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GEBURT: «Liegen Sie still!»

Im Gebärsaal herrscht nicht immer eine positive Stimmung: Geburtsgewalt ist ein Tabuthema, das immer mehr ans Tageslicht kommt. Morgen legen betroffene Mütter vor den Spitälern Rosen nieder.
Sarah Coppola-Weber
Gebären ist eine Extremsituation für alle Beteiligten. (Bild: Getty)

Gebären ist eine Extremsituation für alle Beteiligten. (Bild: Getty)

Sarah Coppola-Weber

Die Liste der psychischen und körperlichen Gewaltanwendungen unter der Geburt ist lang. Sie reicht von verbalen Beleidigungen und demütigenden Aussagen («Stellen Sie sich nicht so an! Weinen hilft jetzt auch nichts!») bis zu Drohungen («Wenn Sie nicht mitarbeiten, dann stirbt Ihr Baby!») und Zwängen («Liegen Sie still!»).

Verweigerte Schmerzbekämpfung

Häufig erzählen Betroffene von groben vaginalen Untersuchungen, fragwürdigen medikamentösen Geburtseinleitungen und verweigerter Schmerzbekämpfung. Ihre Bedürfnisse werden ignoriert, sie werden gar angeschrien. Einige werden zu Geburtspositionen gezwungen, die sie nicht möchten, sie bekommen Infusionen und Wehentröpfe gelegt (mit daraus folgender eingeschränkter Bewegungsfreiheit), anderen wird die Fruchtblase manuell geöffnet oder der Muttermund gedehnt, ohne dass diese Massnahmen aus medizinischer Sicht gerechtfertigt wären. Weil sich die Gebärenden in einem Ausnahmezustand befinden, werden sie nicht ernst genommen und ihr «Nein» wird überhört.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO spricht von gravierenden Verletzungen der Menschenrechte in geburtshilflichen Einrichtungen und betont: «Jede Frau hat das Recht auf die bestmöglichsten Gesundheitsstandards, die das Recht auf eine würde- und respektvolle Behandlung beinhalten.» Würde und Respekt geraten hinter geschlossenen Gebärsaaltüren oft in Vergessenheit.

Personalmangel und Zeitdruck

In ihrem Buch «Gewalt unter der Geburt: Der alltägliche Skandal» behauptet die deutsche Soziologin und zweifache Mutter Christina Mundlos, dass fast die Hälfte aller Mütter Geburtsgewalt erlebt. Die Gründe schreibt sie vor allem den medizinisch-technischen Neuerungen zu, die normale, interventionsfreie Geburten kaum mehr ermöglichen, wie sie in einem Interview gegenüber der Elternzeitschrift «Wir Eltern» sagt: «Nur 6 von 100 Frauen gebären heute ohne jeglichen medizinischen Eingriff.» Was vor allem an der Finanzpolitik liege, denn je mehr Interventionen, desto häufiger klingeln die Kassen. Die meisten Gewaltanwendungen entstehen bei Personalmangel und Zeitdruck. «Gewalt unter der Geburt ist eines der letzten Tabus in der westlichen Gesellschaft», lautet Mundlos’ Credo. Man spreche nicht darüber, denn Hauptsache, das Kind sei gesund, die Frau und ihr Befinden stehen überhaupt nicht im Fokus. Auf der deutschen Webseite «Gerechte Geburt» werden Betroffene aufgefordert, über das Erlebte zu reden. Zur Vorbeugung, Verhinderung und Verarbeitung von Gewaltanwendungen in der Geburtshilfe.

Übertreibung und Missverständnis?

Übertreiben Gebärende bei den Grenzüberschreitungen, während sie eine der wichtigsten Grenzerfahrungen ihres Lebens machen? Sind sie heute nicht mehr bereit, etwas auszuhalten? Haben sie falsche Erwartungen? Und handelt es sich bei ihren Erfahrungen gar um Missverständnisse? Wenn ein Frau sich in ihrer Intimsphäre verletzt fühlt, nach der Geburt mit jahrelangen Folgeschäden kämpft und in ein Loch fällt, kann es sich wohl kaum um ein Missverständnis handeln.

Für betroffene Mütter besteht ein Hoffnungsschimmer: Durch ihre weltweite Vernetzung ist vor fünf Jahren der Aktionstag «Roses Revolution», just am Tag gegen die Gewalt an Frauen, ins Leben gerufen worden. Damit machen die Mütter auf die Missstände aufmerksam und können ihr Schicksal verarbeiten. Und mit diesem traurigen Kapitel, das eigentlich einer der glücklichsten Momente ihres Lebens hätte sein sollen, Frieden schliessen.

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