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GEDENKTAG: Im Auftrag der Menschlichkeit

Im frühen 17. Jahrhundert trat der Theologe Johann Matthäus Meyfart (1590–1642) als mutiger Zeitkritiker in Erscheinung. Er spielte vor allem als Kämpfer gegen die Hexenverfolgung eine wichtige Rolle.
Andreas Faessler
Johann Matthäus Meyfart (1590–1642). (Bild:)

Johann Matthäus Meyfart (1590–1642). (Bild:)

Andreas Faessler

andreas.faessler@zugerzeitung.ch

Die evangelische Kirche gedenkt am heutigen Tag eines Mannes, der vor gut 400 Jahren als besonders couragierter, fortschrittlicher Kämpfer aufgetreten ist – in einem der dunkelsten Kapitel der Geschichte: Der thüringische Theologe Johann Matthäus Meyfart (1590–1642) war einer der wenigen Exponenten, die ihre Stimme gegen Missstände in kirchlichen und fürstlichen Kreisen und vor allem gegen die grassierende Hexenverfolgung erhoben, ohne aus Furcht vor der Obrigkeit anonym oder verdeckt zu agieren. 1590 in Jena geboren, studierte Meyfart erst Kunst und später Theologie. Am renommierten Casimirianum in Coburg erhielt Meyfart eine Stelle als Lehrer und avancierte schliesslich zum Leiter des Instituts. 1624 erlangte er den Doktortitel als Theologe. Die Stadt Coburg war ein gesellschaftlich-kultureller Brennpunkt, insofern als die Stadt an der Schwelle des katholischen Süd- und des protestantischen Norddeutschland lag. Die Auswirkungen des Dreissigjährige Krieges sowie persönliche zwischenmenschliche Erfahrungen prägten Leben und Gesinnung Meyfarts. Er verfasste kritische Schriften zur Praxis an Schulen und in der Kirche, liess dabei kein gutes Haar an der Geistlichkeit und zeigte auch unverblümt die Missstände in Religions- und Kulturpolitik auf. Mit seinem Vorgesetzten, dem Coburger Generalsuperintendent Caspar Fink, geriet er deswegen in den Clinch.

Besonders energisch aber kritisierte Meyfart die grausame Hexenverfolgung, die in der Stadt unter Herzog Johann Casimir von Sachsen-Coburg ihren schaurigen Höhepunkt erreichte. Meyfart sah in den Folterungen und Hinrichtungen unschuldiger Menschen, wovon er selbst wiederholt mit Entsetzen Zeuge geworden war, einen eklatanten Verstoss gegen die Menschlichkeit und die geordnete Gerichtspraxis. Aus diesem Motiv heraus verfasste Meyfart in Coburg seine Schrift Christliche Erinnerung, An Gewaltige Regenten und Gewissenhafte Praedicanten, wie das abschewliche Laster der Hexerey mit Ernst auszurotten, aber in Verfolgung desselbigen auff Cantzeln und in Gerichtshaeusern sehr bescheidentlich zu handeln sey. Er schloss demnach die Existenz von Hexerei zwar nicht aus – er bezeichnete sie selbst als abscheuliches Verbrechen –, prangerte jedoch die in seinen Augen willkürlichen Prozessverläufe an und forderte von der Obrigkeit Mässigung und Umkehr. Er verurteilte mit scharfen Worten die gängige Denunziation vermeintlicher Hexen und die verhängnisvolle Vorverurteilung durch Rufmord – er pochte auf die Würde des Menschen. Meyfarts Schriften lassen auf viel Empathie und Mitgefühl schliessen, so betrachtete er die grausamen Qualen aus den Augen der Opfer und plädierte für eine Priorisierung der Unschuldsvermutung, sofern das Verbrechen nicht vollumfänglich bewiesen ist. Er bemängelte, dass weder Anschuldigungen noch die Aussagen der Angeklagten geprüft würden. Besonders energisch stellte sich Meyfart gegen die Folter, welche seiner Auffassung nach aus dem Grunde so verwerflich ist, weil sie weder mit dem Alten noch mit dem Neuen Testament vereinbar sei.

Dem «Eyfer» des Pöbels nicht Herr geworden

In seiner Brandschrift geht Meyfart mit der weltlichen und der geistlichen Obrigkeit hart ins Gericht, wirft ihnen mit klaren Worten die Unfähigkeit vor, dem «Eyfer» des Pöbels Herr zu werden, und mahnt sie geradezu drohend zur Verantwortung vor Gott dem Allmächtigen.

Dieses brisante, in Coburg entstandene Schriftwerk konnte Meyfart wegen der Zensur erst um 1635 nach seiner Umsiedlung nach Erfurt durch den Verleger Johann Birckner veröffentlichen, sich wohlbewusst, dass er sogleich von vielen Seiten angefeindet würde. Fast 70 Jahre lang blieb es bei der Erstpublikation, da kein weiterer Verlag den Mut aufbrachte, Meyfarts Schrift zu verantworten. Erst mit dem Abklingen des Hexenwahns in Deutschland wurde eine weitere Auflage gedruckt.

Meyfart lebte bis zu seinem Tod in Erfurt und wirkte da als Theologieprofessor, Universitätsleiter und geistliches Oberhaupt der Region. Am 26. Januar 1642 erlag er einer chronischen Erkrankung.

Ein mutiger, fortschrittlicher Zeitkritiker

Johann Matthäus Meyfart wird heute von Historikern als mutiger Zeitkritiker gesehen, der angesichts der damaligen Umstände auf sehr fortschrittliche und reflektierte Weise geistliche, politische und behördliche Praxis öffentlich in Frage stellte und konstruktive Lösungsvorschläge auflistete. Meyfart hatte erkannt, dass es im Rechtswesen dringend Veränderungen braucht, um Unrecht gegenüber Unschuldigen zu verhindern.

Seine Mahnschrift respektive deren Botschaft hat in mancherlei Hinsicht noch heute dieselbe Brisanz wie damals, wenn es um die Wahrung der Rechte und die Würde des Menschen geht.

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