FOTOGRAFIE: Sieht besser aus, als es schmeckt: Wenn es beim Essen nur ums Inszenieren geht

Herzeigen kommt oft vor dem Genuss: Blogger und andere Kochfans brüsten sich auf den sozialen Medien mit ästhetisch inszenierten Gerichten. Natürliches Aussehen kommt besonders gut an. Künstler verwandeln auch mal ein Rüebli in einen Lippenstift.
Diana Hagmann-Bula
Opulent: So interpretiert Maurizio Cattelan Rezeptkarten aus den 70er-Jahren.

Opulent: So interpretiert Maurizio Cattelan Rezeptkarten aus den 70er-Jahren.

Diana Hagmann-Bula

Dieser Regenbogen! Wer nun am Himmel sucht, ist kein Foodie. Denn Foodies wissen, wovon hier die Rede ist: Von einem Kuchen, nicht von einem seltenen Spektakel am Horizont. Regenbogengebäcke sind gerade schwer angesagt. An Geburtstagspartys von Kindern, aber auch an Kaffeekränzchen von Erwachsenen. Und noch mehr auf Social Media. 561 428 Menschen haben ihr süsses Regenbogen-Werk auf Instagram hochgeladen. Alle sind sie fast zu schön, um sie zu essen.

Schokolade ist Schokolade – und nicht Farbe

Ein Fest fürs Auge, weniger für den Gaumen. Die Kuchen versprechen das Aroma von Erdbeeren, Heidelbeeren, Äpfeln und Zitrusfrüchten, im besten Fall schmeckt man Zitronencrème heraus. Der Rest ist Lebensmittelfarbe. Mehr Schein als Sein, dieser Rainbow Cake. Und natürlich fotografiert die stolze Bäckerin ihn zigmal, aus verschiedenen Perspektiven, mit verschiedenem Lichteinfall, bevor die Gesellschaft ihn kosten darf. Herzeigen kommt heute vor dem Genuss. Bloggerinnen, Hausfrauen, Hobbyköche, sie alle tun es deshalb: Sie kochen in Kleinstmengen, lassen aber die ganze Welt online mitessen. Und mitschauen. Geliket wird, was gut aussieht. Ob es mundet, ist sekundär.

Carla Kiefer lichtet ebenfalls Gerichte ab, gelegentlich privat, meistens beruflich. «Ich habe das Gekochte noch nie einfach auf den Teller geklatscht. Essen schön anzurichten, ist für mich ein Zeichen von Wertschätzung und Gastlichkeit», sagt die 39-jährige Zürcherin, die ihr Hobby zum Beruf gemacht hat und als Foodstylistin für ihr Studio Kiba arbeitet. Und: «Essen ist zum Lifestyle geworden. Dass wir heute darüber nachdenken dürfen, woher es kommt und wie wir es präsentieren, ist ein Luxus.» Einen Rainbow Cake findet man in ihrem Portfolio vergeblich. «Er sieht zwar fancy aus, hat aber keine Nährstoffe, nichts Natürliches», sagt Kiefer. Doch eben Natürlichkeit würden ihre Kunden stark einfordern. Zu ihnen zählen Detailhändler wie Coop, Grossbäckereien und Firmen wie Mövenpick. «Der Zeitgeist hat sich zum Glück gewandelt», sagt Kiefer und meint damit: Weg von Hochglanzwerbung, in der nicht Schokolade, sondern Farbe, nicht Milch, sondern Leim in Zeitlupe ins Bild fliesst. Weil sich Schokolade und Milch in Wirklichkeit nicht so geschmeidig bewegen. Was ist mit Haarspray auf Lebensmitteln, damit sie glänzen? Nichts für Kiefer und ihre Auftraggeber. «Sie sind gegen Food Waste, wollen nicht, dass wir für die Tonne produzieren. Was wir fotografieren, bleibt essbar, wird verzehrt oder verschenkt.» Das bringt Herausforderungen am Set mit sich. Die mag Carla Kiefer. Glace schmilzt unter den Scheinwerfern rasch. So arbeitet sie halt im Gefrierschrank, produziert zuerst einen «Dummie» fürs Testfoto. Das Original rückt sie erst heraus, wenn es ernst gilt. Welke Kräuter wechselt sie aus, Pasta übergiesst sie abermals mit frischer Sauce. Bepinselt mit Öl oder Wasser, was schon ausgetrocknet ist, aber nicht trocken aussehen sollte. Käse etwa. «Auch Überbackenes ist eine Knacknuss. Die gelbe Farbe wirkt auf Fotos unästhetisch. Ich mag es, daraus Schönheiten zu machen.» Kiefer möbelt Gratins mit dem frischen Grün von Basilikum auf, mit graublauer Keramik, als Unterlage wählt sie Holz. Tropfen und Brösmeli auf den Tellerrand sind erlaubt, sogar erwünscht. Das alles ist «foodig». Und «foodig» ist in dieser Szene soeben in aller Munde. «Foodig» macht Appetit, verleitet zum Nachkochen (am besten mit den Produkten von Kiefers Kunden, versteht sich). Dass die perfekte Inszenierung des Imperfekten lange gedauert hat, sieht man «foodig» nicht an.

«Kochbücher sind auch Zeitzeugen»

Dabei sei es noch keine fünf Jahre her, als «alles clean und ausgeleuchtet aussehen musste», sagt Anja Kouznetsova. Sie hat für den deutschen Verlag Gestalten das Buch «Visual Feast» kuratiert, das sich der Food-Fotografie widmet. Essensbilder und Kochbücher seien Zeitzeugen. «Aufgrund der Codes, die darin zu sehen sind, erfahren wir, was damals die Themen in der Gesellschaft waren.» Wer den eindrucksvollen Bildband durchblättert, stellt fest: Perfekter als in den 1970er-Jahren zeigte sich Food-Fotografie wohl nie. «Es war die Zeit des Kalten Krieges, und der US-Kapitalismus stand in Hochblüte. Da ging es nicht um Authentizität. Man wollte zeigen, was man hat. Die Frau des Hauses arrangierte Essen so opulent und adrett wie möglich. Und kleckerte bestimmt nicht auf den Tellerrand», sagt Kouznetsova. Der Fotograf Maurizio Cattelan hat in «Visual Feast» Rezeptkarten aus den 70er-Jahren neu interpretiert. Zu sehen sind bunte Hintergründe, grelles Geschirr, eingefärbte Terrinen und Tische, so reich gedeckt, dass sich eine Fussballmannschaft verköstigen könnte. Zwischen diesen Fotos und den Social-Media-Aufnahmen von heute liegen mindestens zehn Gänge, um in der Sprache des Essens zu bleiben.

Food-Fotografie mit künstlerischem Ansatz ist deutlich vielfältiger als jene auf Blogs und Instagram. Auch das verdeutlicht das 240 Seiten starke Werk. Die Fotos von Maurizio Di Iorio etwa sind ebenfalls farbenfroh, pendeln aber zwischen künstlich und anmächelig. Wasser perlt von einer hochroten Tomate, die auf einer türkisen Decke liegt. Das Shooting für Bilderserie, inklusive Nachbearbeitung, hat nur dreissig Minuten gedauert. Hingegen verbrachte der Fotograf ein paar Tage damit, den richtigen Tomatentyp zu finden. «Food-Stylisten arbeiten manchmal wie Chirurgen», weiss Kouznetsova. Um beim Einrichten des Sets ja keine Fingerabdrücke auf den Lebensmitteln zu hinterlassen, reisen sie mit ganzen Koffern an Werkzeugen an. Darin sind Pinzetten und Zängchen gelagert. Art-Direktorin Sandy Suffield hat sich zum Spass gemacht, eben das ins Bild zu rücken, was dem Betrachter verborgen bleiben sollte. Das Babypuder etwa, das Trauben ihre pudrige, appetitliche Oberfläche verleiht. Und manchmal ist Food-Fotografie auch nur Kunst: Das Rüebli wird zum Lippenstift, die Wassermelone zur Wolke. Modernen Food-Bloggern wäre das zu surrealistisch. Am ähnlichsten wie sie fotografiert im Buch Tuukka Koski: Leinentischtücher Teller aus Steingut, Holzbretter, alles sehr erdig, Fleisch und Knollen in ihrer rohesten Form. Kein Wunder fotografiert der Finne nicht Magazin-Editorials, sondern für trendige Restaurants.

Seit ihrer Arbeit am Buch knipst Anja Kouznetsova noch seltener ihr Essen. Und wenn, dann nur in den Ferien. «Gerichte, die einen hohen Exotik-Faktor haben. Als Souvenir sozusagen», sagt sie. Ansonsten halte sie es wie die grossen Food-Fotografen: Sie geniesse statt abzudrücken. Es gehe ihr privat um den perfekten Geschmack, nicht um die perfekte Tomate. Die überlässt sie lieber jenen, die sich damit anderen mitteilen wollen. Über das Ausmass von Foodporn schüttelt sie den Kopf. Das Phänomen aber sei uralt. Schon die barocke Malerei bildete häufig Szenen ab, in der sich alle um eine Tafel versammeln. «Essen verbindet, seit es die Menschheit gibt.» Sagt es und wünscht sich für die Essensbilder-Welt auf Instagram weniger Rainbow Cakes. Und mehr Kreativität, mehr Widersprüche. Mehr Mut zur Hässlichkeit.

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