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FREUNDSCHAFT: Wahlverwandte, die die Seele streicheln

Sie gibt Geborgenheit und fördert die Gesundheit. Im Gegensatz zur Verwandtschaft ist sie frei. Geschwister im Geiste sind Freunde trotzdem. Und hat die Eintracht ein Ende, geht die Welt davon nicht unter.
Susanne Holz
Mit einer verwandten Seele an der Seite lässt sich das Leben leichter durch die rosa Brille sehen. (Bild: Klaus Vedfelt/Getty)

Mit einer verwandten Seele an der Seite lässt sich das Leben leichter durch die rosa Brille sehen. (Bild: Klaus Vedfelt/Getty)

Susanne Holz

BFF, so sprechen sich Mädchen im Teenageralter heutzutage auf Whatsapp an. Womit sie sich nicht versichern wollen, Teil der Bangladesh Football Federation zu sein, des bangladeschischen Fussballverbands, sondern vielmehr tiefe Gefühle der Freundschaft zum Ausdruck bringen: BFF meint in ihrem Fall «Best Friends Forever». Dass diese «besten Freundinnen für immer» auch immer mal wieder ohne grösseren Seelenschmerz durch neue BFF ersetzt werden, ist Teil des Spiels, das für junge Menschen selbstverständlich ist und das sich Leichtigkeit nennt.

Doch auch in späteren Jahren profitiert Freundschaft von einer gewissen Unbeschwertheit – oberflächlich hingegen sollte sie eher nicht sein. In Zeiten zunehmender Singlehaushalte – 2015 lebte in gut einem Drittel der Schweizer Haushalte nur eine Person – ersetzen Freunde oft sogar die traditionelle Familie. Das Gute daran: Diese «Verwandten» sucht man sich aus. Und so werden aus engen Freundschaften klassische Wahlverwandtschaften.

Von Goethe gabs für Schillers Kinder eine Spielzeug-Guillotine

Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832), der diesen Begriff einst geprägt hat, dessen gleichnamiger Roman von 1809 aber weniger die Freundschaft als vielmehr die Liebe zum Inhalt hatte, verband bekanntlich eine enge Freundschaft zum zehn Jahre jüngeren Dichterkollegen Friedrich Schiller (1759–1805). Obwohl verschieden, lernten sich beide schätzen – und mochten sich auch sehr.

Autor Rüdiger Safranski («Goethe & Schiller. Geschichte einer Freundschaft», 2009) berichtete der «Zeit» anlässlich der Veröffentlichung seines Buchs über die beiden: «Goethe besuchte Schiller ständig in Jena. Christiane, Goethes spätere Frau, klagte über die Abwesenheit ihres Mannes, und Charlotte, Schillers Frau, konnte nachts nicht schlafen, weil das Gelächter der beiden so laut war. Zur Arbeitsbeziehung kam rasch das Emotionale hinzu. Obwohl Goethe diese ständige Angst vor Tod und Krankheit hatte, besuchte er Schiller bei seinen Krankheitsschüben, oder er nahm dessen Kinder mit, um die Familie zu entlasten.» Auch habe Goethe, wenn er Schiller besuchte, Geschenke für die Küche mitgebracht, Rübchen, einen Hasen, Salat. Die Kinder habe er ebenfalls bedacht – einmal sogar mit einer Spielzeug-Guillotine.

Der Trost von Fremden

Scheint so, als ob gerade grosse Literaten schon immer wussten, was eine gute Freundschaft ausmacht. In ihrem jüngst erschienenen Buch «In deiner Nähe geht es mir gut. Warum Freundschaften lebensnotwendig sind» zitiert Autorin Angelika Walser den Dichter Christian Morgenstern (1871–1914): «Man ist nicht dort zu Hause, wo man seinen Wohnsitz hat, sondern wo man verstanden wird.» Passend dazu kommt auch Max Frisch (1911–1991) zu Wort: «Heimat ist unerlässlich, aber sie ist nicht an Ländereien gebunden. Heimat ist der Mensch, dessen Wesen wir vernehmen und erreichen.» Geht es nach diesen Denkern, ist es wichtig, verstanden zu werden – und genau das wird man wohl nicht selten besser von Wahlverwandten als von Verwandten.

Besonders schöne und treffende Bilder für die grosse Nähe, die noch vor kurzem Fremde einem schenken können, hat Regisseurin Doris Dörrie 2008 in ihrem Filmdrama «Kirschblüten – Hanami» gefunden: Der erst gerade Witwer gewordene, orientierungslose Protagonist aus Deutschland, der seinen Sohn in Tokio besucht, findet Halt und Trost nicht bei diesem, sondern bei einer jungen Japanerin.

Verbundenheit entwickelt sich vermutlich am leichtesten aus einer Freiheit heraus. Doch abgesehen davon, dass Freundschaft frei ist, was macht sie sonst noch aus? Allgemein wird unter Freundschaft eine freiwillige und persönliche Beziehung verstanden, die auf gegenseitiger Sympathie, Vertrauen und Unterstützung beruht, nicht aber auf Verwandtschaft oder einem sexuellen Verhältnis. (Für die Verbindung von Sex mit Freundschaft gibt es allerdings seit einigen Jahren den schönen Begriff der «Freundschaft plus».)

Grundstein für eine Freundschaft: Wechselseitige Selbstoffenbarung

Die Sozialpsychologie benennt als Grundsteine für Freundschaft räumliche Nähe, häufige Kontakte, soziale Kompetenz und wechselseitige Selbstoffenbarung. Auch wichtig: eine «Gemeinschaft des Geistes», weil Freundschaft nun mal «mentaler Natur» sei, so der Soziologe Ferdinand Tönnies (1855–1936). (Die Erfahrung lehrt jedoch, dass es leider auch oft nur die Gemeinsamkeiten im Materiellen sind, welche die Menschen zusammenbringen.) Für gute Freundschaft zudem unabdingbar: die Gegenseitigkeit im sozialen Austausch. Meldet sich immer nur der eine, endet eine Beziehung schnell – selbst unter Seelenverwandten.

Will man sich einen Freund bewahren, ist es auch nicht ganz dumm, ihm in schlechten Zeiten seine Hilfe anzubieten. Seine Geheimnisse nicht zu verraten, ihm zuzuhören, ihn emotional zu unterstützen, ihn auch mal vor Kritik in Schutz zu nehmen oder aber ehrlich und wohlmeinend zu kritisieren, wenn nötig. Eine allzu nüchterne Verhaltensanalyse wünscht sich aber vermutlich niemand vom besten Freund – denn die bekommt man meist schon von vielen anderen. Dass man Freunden in dieser Hinsicht eine Spezialbehandlung zugesteht, das findet auch der Philosoph Alexander Nehamas («On Friendship», 2016). Nehamas sagt klar und deutlich: «Freundschaft ist parteiisch.» Freunde behandle man anders als den Rest der Welt.

Hält man sich nicht mehr an diese ungeschriebenen Gesetze, sind gute Freunde manchmal sehr schnell entzweit. Hin und wieder führen aber auch schlicht die veränderten Lebensbedingungen des einen Parts – man denke an einen Umzug oder eine Familiengründung – zum Ende einer Freundschaft. Die gute Nachricht: Neue Freunde finden sich meist schneller als passende Lebenspartner. Und geht es nach der Wissenschaft, kann man sowieso nicht mehr als eine Handvoll guter Freunde glücklich machen. Eine repräsentative Umfrage der Universität Chemnitz ergab: Persönliche Gedanken und Gefühle teilen die meisten von uns mit nur knapp drei Personen – Frauen wie Männer.

Worin sich die Geschlechter aber unterscheiden in Sachen Freundschaft, ist die Art derselben. Während Frauen auf emotionale Nähe und grosses Vertrauen setzen, treiben Männer lieber gemeinsam Sport oder leisten sich gegenseitige praktische Hilfe. Face-to-Face nennt sich das bei den Frauen, Side-by-Side bei den Männern.

Treue Gefährten heben unser Selbstwertgefühl

Doch sei es nun der Fussballfreund oder die vertraute beste Freundin: Fest steht, dass solch treue Gefährten unser Selbstwertgefühl heben und unsere Seele streicheln. Sogar gesund halten sie uns: Verschiedene Studien haben gezeigt, dass Freunde das Risiko für Bluthochdruck und Depressionen senken und unser ­Leben allgemein verlängern. Stress und Ängste reduzieren sich, weiss man einen Freund an seiner Seite. Was am Bindungshormon Oxytocin liegt, das Empathie und soziales Verhalten stärkt und für Geborgenheit sorgt. Auch aktiviert Freundschaft den Vagus-Nerv, der Entspannung möglich macht und den Herzschlag verlangsamt.

Buchautorin Angelika Walser ist zudem der Ansicht, dass «Freundschaft heute wieder neu und wesentlich für ­soziale Sicherheit und Wohlbefinden steht». Das romantische Konzept von Freundschaft, das allein und ausschliesslich auf Gefühl basiere, müsse wohl als utopisch bezeichnet werden. Was wohl Goethe und Schiller dazu sagen würden?

Steht bei einer Freundschaft ein Nutzen im Vordergrund, wird sie unter Umständen überflüssig, braucht es diesen Nutzen plötzlich nicht mehr. Poetisch ist das nicht gerade. Doch im besten Fall verabschiedet sich die Freundschaft sodann auf leisen Sohlen – und nicht ohne den wünschenswerten Einsatz von Takt- und Feingefühl. Diesen sind sich gute Freunde schuldig, wenn sie sich aus den Augen verlieren.

Hinweis

Angelika Walser: «In deiner Nähe geht es mir gut. Warum Freundschaften lebensnotwendig sind». Tyrolia, 124 Seiten, Fr. 20.90.

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