«Gegen manche Dinge sind wir machtlos»

Seit Vorwürfe gegen die Erhebungsmethode der «offiziellen Schweizer Hitparade» laut wurden, sind die Wettbewerbshüter aktiv. Ulrike Altig von Media Control, die für die Daten zuständig ist, nimmt Stellung

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Baschi schaffte es von null auf Platz 1 in der Hitparade - lief da alles korrekt ab? Ja, sagt Media Control. (Bild: Imago)

Baschi schaffte es von null auf Platz 1 in der Hitparade - lief da alles korrekt ab? Ja, sagt Media Control. (Bild: Imago)

Interview: Bänz Friedli

NZZ am Sonntag: Frau Altig, warum sind Dauerbrenner wie Mani Matter oder «Chömed Chinde, mir wänd singe» nicht permanent in der Hitparade?

Ulrike Altig: Die Charts sollen ein Barometer für die aktuelle Entwicklung sein. Sie zeigen Trends der Wochenverkäufe auf. Dafür gibt es ein Reglement.

Warum bleibt dieses Reglement in der Schweiz – anders als in den meisten Ländern – geheim?

Unser Marktforschungsinstitut Media Control ermittelt in zehn Ländern die Musikcharts, und jedes Land hat eigene Regeln. Uns ist Transparenz wichtig. Aber je mehr Informationen zum Reglement bekannt sind, umso grösser können die Manipulationsmöglichkeiten sein.

Die grossen Plattenfirmen, die das Reglement erstellen, ändern es nach Bedarf: Als Michael Jackson 2009 starb, wurde der Passus, wonach nur drei Titel eines Künstlers in den Charts sein dürfen, aufgehoben, damit Sony zehn Jackson-Singles placieren konnte.

Aussergewöhnliche Ereignisse verlangen schnelle und oft ungewöhnliche Handlungen. Michael Jackson wäre, wenn nicht eingegriffen worden wäre, in der Schweiz als einzigem Land nur mit drei Titeln vertreten gewesen. Der Welt hätte man das nicht erklären können.

Es würde der Glaubwürdigkeit der Charts dienen, wenn eine solche Änderung nicht im Geheimen geschähe.

Jedes Land handhabt das unterschiedlich. Ich kann mir gut vorstellen, dass das Reglement in der Schweiz über kurz oder lang veröffentlicht wird.

Wie verlässlich ist die «offizielle Schweizer Hitparade»?

Die ist sehr verlässlich. Media Control ermittelt in der Schweiz seit 1983 die Charts. Seither ist das System ständig verbessert worden. Heute verfügen wir über ein elektronisches Datenermittlungssystem. Die Ermittlung basiert auf drei Säulen: physischer Verkauf, E-Commerce und Download. Die Verkäufe werden direkt nach Kassenabschluss aus der Händlerkasse zu Media Control geschickt.

Aber nicht alle Verkäufe: Gemäss unseren Recherchen macht Marktleader Ex Libris mit seinen 120 Filialen keine genauen Angaben, sondern nur eine wöchentliche Meldung.

Jeder teilnehmende Händler bei Media Control muss seine Daten online melden. Natürlich gibt es durch die unterschiedlichen Kassensysteme unterschiedliche Datenlieferungen. Aber wir können bei allen gemeldeten Daten genügend Fakten eruieren und darum hinter den Auswertungen stehen. Somit decken wir heute 74 Prozent des Marktes ab. Das ist mehr als ausreichend für eine repräsentative Liste. Bei den Downloads erfassen wir sogar 98 Prozent.

Wie stellen Sie sicher, dass die gemeldeten Daten stimmen?

Wir nehmen spezifische Kontrollen vor. Auffälligkeiten werden sofort überprüft. Unser «Fraud Detection System» wurde von der Uni Heidelberg entwickelt. Es analysiert, wann, wo und wie ein Titel verkauft wurde. Lässt eine zeitliche oder örtliche Anhäufung einen Manipulationsversuch vermuten, blinkt ein rotes Lämpchen.

Sie merken, wenn ein Musiker in einem bestimmten Laden 200 Stück seiner eigenen CD kauft?

O ja! Und diese 200 Stück werden dann aus der Zählung eliminiert, der Künstler kommt auf eine interne Watchlist und wird auf weitere Auffälligkeiten durchleuchtet.

Was, wenn einer das System austrickst, wie es die Schweizer Band Steamtrain 1994 getan hat? Der Sänger – es handelte sich um einen Mitarbeiter von Sony – kannte die geheime Liste der erhobenen Verkaufsstellen, tingelte durch die Schweiz und kaufte überall kleinere Stückzahlen seiner CD.

Damals, das war im Jahr 1994, gab es den Fragebogen. Heute wird jeder einzelne Verkaufsvorgang direkt zu Media Control nach Baden-Baden gemeldet. Somit erkennt unser Kontrollsystem die sogenannten Wanderwege. Wir haben die Distanz beispielsweise zwischen einem Laden in Zürich und einem in Bern hinterlegt und können so die Fahrzeit errechnen. Wenn jemand eine solche Einkaufstour unternimmt, fällt es auf. Aus diesem Grund würde Steamtrain heute auffliegen.

Dafür gibt es andere Tricks: Ein Händler, der nicht direkt ab Kasse meldet, gibt nicht die tatsächlich verkauften, sondern diejenigen CD an, die er von der Plattenfirma zu günstigen Konditionen an Lager genommen hat und in der Folgewoche verkaufen will – wenn sie dann in den Charts sind.

Ich weiss nicht, wie Sie auf so etwas kommen. Das ist eine schwerwiegende und unhaltbare Unterstellung an die Adresse der Händler, die wir so in keinster Weise akzeptieren können. Dafür gibt es nach unserem heutigen Kenntnisstand keine Belege.

Wenn das neuste Album – zum Beispiel von Baschi – von null auf Rang eins der Charts schiesst: Sind Sie dann sicher, dass eine ranglistenrelevante Discountkette Ihnen die Verkäufe der Meldewoche gemeldet hat – oder nicht eher den Lagerbestand?

Ja, denn wir erkennen, wenn Dinge am Ladentisch vorbei an uns gemeldet werden. Wir vergleichen die verschiedenen Händler natürlich auch untereinander. Aber natürlich wird es immer Versuche geben, unser System zu knacken. Unsere Aufgabe ist es, solche kriminellen Handlungen schonungslos aufzudecken.

Der Leiter Ihrer Zürcher Niederlassung, Andy Renggli, ist Schlagzeuger der Band Tinkabelle und mit deren Sängerin liiert. Er wollte uns nicht erläutern, ob er in den Ausstand getreten sei, als die eigene CD auf Rang zwei der Charts landete. Ging da alles mit rechten Dingen zu?

Herr Renggli hat mit dem Auswertungsprozess der Charts in der Schweiz nichts zu tun. Tinkabelle durchlief das gleiche Verfahren wie alle anderen Titel auch, es wurden keine Auffälligkeiten festgestellt. Ich kann Ihnen hundertprozentig versichern, dass keine Beeinflussung stattgefunden hat.

Viele kleine Fachhändler machen bei der Charts-Ermittlung nicht mit. Wie gehen Sie damit um?

Grundsätzlich sind wir mit unserer repräsentativen Stichprobe von 74 Prozent mehr als zufrieden. Natürlich freuen wir uns über jeden neuen teilnehmenden Händler.

Als jedoch Ex Libris 2002 die Charts boykottierte, war das sofort ablesbar.

Ex Libris war ein Einzelfall, der neun Jahre zurückliegt. Aber natürlich kann so etwas passieren. Was wäre denn die Alternative? Die Charts für eine Woche ausfallen zu lassen? Nein, wir sind nicht erpressbar.

Diese Hitparade spiegelte den Markt überhaupt nicht mehr.

Sie spiegelte den Markt wider, den wir in dieser Ausnahmephase abdecken konnten. Gegen manche Dinge sind wir machtlos.

Die Plattenfirmen haben subtile Methoden der Einflussnahme: Sie laden Journalisten in Fünf-Sterne-Hotels nach Los Angeles ein, bezahlen einer Handelskette Inserate, gewähren ihr horrende Mengenrabatte, kaufen sich die beste Placierung im Laden und so weiter. All dies entzieht sich Ihrer Kontrolle.

Wir leben in einer freien Marktwirtschaft, und jedes Unternehmen darf im Rahmen der gesetzlichen Möglichkeiten Marketing für seine Produkte machen. Selbstverständlich beobachten wir alle Facetten der Vermarktung, auch die, die wir nicht bewerten. Der springende Punkt für die Charts ist, dass ein Song freiwillig gekauft wurde. Wenn das nicht der Fall ist, schreiten wir ein.

Ulrike Altig

Als Geschäftsführerin der Media Control GfK International ist sie verantwortlich für die Erhebung der Hitparade.

Befragung durch Weko läuft

Was bisher geschah

Wird im Schweizer Musikbusiness gemauschelt? Anfang April hat die Wettbewerbskommission (Weko) eine Voruntersuchung eingeleitet. Der Verdacht: Die grossen Plattenfirmen, organisiert im Branchenverband Ifpi, verstiessen gegen das Kartellgesetz, indem sie etwa die Hitparade beeinflussten. Diese wird von Media Control im Auftrag der Ifpi erstellt.

In ihrer Anzeige werfen die Betreiber der Musikplattform iMusician Digital der Ifpi des Weiteren vor, sie verhindere Parallelimporte von CD und reguliere kartellähnlich, was die Radios zu spielen, worüber Medien zu berichten, was die Kunden zu kaufen hätten. Nach Artikeln in der «NZZ am Sonntag» vom 10. und 17. April forderten über 1300 Personen den Radiosender DRS 3 mittels Petition auf, die Ausstrahlung der Schweizer Hitparade auszusetzen, bis die Vorwürfe geklärt seien. Schweizer Radio und Fernsehen verlangten daraufhin die Offenlegung des Chartsreglements. Wie diese Woche bekanntwurde, entscheidet die Weko nach Abschluss ihrer Befragungen im Frühherbst, ob sie ein formelles Verfahren eröffnen wird. Bänz Friedli