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GERUCHSSINN: Wie die Nase das Leben steuert

Warum kommen wir beim Geruch von Gegrilltem ins Schwelgen? Und weshalb können wir manche Menschen nicht riechen? Wir haben Antworten gesucht.
Andrée Stössel und Annette Wirthlinandrée Stössel und Annette Wirthlin
Der Geruchssinn diktiert unser leben - und nicht nur dann, wenn wir bewusst an einer wohlriechenden Blume schnuppern. Im Bild Bundesrat Didier Burkhalter bei einer Japan-Reise im Februar. (Bild: Keystone)

Der Geruchssinn diktiert unser leben - und nicht nur dann, wenn wir bewusst an einer wohlriechenden Blume schnuppern. Im Bild Bundesrat Didier Burkhalter bei einer Japan-Reise im Februar. (Bild: Keystone)

Bei Bienen ist es ganz logisch: Fliegt eine Biene in eine fremde Wabe in der Absicht, der herrschenden Königin den Thron streitig zu machen, wird sie umgehend von den Arbeiterinnen attackiert und getötet. Woran die Bienen erkennen, dass da eine Fremde unter ihnen krabbelt? Sie können es riechen.

Mit diesem Beispiel erklärt der Luzerner Hals-Nasen-Ohren-Spezialist Marcus M. Maassen* die Wichtigkeit des Geruchssinns. «Da geht es um Kommunikation und um soziale Zugehörigkeit.» Nicht nur bei den Bienen. «Akazien beispielsweise können ihren Geruch bei Gefahr ändern, um andere Pflanzen vor Feinden zu warnen.» In der Natur diene der Geruch der Selbst- und Fremderkennung. Was bei den Bienen eben dazu führt, fremd riechende Tiere zu eliminieren.

Anderer Geruch wirkt attraktiv

Nun, so rabiat wie die Bienen sind wir Menschen ja in der Regel nicht. Aber es gibt durchaus Menschen, die wir besser riechen können als andere. Im individuellen Körpergeruch wirken sich Gene aus, die für eine wichtige Komponente des Immunsystems verantwortlich sind, den sogenannten Haupthistokompatibilitätskomplex (MHC). Unterscheiden sich die Immungene besonders stark von den eigenen, wird der fremde Körpergeruch als angenehm empfunden – wir fühlen uns hingezogen.

Eine Untersuchung des Max-Planck-Instituts hat unlängst ergeben, dass Kinder von Paaren, die sich nach einem angenehmen Körpergeruch ausgesucht haben, gesünder leben. «Kinder eines Paares, das über die Gerüche harmoniert, haben durch die Mischung der unterschiedlichen Gene dann ein besonders starkes Immunsystem», wird Manfred Milinski, Direktor des Max-Planck-Instituts für Evolutionsbiologie, im «Deutschen Ärzteblatt» zitiert.

Eineiige Zwillinge riechen gleich

Da der individuelle Körpergeruch auf einen genetisch bestimmten Proteincocktail zurückzuführen ist, riechen verwandte Menschen ähnlich. «Je näher der Verwandtschaftsgrad zwischen zwei Menschen ist, desto ähnlicher ist der Eigengeruch», erklärt Nasenspezialist Maassen. «Eineiige Zwillinge haben nahezu den gleichen Geruch, so dass auch speziell trainierte Riechhunde keinen Geruchsunterschied mehr feststellen können.»

Unterschiedliche Kulturen haben demnach unterschiedliche MHC-Zusammensetzungen. «Daher kommen auch die unterschiedlichen Geruchswahrnehmungen verschiedener Kulturen.» Während wir beispielsweise den Schweiss von schwarzafrikanisch-stämmigen Menschen als würzig bis animalisch wahrnehmen, riechen wir für ebendiese tendenziell nach Tod.

Isländer lieben fermentierten Hai

Die unterschiedliche Wahrnehmung der Eigengerüche ist laut Maassen auch eine mögliche Erklärung dafür, dass auch die Geschmäcker verschiedener Kulturen so verschieden sind. Zwar werden Gerüche und Geschmäcker über zwei voneinander unabhängige Wege – nämlich über die Zunge respektive die Nase – ins Gehirn geleitet und analysiert, doch würden beide Sinne wohl ähnlich geprägt. Nämlich in der frühen Kindheit.

Der Geruch von grilliertem Fleisch oder frisch gebackenem Kuchen durchflutet uns mit Wonne, vielleicht, so Maassen, weil wir in frühen Jahren positive Gefühle damit verknüpft haben, weil wir so konditioniert sind. So lieben beispielsweise Isländer fermentierten – also verrotteten – Hai. Und das Nationalgetränk der Mongolen ist vergorene Stutenmilch. Beides klingt für uns furchtbar. Aber vermutlich kann auch so mancher Südasiate wenig mit einem rezenten Appenzeller anfangen. «Der Speichervorgang von Gerüchen findet im Gehirn statt.»

Wie sehr wir von unserem Geruchssinn abhängig sind, so Maassen, zeige sich oft erst, wenn er uns aus medizinischen Gründen abhanden gekommen ist. «Der Mensch ist eigentlich ein sehr visuelles Wesen, und unser Geruchssinn ist im Vergleich zu anderen Lebewesen nicht stark ausgeprägt. Den brauchen wir ja nicht, um E-Mails zu lesen», sagt Maassen. Und auch die Reviermarkierung, wie sie beispielsweise von Hunden praktiziert wird, ist beim Homo sapiens nicht mehr gang und gäbe.

Achselschweiss und schöne Träume

Dennoch spielen Gerüche beispielsweise bei der Partnerwahl eine gewichtige Rolle, sagt Maassen. Einen besonders starken, wenn auch subtilen Einfluss haben Pheromone. Dabei handelt es sich um Düfte, die ein Lebewesen absondert und die bei einem anderen Lebewesen eine bestimmte Reaktion bewirken. Dazu gehört zum Beispiel das in den Achselschweissdrüsen des Mannes gebildete Androstenon. «Frauen empfinden diesen Geruch während der Zeit eines Eisprungs eher als angenehm, ausserhalb eher als unangenehm», erklärt Maassen. «Und so unglaublich es klingen mag: Androstenon kann gemäss wissenschaftlicher Studien sogar den Zeitpunkt des Zyklus einer Frau beeinflussen.»

Der Geruchssinn ist mit dem limbischen System und dem Hypothalamus verbunden. «Diese Strukturen im Gehirn haben eine grosse Bedeutung bei der Steuerung unseres Gefühlslebens, des vegetativen Nervensystems und der Hormone.» So könne allein der Duft des weiblichen Achselschweisses und Vaginalsekretes bei Männern im Schlaf die Herz- und Atemfrequenz verändern und sogar positive Trauminhalte bewirken, erklärt Maassen.

Angeborene Aversionen

So, wie allein Gerüche körperliche Auswirkungen auf uns haben können – beim Geruch von Verdorbenen «lüpft» es so manchen von uns –, können wir uns auch der Wirkung von manchen Geschmäckern nicht erwehren. Und zwar von Geburt an. «Bereits ein Neugeborenes verzieht beim Kontakt mit etwas Bitterem das Gesicht», erklärt Maassen. Dieser mimische Reflex wird auch gustofazialer Reflex genannt.

«Das gustatorische System dient der Prüfung von Nahrung auf ihre Geniessbarkeit und auf die Verdaulichkeit.» Die angeborene Aversion gegen Bitterstoffe entwickelte sich im Laufe der Evolution als Schutz vor giftigen Pflanzen. «Der Geschmackssinn kann ein Lebensretter sein.»

Hinweis:

* Marcus M. Maassen ist Facharzt für Hals- Nasen-Ohren-Krankheiten FMH, Gesichtschirurgie. Er betreibt seit 2006 eine Praxis in Luzern.

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