FUSSBALL: «Ich will doch auch mitreden können»

An einer WM schauen auffällig mehr Frauen zu als bei Klubspielen. Viele interessieren sich eigentlich nicht für Fussball, wollen aber dennoch unbedingt dabei sein. Warum eigentlich?

Robert Bossart
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Auch viele Frauen fanen für die Schweizer Fussball-Nationalmannschaft. (Bild: Philipp Schmidli)

Auch viele Frauen fanen für die Schweizer Fussball-Nationalmannschaft. (Bild: Philipp Schmidli)

Spätestens jetzt hat es auch mir gedämmert. Da kehren mein Sohn und ich vom Testspiel der Schweizer Nati gegen Jamaika nach Hause zurück, und dann steht spätabends meine 14-jährige Tochter leicht vorwurfsvoll unter der Tür und sagt: «Papa, ich will auch mal an ein Spiel mitkommen. Ich will Drmic und Shaqiri live sehen.» Sie, die sonst stets im Zimmer verschwindet, wenn wir im Fernsehen Fussball schauen. Sie, die sich keinen Deut für diese Sportart interessiert. «Das ist was anderes», klärt sie mich auf, «jetzt spielt doch die Nati.»

Tatsächlich: Der Frauenanteil unter den Zuschauern ist an Grossveranstaltungen wie der am Donnerstag beginnenden WM in Brasilien markant höher als bei anderen Spielen. «Bei Klubspielen in der Bundesliga – Zahlen aus der Schweiz gibt es nicht – liegt der Frauenanteil bei rund 25 bis 30 Prozent», sagt die Geschlechterforscherin und Sportpädagogin Marianne Meier. «An einer WM sind 50 Prozent der Zuschauer Frauen.» Und etlichen davon geht es ähnlich wie meiner Tochter, wie eine Umfrage unter Kolleginnen bestätigt. «Ich schaue wirklich niemals Fussball», meint etwa Stefanie, «aber zur WM-Zeit ist so viel Fussball in der Luft – da will man irgendwie dabei sein.»

Sich dem Gruppendruck beugen

Sie spricht sogar von einem «Gruppenzwang», dem sie sich nicht entziehen kann. «Entweder ich schaue mit meinen Freunden gemeinsam die Spiele an, oder sie haben keine Zeit für mich, weil sie vor der Glotze sitzen», bringt sie das Dilemma auf den Punkt. Ähnlich geht es Roseline: Die junge Frau schwört sich jedes Mal vor einer EM oder WM, die Zeit besser zu nutzen und Schlaueres zu tun, als «stundenlang in den viereckigen Kasten zu starren». Aber dann komme doch immer so etwas wie Gruppendruck auf, weil Fussball ständiges Gesprächsthema sei. «Ich will halt auch mitreden können», meint sie, darum sei sie wohl auch diesmal wieder mit von der Partie an Public-Viewing-Events und anderen WM-Anlässen. «Und dann erfasst mich das WM-Fieber sicher auch noch, ob ich will oder nicht», gibt sie zu. Weil die Stimmung einfach «einmalig» sei, wenn die eigene Nationalmannschaft spiele. Yasmin – auch sie schaut nur an Grossanlässen Fussball – mag es, dass der Modus so einfach ist an einer WM. «In Brasilien ist es total simpel, wer weiterkommt und wer nicht, bei den Vereinen habe ich keinen Überblick. Aber jetzt kann sogar ich mal fachsimpeln und beim Fussball mitreden!»

Auch Frauen verstehen das Spiel

Es gibt aber auch diejenigen Frauen, welche nicht nur zuschauen, weil sie sich eine gute Partystimmung versprechen, sondern auch etwas von der Materie verstehen. «Der Anteil an Frauen, die selber Fussball spielen, hat sich in den letzten Jahren markant erhöht», sagt Marianne Meier, Autorin des Buches «Zarte Füsschen am harten Leder» zur Geschichte des Schweizer Frauenfussballs. Die Zahl der lizenzierten Spielerinnen hat sich in den letzten zehn Jahren mehr als verdoppelt. Entsprechend gibt es immer mehr, die das Spiel mit all seinen Facetten und taktischen Finessen aus eigener Erfahrung kennen. «Heute ist es völlig normal, dass eine Frau oder ein Mädchen Fussball spielt, entsprechend ist auch ihre Präsenz im Stadion oder vor dem Bildschirm nichts Besonderes mehr», so Meier.

Warum aber ist der Frauenanteil an Grossturnieren höher als im normalen Ligaalltag? Marianne Meier betont, dass generell mehr Menschen, die ansonsten nicht oder nur wenig an Fussball interessiert sind, gerne mit dabei sind, also auch Männer, Familien und Kinder. «Eine WM hat eine perfekt inszenierte Dramaturgie und ist zeitlich absehbar.» Nach dreieinhalb Wochen ist es wieder vorbei, das Ganze ist in sich geschlossen, und man braucht sich nicht das ganze Jahr über damit zu befassen. «Auch der Umstand, dass die Mannschaften Länder vertreten, ist für viele attraktiv. Man fiebert mit der Schweiz oder mit Brasilien mit, und so bekommt das Ganze auch etwas Multikulturelles.»

Eine Fussballweltmeisterschaft als gesellschaftlicher Event, an dem die ganze Bevölkerung teilnimmt und nicht nur verschworene, männliche Fangruppen – eine Entwicklung, die mit «Italia Novanta», mit der Weltmeisterschaft 1990, begonnen hat. «Damals wurden erstmals die Stadien herausgeputzt und der Anlass als Event mit kulturellem Rahmenprogramm aufgezogen», sagt Marianne Meier. Dann kam die WM 94, an der endlich die Schweiz wieder einmal teilnahm, später folgten die WM in Deutschland und die EM in der Schweiz und in Österreich, die wie Volksfeste gefeiert wurden.

Neue Stadien, saubere Toiletten

Zudem wurden viele Stadien in den letzten Jahren neu gebaut oder saniert. «Die neuen Arenen haben ein anderes Publikum angesprochen», so Meier, man muss nicht mehr im Regen bei Bier und Bratwurst ein Spiel im Stehen anschauen, sondern kann bequem sitzen, Falafel essen und saubere Toiletten benutzen. «Das hat vermehrt auch Frauen und Familien angezogen», sagt Meier. Der Dünkel des «Männerbündlerischen» ist mehr und mehr aus den Stadien verschwunden.

Dennoch hört man da und dort noch immer – meist hinter vorgehaltener Hand –, dass Frauen eben doch keine «echten» Fans seien und mehr auf das Aussehen der Spieler schauten als auf das Spiel als solches. «Natürlich spielt das auch mit», sagt Nicole Selmer, Autorin des Buches «Watching the boys play – Frauen als Fussballfans». Aber viele Frauen kennen sich auch mit dem Fussballerischen aus, dennoch sind gewisse Klischees geblieben. Manche sind über 100 Jahre alt, etwa die Meinung, dass es früher keine Frauen im Stadion gegeben habe, was nicht stimme. «Wenn man alte Vereinschroniken durchblättert, sieht man, dass durchaus auch schon vor langer Zeit Frauen mit dabei waren.»

Mit den Männern mitfiebern

Männer, die beim Fussball lieber unter sich sein wollen und ihre «letzte Zuflucht der Männlichkeit» bedroht sehen, werde es wohl noch eine Weile geben, meint Selmer. Aber umgekehrt gibt es immer mehr, die es angenehm finden, wenn das Publikum durchmischt ist, und Freude daran haben, wenn die Freundin, Frau oder Kollegin im Stadion oder vor dem Fernseher mitfiebert.

Und anders als im Klubfussball, wo man über Jahre mit dem Verein mitleidet und stets über Tabelle und Formstand der Spieler auf dem Laufenden sein muss, bedient eine WM die Lust nach einem einmaligen Event, den man unbeschwert geniessen kann. Das Sommerfeeling, das gemeinsame Mitfiebern mit dem eigenen Land, der Partycharakter – all das ist salonfähig geworden. Die Fangfrage nach der Abseitsregel von besserwisserischen Männern ist längst aus der Mode gekommen. Wen interessieren schon solche Details? Viel wichtiger ist die gute Stimmung und vielleicht auch eine Prise Flirtfaktor. «Warum auch nicht», findet Yasmin. Je nachdem, wer neben einem in die Glotze guckt. Schliesslich geht es um Emotionen, schliesslich ist Weltmeisterschaft.

Weshalb Frauen keine Fussballfans sind

Frauen können sich rot-weiss schminken und rot-weiss kleiden, Frauen können kreischen (das vor allem), Frauen können in Verzückung geraten, wenn ein Gockel wie Cristiano Ronaldo das Dress auszieht, Frauen können bei einem Goal für die Schweiz jubeln und wahllos Umstehende verküssen, sie können bei einem Goal gegen die Schweiz laut «Scheisse» sagen und dann kurz verstummen. Aber nur kurz. Frauen können alle Regeln kennen, bis hin zum passiven Offside. Aber jetzt kommt das Aber: Frauen sind keine Fussballfans. Bis auf eine (Margrit), allenfalls anderthalb (Therese) Ausnahmen kenne ich kein weibliches Wesen, das wirklich Fan ist.

«Gottheit» und «Raserei»

Fan kommt vom lateinischen Wort fanaticus, was so viel bedeutet wie «von der Gottheit ergriffen» und «in Raserei versetzt». Wer fanatisch ist, ist leidenschaftlich (Betonung auf Leiden), blind, rücksichtslos. Allen anderen und auch sich selber gegenüber. Fussballfan ist man dann, wenn einem das eigene Verhalten in der meist kurzen besonnenen Phase nach dem letzten Spieltag etwas peinlich ist – um dann aber am nächsten Wochenende erneut negativ aufzufallen. Sei es, weil man im Stadion durch speziell unflätiges Verhalten auf sich aufmerksam macht, sei es, weil man aus Selbstschutz zwar zu Hause bleibt, dort aber am Spieltag nervös herumtigert, familiäre Unternehmungen blockiert und im Falle einer Niederlage bis übermorgen kaum mehr ansprechbar ist. Die Chancen dazu stehen gut, denn gewinnen kann immer nur einer. Meistens die andern.

Nati und Fan – geht nicht

Ein Fussballfan ist – zumindest in der Schweiz – nicht Fan der Nationalmannschaft. Der Fan fiebert wohl schon auch mit, wenn die Nati spielt, aber ich wage die Behauptung: Sollte die Schweiz in Brasilien alle drei Vorrundenspiele kläglich verlieren, erschüttert das einen «von der Gottheit» Ergriffenen weit weniger als eine einzige Niederlage seines Lieblingsclubs an einem beliebigen Spieltag im September oder April. Die «Blindheit» befällt einen Fan eben nicht bloss alle zwei oder vier Jahre an EM und WM, sondern er ist immer ergriffen. Es ist ein Dauerzustand, in schlechten wie auch in ganz schlechten Zeiten.

Zustand entspricht Tabellenstand

Der Fan hat sein Herz an einen Verein verloren, sei es einer aus der Super League, sei es ein kleiner Dorfclub. Aber so oder so: Der Gemütszustand eines Fans ist ziemlich identisch mit dem Tabellenstand seines Clubs. Zuoberst in der Tabelle ist immer nur einer. Alle andern sind dahinter, manche am Abgrund oder schon unten.

Das erklärt, weshalb viele Fans oft leiden und das Jammern gross ist. Es hilft auch nichts, sich eine zweite oder dritte Liebe zuzulegen. Denen geht es in der Regel nicht besser. Meine zwei Herzensclubs (einer im Fussball, einer im Eishockey) serbeln mehr oder weniger permanent. Einer Handvoll Ersatzlieben geht es wenig besser. Es ist ein Elend. Und trotzdem gibt man nie auf und bleibt treu. «You’ll never walk alone» – auch wenn du mich noch 10 000 Mal enttäuschst.

Frauen sind rationaler. Radikaler. Frauen können sich kurz für etwas begeistern, für eine grosse Fussballparty, wobei die Party wichtiger ist als der Fussball. Frauen lassen sich lieber von einer anderen «Gottheit» ergreifen und in «Raserei» versetzen.

Frauen leiden sonst genug

Ausser Margrit und halbwegs Therese kennen Frauen die Leiden eines Fandaseins nicht. Möglicherweise hat das damit zu tun, dass Frauen sonst schon genug zu leiden haben, von der Menstruation über den schlechteren Lohn bis zum Frausein ganz allgemein (darunter leiden allerdings zunehmend auch Männer). Für die Leiden eines Fussballfans bleibt da schon rein theoretisch nicht viel Kapazität. Und wenn, gäbe es für sie lohnenswertere Leiden.

Ob man daraus schliessen kann, dass Männer Fussballfans sind, weil sie sonst weniger zu leiden hätten im Leben, würde ich bezweifeln. Eher schon glaube ich, dass Männer Fans sind, weil sie die halbwegs beruhigende Gewissheit haben, dass es ein Geschlecht gibt, das etwas weniger bescheuert ist als sie selber. Zumindest in Sachen Fussball. Über anderes müsste man reden. Aber sicher nicht am Spieltag.

Hans Graber