FUSSBALL: Verheiratet mit dem FC Luzern

Heute beginnt für den FCL die Saison. Die treuste Seele am Rande ist eine Frau: Materialwartin Petra Suter.

Interview Hans Graber
Drucken
Teilen
«Es gibt Wichtigeres als Fussball. Aber nicht viel.» (Bild Nadia Schärli)

«Es gibt Wichtigeres als Fussball. Aber nicht viel.» (Bild Nadia Schärli)

Spieler kommen und gehen, Trainer kommen und gehen, Präsidenten kommen und gehen – aber die Materialwartin beim FC Luzern ist seit elf Jahren dieselbe. Gibts in diesem Bereich keinen Transfermarkt?

Petra Suter: Ich hatte tatsächlich mal ein Angebot von einem anderen Klub, weil dort Not am Mann war. Aber ich bin nun mal blau-weiss, seit Kindsbeinen.

Warum blau-weiss?

Suter: Wahrscheinlich bekommt man die Liebe zu einem Club bei Geburt eingeimpft. Ich bin in Beromünster aufgewachsen, meine Mutter kam aus der Stadt, mein Vater hat «getschuttet», nur untere Ligen, aber wir waren schon ein Fussballhaus. Da wächst man hinein, und ich habe als Mädchen oft geheult, wenn der FCL verloren hat. Oder auch bei Holland.

Holland?

Suter: Ja, die Schweiz war damals selten an grossen Turnieren dabei, und so waren mein Bruder und ich eben für Holland. Das ist geblieben, man bleibt als Fan treu, in guten wie in schlechten Zeiten. Wobei, klar, ich habe an der WM schon auch der Schweiz die Daumen gedrückt.

Heulen Sie heute noch, wenn der FCL verliert?

Suter: Wenn man in einem Verein eine Funktion hat, lernt man, sich zusammenzureissen und sich nichts anmerken zu lassen – obwohl, einfach ist das nicht immer. Ich habe in der Kabine auch schon vor lauter Wut gegen irgendwas getreten.

Kennt man sich unter den Materialwarten?

Suter: Aber sicher, ob Basel, GC, YB oder wer auch immer, wir haben ein freundschaftliches Verhältnis und tauschen uns regelmässig aus.

Gibts andere Materialwartinnen in der Super League?

Suter: Nein, ich bin die einzige Frau.

Keine Probleme damit?

Suter (lacht): Wer? Ich oder die anderen?

Beide.

Suter: Ich sicher nicht und die Kollegen, soviel ich weiss, auch nicht. Ich bin da glaub schon voll akzeptiert.

Wie wird man Materialwartin?

Suter: Ich habe dieses Amt nicht eigentlich gesucht. Ich war zunächst Masseurin, ganz am Anfang bei der zweiten Mannschaft von Schötz, dann ging es Schrittchen für Schrittchen weiter.

Weil Sie so gut massierten?

Suter: Ich denke eher, weil ich die Günstigste war ... (lacht). Aber ich glaube, dass ich schon auch gut massiert habe, sonst hätte man mich kaum beim FCL genommen. Ich war zunächst bei der Nachwuchsmannschaft, habe viel profitiert vom legendären Gianni Valli. Als er krank wurde, habe ich auch seine Prozent übernommen, neben Massieren gehörte auch das Waschen dazu. So kam das alles.

Weshalb massieren Sie nicht mehr?

Suter: Ich habe Probleme mit der Hand bekommen und musste mich neu orientieren. Zudem gab es Modernisierungen und Umstrukturierungen, die Arbeit der Masseure wurde von Physiotherapeuten übernommen, seit dieser Saison hat der FCL gar keinen Masseur mehr.

Vermissen Sie den Körperkontakt mit den Spielern nicht?

Suter (lacht): Den habe ich hin und wieder schon noch. Ich habe ja vor meiner Ausbildung zur Berufsmasseurin Coiffeuse gelernt, und ab und zu schneide ich dem einen und anderen Spieler die Haare. Wer, bleibt Berufsgeheimnis.

Was macht eine Materialwartin?

Suter: Viel! Das geht vom Bestellen und Verwalten der Dresses, der Trainingsanzüge, der Schuhe, der Bälle und des Trainingsmaterials für alle FCL-Mannschaften bis zum Waschen und Pflegen sämtlicher Textilien. Für die erste Mannschaft, die U 21 und die U 18, muss auch alles nummeriert werden, da deren Sachen täglich gewaschen werden, und ohne Nummer wüsste niemand mehr, was wem gehört. Dieses Nummerieren und Beschriften der Dresses mit dem Spielernamen mache auch ich, mit einer speziellen Maschine.

Und das Zeug hält?

Suter: In den elf Jahren, seit ich hier bin, hat alles gehalten.

Dürfen Sie auch modisch mitreden?

Suter: Kaum. Für die neue Saison hat jetzt Alex Frei die Sache an die Hand genommen. Es musste ein neues Auswärtsdress her, und die Wahl fiel auf das Weiss-Goldene. Das war auch mein Favorit, wobei ich in meiner Funktion nicht nur aufs Design achte, sondern auch auf Materialien und Pflegeleichtigkeit.

Wie viele Dresses kriegt ein Spieler?

Suter: Der Verein stellt ihm pro Saison drei zur Verfügung. Wenn er mehr braucht, zum Beispiel weil er sie ins Publikum wirft oder mit einem Gegenspieler tauscht, muss er sie bezahlen.

Zum Freundschaftspreis?

Suter: Ich kann nur so viel verraten: Viel günstiger als der Preis im Fanshop ist es nicht.

Welches sind beim Waschen die hartnäckigsten Flecken?

Suter: Das schwarze Gummigranulat vom Kunstrasen. Davon gibt es manchmal Flecken, die man nicht mehr rausbringt. Grasflecken an Hosen können auch sehr zäh sein, aber da hilft häufig Chlor recht gut. Trotzdem muss während einer Saison so einiges ersetzt werden, weil es nicht mehr ganz sauber wird.

Färben die Textilien ab?

Suter: Nein. Bei Baumwollsachen kann es sein, dass die drei weissen Adidas-Streifen mit der Zeit nicht mehr so rein weiss sind. Zum Glück fällt das kaum auf, weil es ja bei allen nicht mehr so rein weiss ist, es ist nicht so, dass die eine Hose «neuer» aussieht als die andere. Diese leichten Farbverluste haben aber nichts mit Dreck zu tun, sondern mit der Baumwolle. In einem Trainingslager, als im Hotel gewaschen wurde, bekam ich mal alle Ausgangsleibchen gräulich zurück, weil sie zusammen mit Synthetischem gewaschen wurden. Das darf man einfach nicht.

Riechen Leibchen nach Siegen weniger streng als nach Niederlagen?

Suter: Oh, schwierige Frage, die ich nicht beantworten kann. Schweiss ist ja an sich geruchlos und beginnt erst nach 24 Stunden zu riechen. Gewaschen aber wird sofort. Ich glaube, dass der Geruch mehr vom Wetter abhängig wäre als vom Spielausgang. Was ich sicher sagen kann: Nach Siegen haben wir weniger zu tun, weil einige Spieler vor lauter Freude die Dresses in die Fans werfen. Wobei, nachher muss ich nummerieren und «nämele».

Hand aufs Herz: Was ist mit Ihrer privaten Wäsche?

Suter: Ich gebe es zu: Die wird meistens auch hier in den Stadionkatakomben gewaschen. Ich habe derart unregelmässige Arbeitszeiten, dass ich die Waschzeiten, die mir in meiner Mietwohnung zugeteilt sind, nicht gut nutzen kann.

Welche Schuhgrössen haben die ­Spieler?

Suter: Von 40 bis 46 ist alles vorhanden. Die Modelle wechseln 4-mal pro Saison, weil natürlich der Ausrüster immer auch Werbung für seine aktuellste Kollektion machen will.

Ist ein Spieler verpflichtet, Adidas-Schuhe zu tragen?

Suter: Nein, es gibt Spieler, die haben eigene Schuhsponsoren, gleich wie bei den Goaliehandschuhen. Der Rest der Ausrüstung muss aber Adidas sein, auch beim Staff. Unter der Woche gibt es zwar keine Vorschriften, aber an Matches oder offiziellen Anlässen ist das Tragen der «Uniform» Pflicht.

Und die Bälle?

Suter: Wir spielen mit unserer Hausmarke, aber zum Beispiel GC spielt mit Puma, und vor einem Spiel gegen GC trainieren wir mit 10 solchen Puma-Bällen. Das ist vor allem für den Torhüter sehr wichtig. Jede Ballmarke hat ihre Eigenheiten.

Sind die Fussballer nett mit Ihnen?

Suter: Ja, in elf Jahren fast ausnahmslos.

Fast?

Suter: Es gab eine Ausnahme, und nicht nur ich habe so empfunden. Aber auch da: Berufsgeheimnis, keine Namen. Natürlich gibt es hin und wieder kleine Reibereien mit diesem oder jenem. Das ist wie in jedem Geschäft. Ich sage den Spielern schon mal die Meinung, wenn sie was herumliegen lassen oder etwas gar unordentlich sind. Umgekehrt pfurren sie manchmal auch mich an, wenn im Training oder im Match was vorgefallen ist und sie bei irgendjemandem Dampf ablassen müssen. Aber das schätze ich an der Männerwelt: Da ist am anderen Tag meistens alles wieder gut, und man lacht darüber. Frauen sind da oft zickiger und vor allem nachtragender.

Gibt es für Sie ein Leben neben dem Fussball?

Suter: Fast nicht, es ist wirklich nicht ganz einfach, aber man sucht sich sein Umfeld schon so aus, dass es passt. Und im Bekanntenkreis weiss man, dass ich oft nicht dann frei habe, wenn alle frei haben. Als ich zum zweiten Mal Gotte wurde, hat man die Taufe nach dem FCL-Spielplan ausrichten müssen. Wobei, wenn es nicht anders gegangen wäre, hätte ich die Taufe dem FCL schon vorgezogen. Mir ist schon bewusst, dass es im Leben noch Wichtigeres gibt als Fussball. Aber nicht viel ... (lacht)

Wie lange arbeiten Sie pro Tag?

Suter: Das ist nicht immer gleich. Am strengsten ist sicher die Zeit jetzt, also vor der neuen Saison. Da bin ich jeweils fast 12 Stunden am Tag in der Swissporarena. Zugegeben, manchmal bin ich wohl ein bisschen «e Dummi», ich müsste mehr delegieren, aber es gibt nun mal Dinge, die ich selber machen muss.

Warum sind Sie «e Dummi»?

Suter: Mir ist es wichtig, dass meine Leute ihre Freitage nehmen können, und es ist mir dann egal, wenn ich selber weniger frei habe. Von aussen gesehen könnte man sagen, ich sei selber schuld, aber für mich stimmt es schon.

Hatten Sie Sommerferien?

Suter: Ja, ich war drei Wochen in England und habe in Bristol eine Schule besucht, um mein Englisch zu verbessern. Perfekt ist es nicht, aber ich habe nun mit Oliver (gemeint ist Oliver Bozanic, der Australier in Diensten des FCL) vereinbart, dass ich mit ihm nur Englisch spreche und er mit mir nur Deutsch. So ist beiden gedient.

Leben Sie in einer Beziehung?

Suter: Nein. Es hat sich irgendwie nicht ergeben. Vermutlich ist es schon so, wie viele und auch ich selber sage: Petra Suter ist mit dem FCL verheiratet.

Ein Haufen Männer – schön, aber trotzdem: Vermissen Sie eine Zweierbeziehung nicht?

Suter: Nein, und ich suche sie auch nicht. Was nicht heissen soll, dass das auf ewige Zeiten so bleiben muss, aber ob es den Mann gibt, der Verständnis hat für das, was ich mache, muss sich weisen.

Einen ständigen Begleiter haben Sie, den Jack-Russell-Terrier Aik. Wie sind Sie auf den Hund gekommen?

Suter: Das war schon immer ein Wunsch. Lange hatte ich Katzen. Aik stammt aus dem Wurf der Hündin einer Tante. Ich habe mich auf Anhieb in ihn verliebt. Das war vor acht Jahren. Seither ist er fast immer an meiner Seite, auch im Stadion. Ex-Präsident Walter Stierli, selber Hundehalter, hat mir erlaubt, dass ich Aik mitnehmen kann, solange er niemanden belästigt.

Hält er sich daran?

Suter: Naja, meistens, ich schaue mit Gitterabsperrungen natürlich schon, dass er sich nicht einfach nach Belieben rumtreibt. Wenn viel Betrieb ist, kann es zwar schon mal sein, dass er bellt, aber es gab schon Trainer, die meinten, das sei das richtige Aufheizmittel für die Spieler. Wenn Aik bellt, muss danach der Trainer weniger bellen. Aber alles in allem ist er sehr brav, sonst ginge das nicht.

Fussball, Hund und ...?

Suter: Eine gute Freundin von mir wohnt am See, und deren Freund hat so ein Stand-up-Paddle. Das habe ich letztes Jahr angefangen – natürlich mit dem Hund auf dem Brett, mit Schwimmweste. Und ich bin hin und wieder mit Rollerblades unterwegs ...

...ich nehme an, mit Hund ...

Suter: ... selbstverständlich. Aber es geht nicht nur um den Hund. Wer einen hat, kommt schnell in Kontakt mit anderen Hündelern. So entstehen gute Bekanntschaften, und keineswegs geht es dabei immer nur um Fussball. Das schätze ich.

Was macht der FCL diese Saison?

Suter: Ich mache nie Prognosen. Ich hoffe einfach, dass es eine Saison wird, die sich gewaschen hat ...

Ein Leben für Blau-Weiss: FCL-Materialwartin Petra Suter (38) und ihr fast ständiger Begleiter, Jack-Russell-Terrier Aik (8). Er bellt die Spieler nur selten an. Vielleicht sollte er das öfter tun. (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ)

Ein Leben für Blau-Weiss: FCL-Materialwartin Petra Suter (38) und ihr fast ständiger Begleiter, Jack-Russell-Terrier Aik (8). Er bellt die Spieler nur selten an. Vielleicht sollte er das öfter tun. (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ)