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GENUSS: Glace-Mythen eiskalt erwischt

Hat die «Eiserne Lady» das Softeis erfunden? Schadet Glace den Zähnen, und macht sie Bauchweh? Alles Quatsch! Diesen und anderen Irrtümern gehen wir hier auf den eisigen Grund.
Christian Satorius
Nichts für Asketen: Erdbeerglace, Rahm, fruchtiges Sösschen und Smarties obendrauf. Bon appétit! (Bild: Getty)

Nichts für Asketen: Erdbeerglace, Rahm, fruchtiges Sösschen und Smarties obendrauf. Bon appétit! (Bild: Getty)

christian satorius

Margaret Thatcher hat das Softeis erfunden

«Margaret Thatcher hat das Softeis erfunden», geistert es durch das Internet. Das stimmt allerdings nicht. Wahr ist, dass die spätere britische Premierministerin als studierte Chemikerin 1949 bei einer Londoner Caféhauskette beschäftigt war, wo sie mit ihrem Team «die Qualität der Keksfüllungen und auch die der Eiscreme testen sollte», weiss ihr Biograf Hugo Young. «Es existiert aber keinerlei Beweis, dass sie an der Erfindung von Softeis mitgearbeitet hat», präzisiert die Royal Society in London. Das ist auch schlecht möglich, denn das Softeis als solches kannten die Amerikaner damals schon seit mindestens zehn Jahren. Tom Carvel verkaufte es zu diesem Zeitpunkt längst in New York, während J. F. McCullough und sein Sohn Alex McCullough ihr eigenes Softeis derweil in Moline, Illinois, servierten. Somit kann natürlich auch der in Grossbritannien weit verbreitete Entstehungsmythos nicht stimmen und dürfte wohl eher aus politischen Gründen in die Welt gesetzt worden sein: Demnach habe Margaret Thatcher das Softeis nur erfunden, um durch den Zusatz von Luft die Profite steigern zu können.

In jeder Glace befindet sich Tapetenkleister

Dass richtiger Tapetenkleister in der Glace ist, ist selbstverständlich Quatsch. Es werden für die Speiseeisherstellung aber sehr wohl spezielle Methylcellu­losen verwendet, die durchaus auch in anderen Produkten enthalten sind, und zwar nicht nur ausschliesslich im Lebensmittelbereich. Carboxymethylcellulose wird nicht nur als Bindemittel in Waschmitteln oder eben auch in Tapetenkleister eingesetzt, es ist in der EU auch als Lebensmittelzusatzstoff zugelassen. Als E 466 findet sich Carboxymethylcellulose im Speiseeis, aber eben auch in vielen anderen Produkten wie Mayonnaisen, Saucen, Fruchtzubereitungen und Backwaren.

Speiseglace mit Rindfleisch-, Pilz- oder Käsegeschmack ist ein Mythos

Nein, ist sie nicht. Glace-Kreateure werden in dieser Hinsicht immer einfallsreicher. Glace mit Sardinen-, Pilz-, Käse-, Avocado- oder sogar Rindfleischgeschmack gibt es beispielsweise im Eiscafé Coromato in Mérida, Venezuela. Der Schöpfer der ungewöhnlichen Kreationen, Manuel da Silva Oliveira, hat es mit seinen insgesamt 860 verschiedenen Glacesorten sogar in das Guinnessbuch der Weltrekorde geschafft. Er gibt allerdings zu: «Die Rindfleisch- und Käsesorten sind die Ladenhüter.» In der Schweiz entwickelte die Migrostochter Micarna in Bazenheid SG im vergangenen Jahr eine Poulet-Glace, und zwar in den Geschmacksrichtungen Curry-Ananas, Estragon oder Caramel. Vorgestellt wurde diese Glace im Oktober letzten Jahres an der Ernährungsmesse Anuga in Köln, wo sie vor allem die Vertreter der Spitzen- und Szenegastronomie begeisterte. Die Glace enthält zu 19 Prozent fein püriertes Pouletfleisch und sei somit eine ideale proteinreiche Vorspeise, wie Roland Pfister, Kommunikationsleiter bei Micarna, festhält. Zudem eigne sich Poulet-Glace gut für Apéros. Ja, es gibt sogar frittierte Speise­glace, die in manchen Restaurants in Asien, aber auch in den USA als Spezialität angeboten wird. Dafür wird eine Glacekugel paniert und dann kurz in heisses Frittierfett gegeben. Das Ergebnis ist aussen heiss und knusprig und innen erfrischend kühl.

«Gehirnfrost»: Wer Glace zu schnell isst, dem friert vorüber­gehend das Gehirn ein

«Gehirnfrost» ist ein schönes Wort. Bezeichnen soll es den Kopfschmerz, den manche Menschen bekommen, wenn sie zu viel Glace zu schnell essen. Dass dabei nun aber gleich das Gehirn einfriert, wie es immer wieder zu hören ist, stimmt natürlich nicht. Nein, auch nicht vorübergehend, ganz sicher, versprochen! Wie die Schmerzen im Detail entstehen, war lange Zeit ungeklärt. Der Neurologe Jorge Serrador von der Harvard Medical School in Boston, Massachusetts, will mit seinem Team eine Antwort gefunden haben: «Beim sogenannten ‹Brain-Freeze› gelangt ungewöhnlich viel Blut in das Gehirn und sorgt dort für einen erhöhten Druck, der diese Kältekopfschmerzen bewirkt.» Serrador geht davon aus, dass es sich hierbei um einen Schutzmechanismus des Körpers handelt, der mit einem erhöhten Durchfluss warmen Blutes verhindern will, dass das Gehirn zu sehr abkühlt. Serradors nicht unumstrittenen Untersuchungen nach sollen Migränepatienten besonders anfällig für diese Art des Kälteschmerzes sein.

Zahnschmerzen: Glace ist schlecht für die Zähne

Manch einen durchzuckt ein stechender Schmerz, sobald Eiscreme die Zähne berührt. Ist Glace also schlecht für die Zähne? Wenn Kaltes oder Heisses, Süsses oder Saures schmerzt, hat das vielmehr mit den Zähnen zu tun als mit den Speisen, die man zu sich nimmt. Die Zähne müssen noch nicht einmal von Karies zerfressen sein, es reicht schon vollkommen aus, wenn sich das Zahnfleisch zurückgezogen hat oder aber der Zahnschmelz an einigen Stellen fehlt. Dann liegen die empfindlichen Zahnhälse frei – und mit ihnen die mikroskopisch kleinen Kanäle, die das Zahnbein durchziehen. «Der Zahnarzt kann die empfindlichen Stellen mit einem speziellen Lack versiegeln», wissen Experten. Allerdings ist in der Glace auch noch jede Menge Zucker enthalten, und den mögen die Zahnärzte nicht so gerne, kann er doch die Zähne auf Dauer schwer schädigen. Dennoch: Zucker ist auch in anderen Lebensmitteln enthalten, und wie bei anderen Dingen auch, kommt es hier ganz einfach auf das richtige Mass an – und die entsprechende Zahnpflege. Im direkten Vergleich mit anderen zuckerhaltigen Leckereien wie Bonbons oder Kaugummi verbleibt die Glace nur relativ kurze Zeit im Mund, bevor sie runtergeschluckt wird, und hat dementsprechend viel weniger Gelegenheit, den Zähnen zu schaden. Ob das allerdings einen Zahnarzt überzeugt, bleibe dahingestellt.

Glace macht dick

Das kann man so pauschal nun auch wieder nicht sagen. Es kommt vielmehr darauf an, was drin ist in der Glace, und selbstverständlich auch auf die Menge, die man zu sich nimmt. Die ganz grosse Kalorienbombe mit extra viel Schlagsahne oben drauf und jeder Menge Zuckerstreusel ist natürlich nicht ganz ohne, klar. Dennoch darf man auch hier beherzt zugreifen, sagen zumindest einige Ernährungsexperten, solange man das nicht allzu oft macht und unterm Strich auf die Ausgewogenheit der gesamten Ernährung achtet. Und aufgepasst: Manche Glacesorten enthalten beispielsweise viel weniger Fett als andere. «Sahneeis» hat in Deutschland typischerweise einen Milchfettanteil von mindestens 18 Prozent, «Eiscreme» einen Milchfettanteil von mindestens 10 Prozent, und «Wassereis» enthält lediglich maximal 3 Prozent Fett. Die Schweizer «Doppelrahmglace» kann mit mindestens 12 Prozent Milchfettgehalt aufwarten, «Rahmglace» mit 6 Prozent und «Milchglace» mit bescheidenen 3 Prozent Milchfett. Die «Obereiscreme» in Österreich kommt gut und gerne mit mindestens 15 Prozent Milchfett daher, wohingegen «Cremeeis» sich auch schon mal mit 10 Prozent Milchfett begnügt und «Vollmilcheis» sogar nur mit 2,1 Prozent. Der Zuckergehalt steht natürlich wieder auf einem ganz anderen Blatt. Wasserglace kommt so auch schon mal auf etwa 90 Kilokalorien pro 100 Gramm. Die dicke, fette Kalorienbombe mit reichlich Schokoglasur obendrauf kann es mit 300 Kilokalorien und mehr pro 100 Gramm Glace natürlich noch besser. Aber: Wer isst schon Glace, um abzunehmen?

Glace macht Bauchweh

Das ist natürlich nur ein Trick von Mama und Papa oder von Grossmutter und Grossvater, um den Sprösslingen die Glace auszureden, weil es vielleicht gleich noch was Gesundes zum Nachtessen gibt. Mediziner können da jedenfalls keinen Zusammenhang feststellen. Geahnt haben wir das doch schon immer, oder?

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