GESCHICHTE: Der Tiefpunkt der katholischen Kirche

Machthunger, Intrigen und posthume Demütigung: Ein grausiges Ereignis am Ende des 9. Jahrhunderts gilt bis heute als beispielloser Tiefpunkt in der Geschichte der katholischen Kirche.

Andreas Faessler
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Ein makabrer Schauprozess: Papst Stephan VI. richtet über die in Papstornat gehüllte Leiche des Formosus. Stark idealisiertes Ölgemälde von Jean-Paul Laurens um 1870.

Ein makabrer Schauprozess: Papst Stephan VI. richtet über die in Papstornat gehüllte Leiche des Formosus. Stark idealisiertes Ölgemälde von Jean-Paul Laurens um 1870.

Andreas Faessler

andreas.faessler@zugerzeitung.ch

Es war der 6. Oktober anno 891 –exakt heute vor 1126 Jahren – als Formosus im hohen Alter von zirka 75 Jahren den päpstlichen Thron bestieg. Sein Name steht für eines der bizarrsten Schauspiele, von denen die Geschichtsschreibung der katholischen Kirche zu berichten weiss. Es ist der grausige Höhepunkt einer finsteren Periode, die von Intrigen und erbitterten Machtkämpfen in Adel und Klerus geprägt war.

Formosus war ab 884 Bischof von Porto-Santa Rufina. Es war damals kirchliches Gesetz, dass ein amtierender Bischof kein anderes Bistum übernehmen darf (sog. Translationsverbot). Die Wahl von Formosus zum Papst verletzte dieses Gesetz insofern, als er mit seiner Wahl automatisch auch Bischof von Rom wurde. Dies beanstandete vorerst jedoch keiner – die Wahl von Formosus zum Papst wurde als rechtens angesehen. Wie sein Vorgänger Stephan V. betrieb Formosus gegenüber den weltlichen Herrschern Italiens – die Herren von Spoleto – eine Politik der Zurückhaltung, weil diese zu viel Einfluss in Rom ausübten. Schliesslich verbündete sich Formosus gar mit den Ostfranken gegen die Spoleter, die daraufhin ihre Macht an die Verbündeten verloren. 896 starb Formosus. Sein Nachfolger Bonifatius VI. verschied nach nur zwei Wochen. Als im Mai selben Jahres Stephan VI. Papst wurde, konnten die Spoleter ihre Macht in Italien allmählich wieder stärken – Stephan VI. war auf ihrer Seite.

Post-mortem- Prozess

Im Januar 897 initiierte Papst Stephan – wohl in Übereinkunft mit den Spoletern – einen beispiellos makabren Schauprozess an seinem Vor-Vorgänger Formosus, der in seinen Augen wegen des geltenden Translationsverbots durch widerrechtliche Machenschaften zum Papst gewählt worden war. Und andererseits bezichtigte er ihn unred­licher Amtshandlungen in Zusammenhang mit dem Sturz der Spoleter.

Neun Monate nach Formosus’ Tod liess Stephan dessen stark verweste Leiche aus der Gruft holen, in päpstliches Vollornat kleiden und auf den Thron in der Lateranbasilika setzen. Dann hielt er Gericht über den Kadaver, enthob ihn posthum seines Amtes und exkommunizierte ihn. Nachdem man der wieder entkleideten Leiche zum Schluss die Schwurfinger abgeschnitten hatte, verscharrte man sie auf einem Gottesacker, der für Fremde bestimmt war. Hinter dieser sogenannten Leichensynode liegt eine ungeheure Perfidie des opportunistischen und machthungrigen Stephan: Er selbst nämlich war zuvor Bischof des Bistums Anagni gewesen, zu dem er von Formosus persönlich geweiht worden war. De facto hätte auch er nicht rechtmässig Papst werden können. Indem er Formosus nun aber posthum exkommunizierte, wurden dessen sämtliche Beschlüsse unwirksam. So auch Stephans Weihe zum Bischof von Anagni.

Wenig später gruben Spoleter-Anhänger Formosus’ Leichnam wieder aus und warfen ihn in den Tiber. Der selbstherrliche Ankläger indes fand bald selber ein höchst unrühmliches Ende: Die gottlose Leichenschändung versetzte das römische Volk in Aufruhr. Und als dann noch die Kuppel der Lateranbasilika in sich zusammenstürzte, deutete man dies als Zeichen von Gottes Zorn über Stephans Akt. Im ­August 897 gab es einen Aufstand, Stephan wurde gefangen genommen, in den Kerker geworfen und dort ermordet.

Die ewige Ruhe lässt auf sich warten

Noch im selben Jahr liess Stephans Nach-Nachfolger, Theodor II., Formosus’ Kadaver aus dem Fluss bergen. Er erklärte die Beschlüsse der Leichensynode für nichtig, rehabilitierte den arg Geschändeten und bestattete ihn in würdigem Rahmen wieder in der Petersbasilika. Auch Theodors Nachfolger, Johannes IX., bekräftigte Formosus’ Rehabilitation.

Doch sollte der malträtierte Tote seine ewige Ruhe damit nicht gefunden haben: Der ab 904 amtierende, sehr zwielichtige Papst Sergius III. war dem herrschenden Hause Spoleto wie zuvor Stephanus VI. freundschaftlich gesinnt und förderte deren Macht. Er liess Formosus’ sterbliche Überreste erneut exhumieren und verurteilen. Man enthauptete die Leiche, trennte ihr die verbliebenen Finger der Schwurhand ab und warf sie einmal mehr in den Tiber. Ein Fischer fand den Toten, brachte ihn zurück in den Petersdom, wo Formosus sein drittes und endlich letztes Begräbnis erhielt. Dennoch dauerten die Streitereien zwischen Anhängern und Gegnern des Formosus noch Jahrzehnte an.

Dunkle Flecken am Heiligen Stuhl

Die Nachfolge Christi ist bei weitem nicht nur christlich verlaufen. Über so manchen Vertreter Gottes hat die Geschichtsschreibung erwiesenermassen Haarsträubendes aufgezeichnet. Innerhalb dieser Ansammlung von Intrige, Mord und Totschlag, Macht- und Geldgier, Unzucht und Bigotterie, die am Heiligen Stuhl über zweitausend Jahre hinweg dunkle Flecken hinterlassen hat, wird die Leichensynode zu Rom von Historikern als der absolute Tiefpunkt der Christenheit angeführt. Von diesem Ereignis ausgehend, beschäftigen sich Fachleute auch in der Gegenwart mit diversen Themenbereichen in der Kirchengeschichte.