FREERUNNING: Spektakuläre Sprünge über den Dächern Griechenlands

Der Luzerner Joel Eggimann (21) zählt in der actionreichen Sportart zu den Besten. Eine Reportage beim Event des Jahres zeigt: Es sieht schmerzhafter aus, als es ist.

Stefan Klinger, Santorin
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Waghalsige Sprünge vor malerischer Kulisse in Santorin: der Römerswiler Joel Eggimann. (Bild: Keystone)

Waghalsige Sprünge vor malerischer Kulisse in Santorin: der Römerswiler Joel Eggimann. (Bild: Keystone)

Die griechische Insel Santorin – ein Traum für Romantiker. Das Wasser tiefblau, die Häuser weiss. Die Sonnenuntergänge erst knallig gelb, dann rot und am Ende auch ein bisschen lila. Fast schon zu kitschig das Ganze. Hier kann man entspannen. Oder heiraten. So wie das asiatische Paar, das in voller Montur vor dem sich bietenden Panorama für die Hochzeitsbilder posiert, sich leidenschaftlich küsst – und sich nicht von Joel Eggimann ablenken lässt.

Der 21-Jährige aus Römerswil steht nur wenige Meter entfernt am Rande eines Hausdaches, blickt über die zwei Meter breite Gasse hinüber zum Nachbarhaus und versinkt in Gedanken. Nun ist höchste Konzentration geboten. Nicht wegen des Sprungs über den Abgrund. Nein, den schafft Eggimann locker. So locker, dass er im Wettkampf vermutlich noch einen Salto einbauen wird.

«Wenn du auf dem Boden einen zwei Meter langen Sprung schaffst, dann gelingt er dir in ein paar Metern Höhe von Haus zu Haus genauso», erklärt er, «unsere Sportart spielt sich zu 80 Prozent im Kopf ab. Du musst dir immer wieder sagen: Auf dem Boden kann ich das ja auch.»

Es ist Freitagnachmittag, der Tag vor dem Wettkampf. Seit 30 Minuten befindet sich Eggimann auf dem Kurs der «Red Bull Art of Motion 2014», des Freerunning-Ereignisses des Jahres, und tüftelt. Wie kann er möglichst spektakulär die Strecke über Hausdächer, Mauern und Terrassen zurücklegen? Welche Linie durch das an einem Steilhang gelegene Wohngebiet ist die kreativste? Wo lassen sich Saltos – die Flips – vorwärts, rückwärts oder mit Drehung einbauen? Welche Hauswand eignet sich am besten zum Hochrennen? Welches Geländer, welches Mäuerchen ist nur wenige Zentimeter breit und bietet sich trotzdem noch gerade so als Landefläche an? Eggimann springt hin und her, probiert Verschiedenes und hält immer wieder minutenlang inne.

Startplatz dank Bewerbungsvideo

«Ich habe nicht so viele Saltos und weite Sprünge im Repertoire. Klar muss auch ich Saltos und Sprünge über fünf, sechs Meter machen – das gehört einfach dazu», sagt er, «aber ich mache nur wenige und dafür lieber noch ein paar nur vier Meter weite Sprünge auf ein schmales Geländer, wo du perfekt landen musst, weil du sonst drüberrutschst. Ich will mit meiner Linienwahl Kreativität beweisen.» Es gilt: je kleiner die Landefläche, desto eindrucksvoller der Sprung. Die Wertungsrichter, in der von Anglizismen geprägten Sportart «Judges» genannt, wissen das zu schätzen.

Vergangenes Jahr würdigten sie Eggimanns Leistung derart, dass er am Ende Rang fünf belegte. Sein Durchbruch. Immerhin hatte er nur als Online-Qualifier, also weil genügend Leute im Internet für sein Bewerbungsvideo gestimmt hatten, einen Startplatz im Wettkampf der besten Freerunner der Welt erhalten. In der Szene war Eggimann zwar schon zuvor bekannt. Doch dieser Erfolg bescherte ihm so viel Ruhm in den traditionellen Medien und auf den Social-Media-Plattformen, dass er einige lukrative Offerten bekam.

So ist Eggimann, der sich seit dem Abschluss seiner Zimmermann-Lehre vor zwei Jahren ganz auf Freerunning und das artverwandte Parkour konzentriert, in Zürich in einer modernen, teils actiongeladenen Inszenierung von «Die Physiker» im Einsatz. Er arbeitet als Stuntman für Kurzfilme und Werbespots. Er tritt mit der Gruppe Freez in Shows auf, entwirft deren Kleidung und gibt Trainerstunden. Das beschert dem jungen Luzerner zwar keine Reichtümer, wie er sie als einer der weltbesten Athleten in traditionellen Sportarten verdienen würde, doch zum Leben reicht es. Sein Marktwert: eine mittlere dreistellige Gage für eine fünfminütige Show.

Die «Red Bull Art of Motion 2014» verläuft für Eggimann allerdings ganz anders. Es ist Samstagnachmittag. Der erste Run. Die ersten zwei Saltos klappen perfekt. Die ersten Sprünge auf schmalste Mäuerchen sowie die ersten weiten Sprünge über Abgründe mit einer anschliessenden Flugrolle auf dem harten Steindach ebenso. Sie sehen zwar mindestens so schmerzhaft wie spektakulär aus, doch für Eggimann sind sie kein Problem. «Wenn du es oft genug trainierst und weisst, wie du den Sprung abfedern musst, ist eine Rolle auf den Asphalt nach einem Sprung aus 1,50 Metern Höhe kein Problem», sagt er, «ausserdem müssen wir ja nicht wie Turner gerade landen, sondern können die Energie mitnehmen und in die nächste Bewegung überleiten.» Alles läuft nach Plan – doch dann passiert es.

Training sorgt für Polizeieinsatz

Seit Eggimann 2006 in der Anfangssequenz des damals erschienenen James-Bond-Films «Casino Royale» Freerunning sah, ist er davon begeistert. Seit 2008 übt der 21-Jährige den spektakulären Sport selbst aus. Seither trainiert er fast jeden Tag. Mal in offiziellen Anlagen wie auf der Luzerner Allmend, mal einfach dort, wo es sich gerade anbietet – auch wenn das mitunter für Verwirrung sorgt. Als er mit Kollegen auf einem Migros-Dach in Lenzburg trainierte, alarmierten besorgte Passanten die Polizei. Die rückte gleich mit 15 Leuten an, um die vermeintliche Einbrechergruppe zu fassen. Heute kann Eggimann darüber lachen.

In all den Jahren auf den Dächern der Welt hat er sich längst viel Routine erarbeitet – doch vor einem Fauxpas ist er an diesem Wettkampf dennoch nicht gefeit: Beim Sprung auf eine Treppe rutscht er eine Stufe runter. Verletzungen zieht er sich keine zu, doch die misslungene Aktion reisst ihn so sehr aus der Konzentration, dass er kurz darauf beim Sprung über eine Mauer hängen bleibt. Zu viele Fehler. Eggimann verpasst die Finalqualifikation. Sein Frust hält sich in Grenzen. «Wenn ich an Wettkämpfen bin, bekomme ich mehr Aufmerksamkeit und habe es dann einfacher, an Jobs zu kommen. Daher ist es hilfreich, gut abzuschneiden», sagt er, «aber der Wettkampf hat nicht oberste Priorität. Für mich ist es noch wichtiger, dass ich hier die gemeinsame Zeit mit den Besten der Welt geniessen kann.» Und das dann auch noch auf Santorin. Dem Paradies für asiatische Hochzeitspaare – und für Freerunner aus aller Welt. Den vielen Flachdächern und kleinen Mäuerchen sei Dank.

Landung auf Mauer oder im Swimmingpool

Das Format kli.
Bei der «Red Bull Art of Motion», dem wichtigsten Freerunning-Wettkampf des Jahres, treten auf der griechischen Insel Santorin im Hauptwettkampf 18 Athleten an: die acht Besten des Vorjahres, vier aus der Qualifikation sowie sechs Sportler, die bei einer Online-Abstimmung am meisten Stimmen für ihre Bewerbungsvideos bekommen. Jeder Athlet hat maximal 90 Sekunden Zeit, um in dem an einem Steilhang gelegenen Wohngebiet von A nach B zu kommen und dabei Hausdächer, Kuppeln, Terrassen, Mauern und einen Swimmingpool zu nutzen, um möglichst viele spektakuläre Elemente einzubauen. Der Höhenunterschied zwischen dem Start- und dem Endpunkt beträgt 70 Meter.

Eine fünfköpfige Jury bewertet die Läufe. Entscheidend sind der Schwierigkeitsgrad der technischen Elemente, deren Ausführung, der Bewegungsfluss des gesamten Runs und die Kreativität. Die besten sechs des ersten Durchgangs ziehen in den Final ein. Den diesjährigen Wettkampf hat der Grieche Dimitris Kyrsanidis, in der Szene bekannt als «DK», gewonnen. «Ich bin so stolz, dass ich hier gewonnen habe», freute sich der 19-Jährige, «ich trainiere seit sieben Jahren, weil ich Freerunning und Parkour liebe. Es ist einfach geil.»