Gefängnis für Dopingsünder gefordert

Wer sich dopt, braucht die Justiz nicht zu fürchten. Nur die Dealer werden strafrechtlich belangt. Das soll sich ändern, schlagen Rechtsexperten dem Bund vor.

Kari Kälin
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Zivile Fahnder entdecken während einer Kontrolle bei einem Velorennen in Madrid 2006 gefrorene Blutkonserven. (Bild: Keystone)

Zivile Fahnder entdecken während einer Kontrolle bei einem Velorennen in Madrid 2006 gefrorene Blutkonserven. (Bild: Keystone)

Der Spruch löste Heiterkeit aus. «Dann müssten wir wohl den Metzger ins Gefängnis stecken», sagte Rolf Büttiker (FDP, Solothurn) während der Wintersession 2010, als der Ständerat über das Sportförderungsgesetz debattierte. Konkret ging es um die Frage, ob neben den Dopinghändlern und -ärzten auch die Sportler, welche die unerlaubten Substanzen konsumieren, von Staates wegen verfolgt werden sollten.

Büttiker, Präsident des Schweizer Fleischfachverbandes, verwies auf Alberto Contador. Der spanische Radprofi machte als Ausrede für eine positive Dopingprobe verseuchtes spanisches Rindfleisch verantwortlich. Mit seinem Antrag, auch die dopenden Sportler dem Strafrecht zu unterstellen, scheiterte Büttiker aber. Die Kleine Kammer lehnte seinen Antrag mit 25 zu 15 Stimmen ab. Mehr als ein paar Lacher lagen für den obersten Schweizer Metzger nicht drin.

Bis zu drei Jahre Haft

Nun schöpft Büttiker, unterdessen nicht mehr im Ständerat, neuen Mut, dass sein Anliegen doch wieder Auftrieb erhält. Der Grund liegt im «Gutachten Sportbetrug und Good Governance», das die Sportrechtsexperten Marco Balmelli und Damian Heller vom Basel Institute on Governance im Auftrag des Bundesamtes für Sport (Baspo) erstellt haben. Im 57-seitigen Dokument, welches das Baspo diese Woche online gestellt hat, schlagen die Autoren vor: Das Strafrecht soll nicht nur Dopinghändler und -ärzte erfassen, sondern auch Sportler, die sich dopen. Auch wer gesetzlich verbotene Mittel zur Steigerung der körperlichen Leistungsfähigkeit im Sport einsetze, soll mit einer Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren oder einer Geldstrafe sanktioniert werden.

Heute werden Dopingsünder in der Schweiz von der Disziplinarkammer für Dopingfälle, die dem Sportdachverband Swiss Olympic angegliedert ist, lediglich mit Sperren und Bussen bestraft (siehe Kasten). Die Sanktionen sind privatrechtlicher Natur. Vom Staat haben die Schummelathleten nichts zu befürchten. Dies hat das Parlament erst kürzlich so beschlossen.

Sport als zu schützendes Rechtsgut

Die Sportjuristen Balmelli und Heller wollen dies nun ändern. «Der Sportler manipuliert den fairen Wettkampf mit der Einnahme von Doping in qualifizierter Weise», schreiben sie. Balmelli und Heller betrachten den Sport als «eigenes schützendes Rechtsgut». Mit Blick auf den fairen Wettbewerb erscheine es inkonsequent, den dopenden Sportler von der Strafbestimmung auszuklammern. Mit anderen Worten: Wie beim Drogenmissbrauch sollen der Dealer und der Konsument bestraft werden.

Findet der Vorschlag Balmelli/Heller Eingang ins Strafgesetzbuch, müssten sich künftig Schummler vor der Justiz verantworten. Sportler, die zum Beispiel wie die Radfahrer Alex Zülle, Oscar Camenzind oder die Triathletin Brigitte McMahon zu Doping griffen, kämen nicht mehr «nur» mit einer Sperre davon.

Darauf zählt alt Ständerat Rolf Büttiker, der während Jahren mit zahlreichen Vorstössen – vergebens – für dieses Anliegen gekämpft hat. «Ich bin zuversichtlich, dass bei Baspo, Bundesrat und Parlament ein Umdenken stattfindet. Gegen den Dopingsumpf hilft nur das Strafrecht.»

Ueli Mauer: «Sperre ist Höchststrafe»

«Wir verschliessen uns dieser Diskussion nicht», sagt Baspo-Sprecher Christoph Lauener. Es bestehe jedoch kein dringender Druck, etwas zu ändern, da die Dopingkontrolle und -sanktionierung funktioniere. Diese Meinung teilt Sportminister Ueli Maurer. «Für einen Sportler ist die Höchststrafe, dass man ihm seinen Sport verbietet. Hier stellen wir fest: Das funktioniert», sagte der SVP-Bundesrat in der Ständeratsdebatte.

Matthias Kamber, Direktor der Stiftung Antidoping Schweiz, begrüsst es, dass diese Diskussion neu geführt wird. «Ein entsprechender Straftatbestand könnte den Druck auf die Doper erhöhen», sagt er. Man müsse aber abwarten, was ein solche Straftatbestand genau bedeuten würde. Wenn zum Beispiel ein Doper mit ein paar hundert Franken gebüsst werde und gleichzeitig eine zweijährige Sperre von privatrechtlicher Seite kassiere, könnte das Dopingvergehen wegen der geringen strafrechtlichen Konsequenzen als Bagatelldelikt erscheinen.

Der Berner FDP-Nationalrat Christian Wasserfallen, Präsident der zuständigen Kommission für Wissenschaft, Bildung und Kultur, lehnt einen neuen Straftatbestand zum Doping unmissverständlich ab. «Wichtig ist, dass die Sportler gesperrt werden», sagt er. Zudem gebe es Abgrenzungsprobleme. So fragt sich Wasserfallen, weshalb zum Beispiel ein Sportler, der ein Hustenmittel einnimmt, das auf der Dopingliste figuriert, ein Verfahren zu befürchten haben soll und eine Privatperson nicht.

Verhaftungswelle am Engadiner?

Derweil stellt sich die Frage, für welche Sportler der Straftatbestand Dopinggebrauch überhaupt gelten soll. Gemäss dem Vorschlag im Gutachten wären nicht nur Profi-, sondern auch Hobbysportler betroffen. Das heisst: Wer sich zum Beispiel für den Engadiner Skimarathon mit EPO dopt, um Rang 753 anstatt 965 zu erlaufen, geriete potenziell in die Mühlen der Justiz. Das Interesse der Öffentlichkeit an der Strafverfolgung eines solchen Langläufers dürfte jedoch gering sein. Mit andern Worten: Es ist kaum damit zu rechnen, dass im Ziel des Engadiners dereinst massenweise Hobbysportler kriminalisiert werden.