Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

GESCHÄFT: Trend zum Callboy: Frauen zahlen neuerdings für Sex

Auch Frauen leisten sich gelegentlich einen Mann für gewisse Stunden. Die Kundinnen wollen mit dem Callboy aber nicht nur ins Bett. Sie wollen sich begehrt fühlen. Ein Callboy und eine Sexualtherapeutin über die Tücken des Geschäfts.
Melissa Müller
Meister der Illusion: Ein Callboy gibt seiner Kundin das Gefühl, sie sei einzigartig und begehrenswert. Szene aus dem Film «American Gigolo» mit Frances Bergen und Richard Gere. (Bild: imago)

Meister der Illusion: Ein Callboy gibt seiner Kundin das Gefühl, sie sei einzigartig und begehrenswert. Szene aus dem Film «American Gigolo» mit Frances Bergen und Richard Gere. (Bild: imago)

Melissa Müller

Es begann wie ein gewöhnlicher Flirt. Sandra wurde an einer Bar von einem grossen Blonden zu einem Gin Tonic eingeladen. Der 30-Jährige stellte sich als Bad Boy und Abenteurer vor. Er strahlte Verwegenheit aus mit seinem kantigen Gesicht und den muskulösen Oberarmen. Beiläufig erwähnte er, dass er 400 Franken die Stunde koste. Erst habe er Pornostar werden wollen; nun verdiene er sich neben seinem Beruf als Koch ein Zubrot als Callboy. «Das wird ein Erlebnis, das du nie mehr vergisst», raunte er. Erst amüsiert, dann irritiert, kam Sandra ins Stutzen über ein solches Spontanangebot.

Manche Callboys sprechen Frauen auf Partys an, andere organisieren sich im Netz, wie auf der Platform callboy-schweiz.ch, auf der sich rund 35 Männer anpreisen. Die meisten Kundinnen seien zwischen 35 und 60 Jahre alt, sagt Geschäftsführer Renato, der ebenfalls als Callboy arbeitet. Darunter etliche Singlefrauen über 40, aber auch Ehefrauen, die einen Kick suchen. «In vielen Ehen ist die Luft draussen. Oft bleibt man dann doch zusammen aus Bequemlichkeit, Angst vor dem Alleinsein oder finanziellen Ängsten», sagt Renato. Bei einem Callboy muss die Frau sich nicht verbiegen, der Schönheitsdruck fällt weg. Sie ist von Anfang an die treibende Kraft und kann das Programm bestimmen. Vor vier Jahren habe er auf seiner Webseite 2500 Klicks im Monat registriert, jetzt seien es schon 8000. «Die Frauen sind mutiger geworden.» Die Lust am Tabubruch und an Seitensprüngen der Frauen um die 40 ist Thema in Büchern und Netflix-Serien. Die Zürcher Sexualtherapeutin Dania Schiftan glaubt jedoch nicht, dass Callboys deswegen mehr Zulauf haben. Gut situierte Frauen, die sich einen jungen Liebhaber gönnen, gibt’s schon lange. Der Begleiter ist dann zwar kein offizieller Callboy, aber sie lädt ihn ein und revanchiert sich mit Geschenken für die gemeinsame Zeit.

«Ganz normale Frauen»

Frauen, die ein erotisches – und kostenloses – Abenteuer suchen, würden sich auf Fremdgehportalen und Datingplattformen wie C-Date umsehen, sagt die Sexualtherapeutin. Sie hat aber einige Patientinnen, die Callboys aufsuchen. «Das sind ganz normale Frauen wie Sie und ich», sagt sie. «Manche arbeiten Schicht, sie haben ein schwieriges Umfeld oder Mühe mit Datingapps. Oder sie ziehen einfach immer wieder die falschen Typen an Land.» Einen Mann zu bezahlen, sei noch immer ein Tabu, über das Frauen kaum reden. Die gängige Meinung: Wie verzweifelt muss frau denn sein, um Sex kaufen zu müssen? Die Ansicht, dass jede «normale» Frau an jeder Ecke einen Mann abschleppen könnte, ist weit verbreitet. «Tendenziell scheint es tatsächlich so zu sein, dass Frauen leichter an unverbindlichen Sex kommen als Männer», sagt «Blick»-Sexberaterin Caroline Fux. Ganz so idyllisch und spielend leicht, wie sich das manche Männer vorstellen, sei es aber längst nicht. Jedenfalls nicht für jede Frau. «Frauen ab einem gewissen Alter berichten, dass es ihnen vorkommt, als ob sie für das andere Geschlecht plötzlich unsichtbar werden», sagt Fux.

Die Hemmschwelle, einen Callbox zu kontaktieren, ist gross, wie eine Frau in einem anonymen Erfahrungsbericht im Netz schreibt: «Es hat mich Überwindung gekostet: dieses erste Mal zum Hörer zu greifen und einen Mann dafür zu bezahlen, dass er mit mir Zeit verbringt.» Doch sie habe bekommen, was ihr jahrelang gefehlt habe: «Das Gefühl, begehrt zu werden. Das Gefühl, eine Frau zu sein.» Um Frauen die Angst zu nehmen, arbeitet bei callboy-schweiz.ch auch eine Frau mit: Tina. Sie buchte einst den Basler Edel-Callboy Nick Laurent zu ihrem Geburtstag. Heute ist sie mit dem Mann, der sich als «Heiler» sieht, liiert. Seit 11 Jahren bietet der ehemalige Konstrukteur und Pornodarsteller erotische Dienstleistungen an. Der 40-Jährige mit der schwarzen Mähne ist 1,85 m gross und 80 kg schwer, wie man seinem Steckbrief entnehmen kann. «Dein Aussehen und dein Alter spielen für mich keine Rolle», spricht Nick Laurent potenzielle Kundinnen an. «Für mich hat es jede Frau verdient, als die schönste Frau der Welt behandelt zu werden!» Das hat einen Preis: Die meisten fordern 250 bis 400 Franken pro Stunde. Nick arbeitet auch als Begleiter für Ausgang und Ferien, wahlweise ohne Sex. Zum Date bringen Profis auch mal eine Rose oder eine Flasche Champa­gner mit. Der Callboy fragt seine Kundin nach ihren Ferien, erkundigt sich nach ihrem Befinden. Und er hört sich, gerade bei Stammkundinnen, Probleme an. «In einem gewissen Sinn sind wir Psychologen», sagt Renato. Ein schöner Mann mit Sixpack, der nicht zuhören kann, sich nicht artikulieren kann, sei für eine Frau nicht sexy.

«Das Herz muss stimmen»

«Frauen und Männer ticken beim Sex anders», sagt Psychotherapeutin Dania Schiftan. «Das Herz muss stimmen, bevor das weibliche Geschlecht aufgeht.» Ein Mann suche bei einer Prostituierten schnellen Sex und wolle auch wieder schnell und unerkannt gehen, sagt Renato. Frauen brauchten dagegen Zeit, um in Stimmung zu kommen. Es gehe ihnen nicht bloss um den Akt, sondern um Bestätigung und Ekstase. «Die Wertschätzung, die eine Klientin ihrem Callboy gibt, ist viel mehr als die eines Mannes an eine Prostituierte», glaubt Renato. Ein Callboy sollte mit Zärtlichkeit auf die Frau eingehen. «Sex will sie aber natürlich auch, sonst kann sie ja genauso gut mit einem Kollegen Kaffee trinken.» Seriosität sei wichtig, darum bietet er seinen «Jungs» ein Coaching an. Sie lernen, wie sie sich kleiden und verhalten sollen, dass sie «Leichtigkeit und Freude» ausstrahlen und Konflikte tunlichst vermeiden sollen. Ausserdem verlangt der Chef einen aktuellen HIV-Test. Wer das Coaching absolviert, erhält als Gütesiegel ein grünes Herz auf der Webseite. Und wie steht es um das Risiko, sich mit Geschlechtskrankheiten anzustecken? «Es ist jedem Callboy selbst überlassen, wie oft und regelmässig er einen Gesundheitscheck macht», sagt Renato. «Da wir Safer Sex praktizieren und auch nicht jede Kundin oral verwöhnen, ist die Ansteckungsgefahr nicht so gross.»

Manche Callboys wollen anonym bleiben und zeigen nur verschwommene Profilbilder. Denn ein Sexarbeiter manövriert sich mit seinem Beruf ins gesellschaftliche Abseits. Einer, der sich im Fernsehen geoutet hatte, bekam das zu spüren. «Viele Freunde und Verwandte hatten nichts von meinem Nebenjob gewusst. Sie wollten nichts mehr mit mir zu tun haben», erzählte er dem «Blick».

Jede Frau habe ein anderes Beuteschema, sagt Renato. Deshalb bedienten die Callboys auf seiner Seite verschiedene Vorlieben: Da ist der heissblütige Latin Lover. Der langhaarige Gruftie mit esoterischem Touch. Der junge Wilde. Der aalglatte Geschäftsmann. Der gereifte Gentleman auf der Harley. Der rundliche Knuddelbär mit Glatze. Der Diabolische mit den Handschellen, der «Novizinnen in die dunkle Seite der Lust» einführen will. Die Männer prahlen aber nicht mit körperlichen Fertigkeiten oder der Grösse ihres besten Stücks, auch von «Dirty Talking» ist keine Spur zu finden. Sondern sie schmücken ihren Steckbrief mit blumigen Worten aus. «Ich hole dir die Sterne vom Himmel», schreibt zum Beispiel Pascal Libertin, Sternzeichen: Waage, Religion: Hedonist. Er verspricht «Spass und Tiefgründigkeit». Auch über Tanzfertigkeiten, Musikvorlieben und Sprachkenntnisse geben die käuflichen Begleiter Auskunft. Da solch schöngeistige Bewerbungsbriefe nicht jedermanns Sache sind, hilft Geschäftsfrau Tina den Callboys. Sie formuliert für sie passende und einfühlsame Worte.

Doch die Grenzen zwischen Gefühl und Geschäft verschwimmen. Und Avancen können schmerzliche Folgen haben, wenn die Frau ihr Herz an einen Callboy verliert. Was laut Renato oft vorkommt, etwa nach dem dritten Treffen, «weil die Frau bei einem Callboy genau das bekommt, wonach sie sich seit längerem sehnt». Eine Kundin beschreibt online den Abschiedsschmerz, den sie verspürt, wenn ihr Callboy aufbricht, um andere Frauen zu beglücken: «Ich möchte ihn eigentlich nicht weiterempfehlen, am liebsten hätte ich ihn für mich ganz allein.»

Falsche Hoffnungen

Können Männer Sex und Liebe besser trennen? «Auch Frauen können es lernen», sagt Psychotherapeutin Dania Schiftan. Beide – sowohl die Liebesfähigkeit als auch die Lust – seien im Laufe des Lebens anerlernt. Die meisten Frauen eigneten sich eine Kombination an und praktizierten dies dann auch so. Einige lassen sich auf eine Affäre oder einen Callboy ein und hoffen insgeheim, dass der Mann sich in sie verliebt. Dass sie es doch noch schafft, ihn herumzukriegen. Wenn dem nicht so ist, sind die Frauen enttäuscht und lästern mit Freundinnen über die «schlimmen Männer» ab. «Selber schuld», sagt Dania Schiftan. Wenn der Mann sage, dass er keine Beziehung wolle, gelte es, dies zu respektieren.

Viele Frauen könnten durchaus unterscheiden. «Sie können Sex haben mit einem Mann und dann, ohne mehr zu hoffen, Abschied nehmen.» Weil sie sich bewusst sind, was sie in dieser Liaison bekommen können – und was nicht.

Beim Date mit dem Callboy bestimmt die Frau das Programm. (Bild: Frederic Cirou/Getty)

Beim Date mit dem Callboy bestimmt die Frau das Programm. (Bild: Frederic Cirou/Getty)

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.