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GENUSS: Was Wein-Etiketten alles verraten

Die Etikette ist die Visitenkarte eines Weines. Wenn man sie richtig lesen kann, sagt sie oft mehr aus, als explizit draufsteht.
Hugo Berchtold
Etiketten-Wechsel und neuer Name bei den Weinen von Toni Ottiger aus Kastanienbaum: vom Rosenauer zum Ottiger-O. (Bild: PD)

Etiketten-Wechsel und neuer Name bei den Weinen von Toni Ottiger aus Kastanienbaum: vom Rosenauer zum Ottiger-O. (Bild: PD)

An sich ist die Bezeichnung Etiketten-Trinker unter Weinliebhabern ein Schimpfwort: Es bezeichnet Leute, die Wein lediglich aufgrund der Etiketten auswählen. Dieser Weg ist freilich nicht in jedem Fall falsch und wird oft auch von Profis gewählt, die dabei aber – wie vielleicht Laien – nicht nur aufs ansprechende Bild achten.

Wenn ich auf Reisen bin, suche ich bevorzugt mir unbekannte Kredenzen. Wenn ich dann vor einem Sortiment mit mehreren hundert Flaschen stehe, spielt neben dem Preis die Etikette tatsächlich eine entscheidende Rolle. Ich lag meist – nicht immer – richtig: Bei Nichtgefallen der Etikette schmeckt mir auch der Wein nicht. Irgendwie weist die Gestaltung der Etikette auf die Philosophie des Produzenten und damit auf den Flascheninhalt hin. Die Etikette ist so etwas wie die Visitenkarte des Weines, besser gesagt des Produzenten.

Aufs Wesentliche reduziert

Nicht zuletzt aus diesem Grund hat der bekannteste Innerschweizer Weinproduzent die Etiketten seiner Weine radikal neu gestaltet: Ab sofort präsentieren sich die Flaschen aus Toni Ottigers reichhaltiger Weinproduktion mit einer schlichten Etikette, die vom «O» seines Namens dominiert wird. «Meine Weine sollen auch optisch aus der Masse herausragen, und es soll den Wiedererkennungseffekt erhöhen», erklärt Ottiger.

Die Reduktion auf das Wesentliche entspreche der Devise seiner Arbeit und jener seines Teams im Weinberg wie im Keller. Besonderen Wert legt Ottiger auch auf den Inhalt der sogenannten Contre-Etikette auf der Rückseite der Flasche: «Hier erhält man möglichst viele zusätzliche Informationen über den Weinstil, die dazu passenden Speisen oder auch die Lagerfähigkeit», erklärt Ottiger. Der Winzer aus Kastanienbaum nutzt damit eine Möglichkeit, die allzu oft vergeben wird. Davon später.

Andere Länder, andere Vorschriften

Das Lesen einer Etikette wird dem Weinliebhaber oft nicht leicht gemacht: Die gesetzlichen Vorschriften sind je nach Land und Weinregion verschieden, und sie werden auch mehr oder weniger streng kontrolliert.

So steht bei deutschen und österreichischen Weinen sowie Kredenzen aus Übersee die Rebsorte meist prominent vorne auf der Etikette. In der Schweiz werden die Rebsorten zwar immer öfter angegeben, doch bei den mengenmässig grössten Weinen sucht man den Hinweis vergebens: Nicht allen Weintrinkern ist bewusst, dass die Fendants und Grands Crus aus der Waadt aus der gleichen Sorte (Chasselas) gekeltert werden und dass ein Dôle eine Cuvée aus Pinot noir und Gamay ist.

Bei Qualitätsweinen aus Frankreich, Italien und Spanien fehlt die Rebsorte meist (oder sie befindet sich im Kleingedruckten auf der Rückseite). In diesen Ländern zählen an erster Stelle die Lage und der Produzent. Bordeaux werden nicht als Cuvées von Merlot und Cabernet Sauvignons und die Burgunder nicht als Pinot noir vermarktet, sondern unter ihren klingenden Namen von Appellationen, Crus, Lagen oder Châteaux.

Klingende Namen können täuschen

Wer wissen möchte, ob er es mit dem Wein eines Guts oder dem Produkt eines Massenabfüllers zu tun hat, sucht nach dem Abfüller. Wird auf den Erzeuger hingewiesen, handelt es sich meist um ein Einzelprodukt. Steht da eine Nummer, eine Handelsgesellschaft oder «abgefüllt für», deutet dies auf grössere Quantitäten hin. Allerdings: Gut sein kann beides.

Eine Lagenbezeichnung kann eine Marketingmassnahme sein oder aber auf einen bedeutenden Weinberg verweisen. Da muss man sich gut auskennen, besonders etwa bei Weinen aus dem Burgund. Da sind klingende Namen bekannter Lagen oder Abbildungen von imposanten Châteaux keine eindeutige Qualitätsgarantie: Der Pinot noir ist eine kapriziöse Rebsorte, die sensibel auf Terroir und Vinifikation reagiert. Da kommt es vor allem auf den einzelnen Produzenten an.

Alkoholgehalt und Jahrgang

Der Alkoholgehalt gibt einen Hinweis, ob es sich um einen leichten (bis zirka 12,5 Prozent) oder eher schweren Wein handelt. Dieser ist ein Naturprodukt, das jedes Jahr je nach Wetter ausfällt. Obwohl die Winzer die Tendenz haben, jeden Jahrgang als «einmalig» zu bezeichnen: Der Hinweis auf einen bestimmten Jahrgang kann aufschlussreich bezüglich der Qualität sein. Fehlt der Jahrgang, handelt es sich um mindere Qualität – ausser beim Champagner.

Herkunftsbezeichnungen wie AOC, DOV oder ITG garantieren nicht zwingend Qualität. Sie weisen nur darauf hin, dass der Wein aus einer bestimmten Weinregion stammt und unter gewissen minimalen Vorgaben produziert wurde. Das kann aber Aufschluss über einen Weinstil geben, wenn man die entsprechende Region bereits gut kennt.

Hände weg bei Geschwafel

Fast wichtiger als die Etikette auf der Vorderseite ist für mich bei der Wahl eines unbekannten Weins die erwähnte Contre-Etikette auf der Rückseite der Flasche. Diese sollte wesentliche Hinweise auf den Wein enthalten: Besonderheiten einer bestimmten Lage, die konkrete Zusammensetzung bei Cuvées oder die Dauer des Ausbaus im Eichenfass. Auch Angaben zum Weinstil, passende Speisen und Lagerfähigkeit können meinen Kaufentscheid beeinflussen. Wird auf der Contre-Etikette nur allgemein von besonders «selektionierten Trauben» und «traditionellen Methoden» ohne konkrete Angaben geschwafelt, heisst es für mich: Hände weg – mag auch die Hauptetikette grafisch noch so viel versprechend aussehen.

Neuerdings wird die Etikette auch durch den sogenannten QR-Code ergänzt: Via Smartphone erhält man Infos und interaktive Videos über Weingut, Geschichte, Genussempfehlungen und weitere nützliche Angaben zum Wein.

Hinweis

Im Weinmuseum im Château d’Aigle wurde dieser Tage eine Ausstellung «L’étiquette en folie – Les visages du vin» mit 600 Etiketten aus aller Welt eröffnet. www.chateauaigle.ch

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