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FORSCHUNG: Warum sind wir trotz allem Elend gesund?

Warum schaffen es Holocaust-Überlebende, wieder glücklich zu werden? Das fragte sich Aaron Antonovsky, der Vater der Salutogenese. An der Uni Zürich ist dafür ein Forschungszentrum eröffnet worden.
Bruno Knellwolf
Aaron Antonovsky, der Begründer der Salutogenese. (Bild: PD)

Aaron Antonovsky, der Begründer der Salutogenese. (Bild: PD)

Bruno Knellwolf

Die Frage ist nicht: Warum sind wir krank? Sondern: Warum sind wir gesund? Oder in den Worten der Psychologieprofessorin Shifra Sagy von der Ben Gurion University in Israel: «Wie kann jemand nicht verrückt werden in dieser Welt?». In einem Hörsaal der Universität Zürich erzählt sie von Holocaust-Überlebenden, die das Schrecklichste erlebt haben, was ein Mensch überhaupt erleben kann. «Trotzdem lebten einige von ihnen danach glücklich und froh», sagt die Professorin. «Das muss an ihrer eigenen Beschaffenheit liegen.» Jeder Mensch sei heute fortgesetzt unter Druck durch die vielen Schreckensbilder. «Warum also sind wir nicht dauernd krank?», sagt die Konfliktforscherin.

Statt nach der Ursache für Krankheit hat Sagy zeitlebens danach gesucht, wie Gesundheit entsteht. Nicht Pathogenese sondern Salutogense ist die Wissenschaft dafür, deren Begründer Aaron Antonovsky war. Shifra Sagy war eine Schülerin von Antonovsky, von dem sie in Zürich in höchsten Tönen spricht. «Er war ein menschlicher und generöser Freund. Ich traf ihn, als ich vierzig Jahre alt war und er veränderte mein Leben, meine Art zu denken.»

Zeuge im Zweiten Weltkrieg

Sie erzählt, wie Antonovsky fünf Jahre nach dem Ersten Weltkrieg im Jahr 1923 zur Welt gekommen ist in einer typisch jüdischen Familie in Brooklyn, New York. Seine Eltern waren zuvor illegal in die USA eingereist und lebten mit einem kleinen Einkommen. Trotzdem konnte Aaron studieren. Sein Studium wurde allerdings unterbrochen durch den Armeedienst im Zweiten Weltkrieg in Europa. Im Krieg gegen die Deutschen sah er die Vernichtung von Millionen von Juden, schrieb darüber und beschäftigte sich mit Immigration. Schliesslich immigrierte Antonovsky selbst in den 1960er-Jahren nach Israel, «in ein Land, das damals voller Gewalt und Chaos war», wie Sagy erzählt. «Mein erstes Treffen mit Antonovsky hatte ich nicht an einer Universität, sondern in der ‹Peace now›-Bewegung, die sich für den Frieden mit den Palästinensern einsetzte. Nach dem Oslo-Abkommen im Jahr 1993 waren wir beide ganz aufgeregt, weil wir auf Frieden hofften, doch die Realität sah anders aus.»

In dieser Welt lebte Professor Antonovsky, und trotzdem forschte er an der Salutogenese, «einer Theorie, die grossherzig und optimistisch ist. Er sagte sich, die Welt ist der Horror, aber wir werden einen Weg finden durchs Chaos. Wir haben die Kraft zu überleben», sagt Sagy. Der Medizinsoziologe entwickelte als Hauptaspekt der Salutogenese das Kohärenzgefühl, Sense of Coherence (SOC) genannt. Dabei geht es erstens darum, die Zusammenhänge des Lebens zu verstehen. Zum Zweiten, um die Überzeugung, das eigene Leben gestalten zu können und zum Dritten, um den Sinn des Lebens. «Das war Aarons Mantra», sagt Shifra Sagy. «Empathie zu haben und die richtigen Fragen zu stellen.» Sie spricht von einer Art gedanklicher Revolution, frei nach Mark Twain: «Wenn immer du dich auf der Seite der Mehrheit befindest, ist es Zeit, um stillzustehen und zu reflektieren.»

Antonovskys Botschaft sei ausserhalb der Universität wichtig. «Ich lebe in einem Konfliktgebiet. Wir müssen die Leute für eine friedlichere Welt erziehen, Menschenrechte einhalten. Nur dann können wir die Welt besser machen», sagt Sagy, die aktiv an der Friedenserziehung im Rahmen des palästinensisch-israelischen Dialogs beteiligt ist.

Inspiriert von Aaron Antonovsky machte sich schliesslich 1992 eine Gruppe von Wissenschaftern in Kopenhagen auf, sich stärker mit der Salutogenese zu beschäftigen, wie Maurice Mittelmark von der norwegischen Universität Bergen erzählt. Antonovsky habe jene Theorie geliefert, welche Forscher bräuchten, um eine Wissenschaft vorantreiben zu können. «Leider ist Antonovsky zwei Jahre später im Jahr 1994 gestorben», sagt Mittelmark. Trotzdem ging die Forschung an der Salutogenese weiter. «Aber 1996 gab es erst eine wissenschaftliche Publikation dazu.» Diese beschäftigte sich mit Antonovskys Handbuch, dem «Salutogenese Model». Die Forschung hat sich weiterentwickelt und Mittelmark sagt, «es wäre schlimm, wenn die Medizin, die Ideen der Salutogenese nicht berücksichtigen würde».

Das macht Jürgen Pelikan von der Universität Wien, der von vierzig nationalen Netzwerken spricht, welche die Salutogenese im Gesundheitswesen nutzen. Taiwan sei ein Beispiel, in welchem die Gesundheitsförderung gepflegt werde und nicht nur das Heilen von Krankheiten. In Schulen, bei der Ausbildung von Ärzten und Pflegerinnen müsse Salutogenese gefördert werden.

Wie kann man in dieser Arbeitswelt bestehen?

An der Universität Zürich wurde nun ein Zentrum für Salutogenese eröffnet, was sehr wichtig sei für diese Wissenschaft, wie Mittelmark sagt. Geleitet wird das neue Zentrum vom Gesundheits- und Arbeitswissenschafter Georg Bauer vom Institut für Epidemiologie, Biostatik und Prävention der Uni Zürich. Mit zwanzig Forschern will Bauer gesundmachende, individuelle und soziale Ressourcen des Menschen und das damit zusammenhängende Gesundheitserleben untersuchen. Im Zentrum stehen dabei Fragen zur Arbeit und ihren Auswirkungen. Also wie uns Arbeitsbelastungen überfordern. Und vor allem, welche Ressourcen uns stärken und zu hohem Engagement und nachhaltiger Leistungsfähigkeit bei guter Gesundheit führen.

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