Somit könnte sich der Copilot am Absturztag bereits in der sogenannten Entschluss-Phase befunden haben.

Was bedeutet das genau?

Knecht: Einem Suizid geht ein längerer Bilanzierungsprozess voraus, wobei psychische Leiden beim Entscheidungsfindungsprozess einen besonderen Platz einnehmen. Ausserdem spielen Belastungsfaktoren, welche das Leben erschweren, oder die Wertung der zur Debatte stehenden Faktoren eine zentrale Rolle. Überdies fliesst eine besonders negative Einschätzung der eigenen Zukunftsaussichten in die Bilanzierung ein und so gelangt die betroffene Person an einen Punkt, an dem sie ihr eigenes Leben als nicht mehr lebenswert erachtet. Ist diese Ambivalenz der Klarheit gewichen, fühlt sich die Person merkwürdigerweise entspannt, gelassen und erleichtert.

Ist das auch der Grund, weshalb sich der Copilot nicht einmal durch den Flugkapitän stören liess, der an die Türe hämmerte?

Knecht: Wahrscheinlich. Mit dem Einsetzen der Klarheit findet bei einer Person, welche Suizid begehen will, eine Immunisierung auf innere und äussere Einflüsse statt.

Inwieweit spielen die Lokalität und das Instrument des Selbstmordes eine Rolle?

Knecht: In der Regel wird zu einem Hilfsmittel gegriffen, das am einfachsten zu handhaben ist und für die betreffende Person einen Symbolcharakter darstellt. Es geht auch um den Weg des geringsten Widerstandes: Autoliebhaber empfinden einen Selbstmord mit Hilfe einer Frontalkollision gegen eine Wand als angemessene Todesart, während Waffennarren die Pistole oder das Gewehr benutzen.

Im Zuge des mutmasslichen Selbstmordes steht ebenfalls der Begriff «erweiterter Suizid» im Raum. Was heisst das genau?

Knecht: Zunächst ist der Ausdruck in diesem Falle wohl falsch. Von erweitertem Suizid sprechen wir vielmehr, wenn eine Gruppe von Menschen, die miteinander ein enges Zusammengehörigkeitsgefühl verbindet, gemeinsam aus dem Leben scheidet. Dieser Vorgang trifft beispielsweise auf eine Mutter zu, die zuerst die Kinder und danach sich selbst tötet. Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass der Copilot mit den Passagieren nach dem Tode im Jenseits vereint sein wollte. Die Touristen waren für ihn lediglich anonyme Nummern, deren Tod er bei seiner Tat wohl bewusst in Kauf genommen hat. Somit wäre «Mitnahme-Suizid» in diesem Falle der korrektere Ausdruck.

Wie kann der Laie ein suizidales Verhalten erkennen?

Knecht: Als sehr häufige Phänomene gelten: Rückzug, verminderte Aktivitäten, Hoffnungslosigkeit und Gedankenkreisen. Aggressionen gegen die eigene Person und Todesfantasien können hinzukommen. Wenn Arbeitgeber, Freunde, Partner oder Familienmitglieder nicht bewusst auf solche Verhaltensauffälligkeiten achten, kann nach dem Entscheidungsfindungsprozess von aussen der Eindruck entstehen, dass die betroffene Person aus der kurzzeitigen Depression herausgefunden hat, es ihr jetzt besser geht.

Germanwings-Piloten befinden sich inmitten eines Arbeitskampfes mit ihrem Arbeitgeber. Welche Rolle spielte dieser Faktor bei der mutmasslichen Tat?

Knecht: Der gesellschaftliche Faktor spielt bei der Analyse von Personen mit suizidalem Verhalten eine zentrale Rolle. Insbesondere bei Männern sind die Ursachen dafür häufig im Arbeitsumfeld zu suchen: Demnach können Arbeitsunzufriedenheit, mangelnde Aufstiegschancen, finanzielle Schwierigkeiten oder zwischenmenschliche Störungen am Arbeitsplatz ein Auslöser für die Tat sein.

Welche Massnahmen müssten die Airlines in diesem Falle ergreifen?

Knecht: Fluggesellschaften wie auch andere Unternehmen müssen anerkennen, dass Mitarbeiter Menschen sind. Es ist ihre Aufgabe, den Angestellten Sorge zu tragen und diese nicht in einen emotionalen Ausnahmezustand zu treiben. Es hat sich gezeigt, dass massiver Stress oder emotionale Unausgeglichenheit in einem Amoklauf oder Selbstmord enden kann. Allerdings kann ein Schicksalsschlag wie eine tödliche Krebsdiagnose oder ein Todesfall im Umfeld – die betreffende Person ebenfalls emotional aus der Bahn werfen. Und weil Piloten nicht nur für sich selbst, sondern auch für Passagiere Verantwortung tragen, brauchen Airlines ein besonders ausgereiftes Vorwarnsystem, um gefährdete Mitarbeitende vor sich selbst und der Allgemeinheit zu schützen. Eine psychologische Betreuung während der Ausbildung reicht dabei nicht aus. Das gilt auch für eine allfällige Ausweitung der medizinischen Tests. Die Fluggesellschaften müssen in sozialer und emotionaler Hinsicht näher an die Mitarbeitenden heranrücken, um präventiv eingreifen zu können.

Derweil befinden sich nach dem Unglück auch viele Flugpassagiere im emotionalen Ausnahmezustand. Wenn diese eine Passagiermaschine besteigen, müssen sie den Piloten blind vertrauen. Was raten Sie jetzt denjenigen Menschen, die in nächster Zeit ein Flugzeug besteigen müssen?

Knecht: Es ist ein wesentlicher Unterschied, ob ein Triebwerk oder die Psyche eines Piloten streikt selbst wenn die tödliche Bedrohung dieselbe ist. Flugzeugabstürze durch ein psychopathologisches Verhalten eines Piloten sind so wahrscheinlich wie ein Sechser im Lotto mit Zusatzzahl. Zudem kommen Autounfälle deutlich häufiger als Flugzeugabstürze vor. Wer sich nach diesem Unglück aber fürchtet, dem empfehle ich die Einnahme eines leichten Beruhigungsmittels, um die Schwellenangst zu überwinden – schliesslich ist es nicht zielführend, an Bord selbst zum Sicherheitsrisiko zu werden.

Es gibt Berichte, wonach ein Germanwings-Pilot nach dem Unglück jeden einzelnen Passagier an Bord mit Handschlag begrüsst hat und die Fluggäste beruhigen wollte. Wie hilfreich ist dieses Vorgehen?

Knecht: Nicht zur Nachahmung empfohlen, denn es könnte den gegenteiligen Effekt auslösen, den die Crew erzielen wollte. Die ängstlichen Gemüter könnten sich noch stärker beunruhigt fühlen auch wenn sich einige Passagiere entspannt haben sollten. Der Grund: Den Menschen wird die Situation mit diesem Akt noch ungewöhnlicher gemacht. Solche vertrauensbildenden Massnahmen sind nur dann vonnöten, wenn auch Skepsis angebracht ist.

HINWEIS

Thomas Knecht ist Leitender Arzt am forensischen Psychiatriezentrum in Herisau AR.