«Fühle mich verpflichtet, aufzutreten»

Toni Vescoli (73), Musiker

Interview Roger Rüegger
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Toni Vescoli (73). (Bild: pd)

Toni Vescoli (73). (Bild: pd)

Interview Roger Rüegger

Der 73-jährige Liedermacher und Rocker ist noch immer fleissig auf Tour. Das nächste Mal in der Region tritt er mit der Formation Vescoli & Co am 10. März im Luzerner Stadtkeller auf. Begleitet wird er von der amerikanischen Fiddlerin Amanda Shaw. Mit seiner Band Les Sauterelles landete er 1968 den Hit «Heavenly Club», mit dem er 13 Wochen lang in den Charts war. 1974 war er mit «Es Pfäffli» ebenfalls wochenlang in der Hitparade. Der dreifache Vater verrät im Gespräch, warum er immer macht, was er will, wie er seine Ehefrau Ruthli kennen gelernt hat und weshalb ihn mal die Polizei aus seiner Wohnung geholt hat.

Toni Vescoli, Ihr Name erinnert mich zuerst an «Es Pfäffli». Als Bub hörte ich dieses Lied damals in der Hitparade. Macht es Ihnen etwas aus, wenn man Sie mit dem Lied identifiziert?

Toni Vescoli: Ja, das Pfäffli-Image klebt noch heute an mir. Müsste nicht sein. Aber ich war damit immerhin vier Wochen in den Top Ten, das war eine Sensation. Aber ich spiele es nur noch selten.

Wurden Sie nicht glücklich damit?

Vescoli: Es geht. In der Liedermacher-Szene hiess es damals zynisch: «Jaaa – jetzt bisch halt ir Hitparade!» Und das Schweizer Radio meinte, das Lied könnte religiöse Gefühle verletzen. Ich selber wollte lieber «Susann» als A-Seite. Egal, ich zog mein Ding durch – bis heute.

Den Song «Heavenly Club» aus dem Jahr 1968 habe ich nicht aktuell miterlebt, sonst würde ich Vescoli wohl damit identifizieren. Mit diesem Image beziehungsweise dem der Swiss ­Beatles können Sie besser leben?

Vescoli: Dieser Vergleich stört mich gar nicht – der ist schön, und es stimmt ja auch. Wir spielen ja jeweils an der Beatle Week in Liverpool und sind sehr beliebt dort. Uns begleiten jeweils 120 Fans. Aber auch das ist nur eine Schiene.

Americana ist eine weitere Richtung, die Sie fahren. Sie spielten mit dem grossen Tex-Mex-Akkordeonisten ­Flaco Jimenez und vielen anderen dieses Genres zusammen. Und im März sind Sie mit der Fiddlerin Amanda Shaw unterwegs. Warum bewegen Sie sich zwischen so vielen verschiedenen Stilrichtungen?

Vescoli: Das geht weit zurück. Blues, Rock, Country und Tex-Mex faszinierten mich schon immer. Die allerersten Berührungen mit solcher Musik hatte ich als Bube. Ich hörte Radio Luxemburg und war fasziniert von diesem Johnny Cash. Damals hiess seine Musik nicht Country, er war ein Outlaw, und ich fand ihn interessant.

Und heute treten Sie noch immer mit Les Sauterelles, als Toni Vescoli & Co sowie solo und in anderen Formationen auf. Und Sie halten an keiner Stilrichtung fest. Man könnte mit 73 ja auch kürzertreten?

Vesoli: Ich fühle mich fast verpflichtet dazu. Wenn man so «guet zwäg» ist wie ich und den Leuten mit den Auftritten noch Freude bereitet, gibt es keinen Grund, aufzuhören. Als Selbstständigerwerbender ist mit 65 sowieso noch lange nicht Schluss. Dadurch, dass mir die Arbeit und die Musik so viel Spass macht, bin ich extrem engagiert. Ich habe 50 Auftritte im Jahr. Täte ich das nicht, würde ich wohl krank.

Neben kleinen Konzerten im Duo sind Sie auch an Open Airs mit Les Sauterelles zu sehen. Sind die Konzertbesucher jeweils dieselben?

Vescoli: Vielfach sehe ich Gesichter an einem Open-Air-Konzert, die auch meine Solo- oder Duo-Auftritte im kleineren Rahmen besuchen. Vor allem bei Open Airs sind auch jüngere Leute im Publikum. Ich habe von solchen schon erstaunliche Feedbacks erhalten. Viele denken offenbar, dass da ein paar alte Herren auf der Bühne stehen. Wenn sie uns dann hören, heisst es: Wow, wir wussten ja nicht, dass ihr solche Musik macht ...

Und nicht nur das. Mit 70 haben Sie ein Buch geschrieben. Genug Arbeit haben Sie also immer.

Vescoli: Meine Frau und ich verbringen jedes Jahr drei Monate in unserer Wohnung auf Teneriffa. An diesem Ort kann ich ungestört an neuen Projekten arbeiten. Dort entstand auch mein Buch.

Es trägt den sinnigen Titel «MacheWasiWill». Gilt diese Aussage auf die Neuzeit, oder waren Sie schon in der Jugend ein Rebell, der sich nicht darum scherte, was andere sagen?

Vescoli: Sehr oft bin ich mit meiner Art angeeckt. In der ­Stifti als Hochbauzeichner haben sie es nicht gerne gesehen, wenn ich mit Jeans und Stiefeln angetreten bin. Auch meine langen Haare waren nicht überall gerne gesehen. Und als ich die Sauterelles gründete, war mein Vater dagegen.

Auch mit der Polizei hatten Sie eine Begegnung. Die holten Sie und Ihre Freundin 1965 aus der Wohnung. Danach mussten Sie heiraten. So zumindest steht es in Stichworten auf Ihrer Website.

Vescoli: Genau, weil wir zusammenwohnten, obwohl wir nicht verheiratet waren. Laut Gesetz war das Konkubinat damals verboten. Wir mussten 250 Franken Busse bezahlen, das war viel Geld.

Es handelte sich um das geheimnisvolle Ruthli?

Vescoli: Mit der ich dieses Jahr (am 17. Januar, Anm. d. Redaktion) die goldene Hochzeit feiere. Sie sass stets im Hintergrund und verzog sich immer vor Ende des Konzertes. Auf einmal tauchte sie auch an Konzerten in anderen Lokalen auf. Die schönen Augen sind mir sofort wieder aufgefallen.

Und Ihnen als Musiker ist es natürlich nicht schwergefallen, das Girl abzuschleppen?

Vescoli: Ach was. Sex, Drugs and Rock ’n’ Roll haben nicht die Rockmusiker erfunden. Ländlerkapellen und Unterhaltungsmusiker haben genauso viele Fans.

Wie gings dann weiter?

Vescoli: An einem Nach-Mitternachtskonzert hat sie mir durch den Veranstalter einen Zettel mit ihrer Telefonnummer überbringen lassen. Ich habe sie angerufen, und wir verabredeten uns zum Baden und Bräteln. Sie mit ihrem damaligen Freund und ich mit meiner Freundin, einer Schamponeuse. Ruthli und ich gingen dann zusammen zum Kiosk, um Würste zu kaufen, und blieben drei Stunden weg.

Der «Heavenly Club» hat aber nichts mit ihr zu tun?

Vescoli: Nein, das ist eine Parodie auf den damaligen Highlife Club in Zürich. Dort verkehrten Snobs mit Krawatte. Ich ging dort nie hin. Aber mein Bruder war dort. Kaum eingetreten, wurde er von einem Girl angequatscht und um Geld angepumpt. Eben wie wir im Lied singen: «An angel turned around and asked me for three pounds.»

Damals haben Sie englische Texte gehabt. Heute sind Ihre Songs mehrheitlich Schweizerdeutsch, selbst die Tex-Mex- und Americana-Lieder. «Hey Baby, que paso?», heisst bei Ihnen «Hey Baby, was isch los?» Liessen Sie sich von Polo Hofer inspirieren?

Vescoli: Nein, nicht direkt. Aber er gab mir 1993 den Tipp, mal nach Austin, Texas, zu reisen. Dort habe ich dann nach geeigneten Musikern gesucht und 1999 meine Scheibe «Tegsass» aufgenommen sowie 2007 das Album «66». Bei meinem ersten USA-Besuch flog ich aber nicht direkt nach Austin, sondern nahm von Chicago aus den Zug. Am Bahnhof von Austin überraschte mich Polo dann zusammen mit der Sängerin Christine Lauterburg. Wir gingen zusammen in den Ausgang. Polo wollte mir einen Margarita-Drink offerieren, aber es hatte keinen.

So ein Pech.

Vescoli: Vielleicht war es Glück. Denn daraufhin schrieb ich das Lied «Hola Margarita». So gesehen hat er mich doch ein wenig inspiriert.