Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

FORSCHUNG: Sehnsucht nach Heimat: Was Tier und Mensch eint

Auch wir Menschen vergessen ein Leben lang nicht den Ort, aus dem wir kommen. So geht es auch den Tieren. Der Zoologe Bernd Heinrich hat ein universelles Bedürfnis untersucht.
Rolf App

Rolf App

Millie und Roy sind Kanadakraniche. Sie verbringen den grössten Teil des Jahres in Texas oder Mexiko, im April aber ziehen sie in den Norden, wo sie seit mindestens fünfzehn Jahren nisten. Dorthin, ins Goldstream Valley unweit von Fairbanks in Alaska, haben George Happ und Christy Yuncker auch ihren Freund Bernd Heinrich eingeladen. Er ist Biologe und interessiert an allem, was fliegt. Durch seine Forschungen an Raben, Wildgänsen und Hummeln ist er berühmt geworden – und durch Bücher wie «Der Hummelstaat», «Ein Forscher und seine Eule», «Die Seele der Raben», in denen er von «seinen» Tieren erzählt.

In einem ebenso reichhaltigen wie faszinierenden weiteren Werk schlägt er nun einen Bogen über das gesamte Tierreich – mit vielen Verbindungen zum Menschen. «Der Heimatinstinkt» ist sein Thema. Und damit auch Millie und Roy. 5000 Kilometer müssen die Kraniche zurücklegen, um zu dem Ort zu kommen, an dem sie ihre Jungen zur Welt bringen und grossziehen.

Am Morgen des 28. April 2008 wird Heinrich durch ohrenbetäubende, durchdringende Laute geweckt. Ein einzelner Kranich kreist, landet und vollführt einen graziösen Tanz. Er fliegt wieder weg. Am anderen Morgen stehen zwei Kraniche in der Mitte des zugefrorenen Moors. Ihre lauten, scheppernden Rufe sind ein akustisches «Kein Zutritt»-Schild. Sie richten sich gegen jenen einzelnen Kranich, der schon mal Mass genommen hatte an ihrem Revier.

«Nicht alle Tiere sind ortsgebunden»

Viele Tiere haben eine tiefe Bindung an jenen Ort, aus dem sie stammen. Auch uns Menschen verbinden tiefe Gefühle mit der Stätte unserer Kindheit. Wir kehren zwar nicht dorthin zurück, um unseren Nachwuchs zur Welt zu bringen. Gleichwohl steckt etwas von einem uralten Instinkt noch in uns, und er überträgt sich auf das, was wir Heimat nennen. Heimat: Das ist der Raum, in dem Unseresgleichen wohnt, und in dem wir uns geschützt fühlen. Deshalb stecken auch Menschen ihre Reviere ab, markieren Grenzen und sichern sie. Sogar dann, wenn sie als Nomaden leben. Die Khoisan zum Beispiel leben als Jäger und Sammler im Süden Afrikas, und eine Forscherin hat beobachtet, dass «jede Gruppe ein ganz bestimmtes Territorium hat, das zu ihrer alleinigen Verfügung steht, wobei sie die Grenzen unbedingt respektieren».

Meeresfische scheinen keine Heimat zu haben – was Bernd Heinrich für Täuschung hält. «Nicht alle Tiere sind ortsgebunden», stellt er zwar fest. Aber «sie sind von Geburt an und unabänderlich an grosse Zahlen von Artgenossen gebunden. Sie suchen ihresgleichen auf, orientieren sich an ihnen oder finden zu ihnen ‹heim›, denn die Artgenossen werden, wenn sie in Massen auftreten, zum wichtigsten Merkmal ihrer Umwelt.»

Dabei können sie höchst ausgeklügelte Strategien entwickeln. Wie die Wüstenheuschrecken. Normalerweise gehen diese Insekten einander aus dem Weg und tragen Tarnfarben. Nur wenn die Dichte ihrer Population zunimmt, fühlen sie sich zueinander hingezogen. Ihre Flügel wachsen. Sie fangen an, giftige Pflanzen zu fressen, wechseln die Farbe. Sie werden auffallend orange und gelb, signalisieren: Pass auf, Vogel, jetzt bin ich giftig.

Diese Vögel wiederum haben ihrerseits raffinierte Methoden entwickelt, um zu überleben. Viele Arten ziehen im Winter gen Süden. Gänse, Kraniche und Schwäne lernen die Routen von den Eltern, bei anderen Vögeln sind sie genetisch codiert. Ihr Orientierungssinn verlässt sich aber nicht allein auf das Gelände, sondern bezieht Sonnenstand, Sterne und sogar Magnetfelder ein. «Die Behauptung, dass Tiere eine Karte der magnetischen Landschaft ‹sehen›, könnte mehr als eine Metapher sein», fasst Heinrich zusammen. Und erklärt gleichwohl: «Wir haben viel gelernt, ohne dem Bannkreis des Mysteriösen, Magischen und Mirakulösen ganz zu entkommen.»

Bernd Heinrich: Der Heimat- instinkt. Das Geheimnis der Tierwanderungen, Matthes & Seitz Berlin 2017

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.