GESCHLECHT: «Pendel kann auch zurückschlagen»

Der Erfolg von Conchita Wurst lässt Trans­vestiten, Transmenschen, aber auch Homosexuelle hoffen, dass die Toleranz gegenüber Geschlechterrollen grösser wird. Mit gesellschaftlichen Widerständen ist aber weiterhin zu rechnen.

Robert Bossart
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Das Spiel mit der sexuellen Identität fasziniert: Die Drag-Queen Conchita Wurst wird derzeit von halb Europa verehrt. (Bild: Keystone)

Das Spiel mit der sexuellen Identität fasziniert: Die Drag-Queen Conchita Wurst wird derzeit von halb Europa verehrt. (Bild: Keystone)

Ein bärtiger Mann, der homosexuell ist und als Frau gekleidet den grössten Musikwettbewerb der Welt gewinnt: Der Erfolg am Grand Prix Eurovision des Österreichers Tom Neuwirth, besser bekannt als Conchita Wurst, hat viel zu reden gegeben und für Aufsehen gesorgt. Plötzlich steht eine Figur im Rampenlicht, welche die gängige Aufteilung der Menschheit in «Männlein» und «Weiblein» in Frage stellt. Ist das nun Mann, Frau oder von beidem ein bisschen? Oder etwas ganz Neues? Der Sieg von Conchita Wurst scheint gleichsam ein Zeichen zu sein, dass durch weite Kreise der europäischen Gesellschaft so etwas wie ein Ruck gegangen ist. Vielerorts wird das Ereignis als Sieg einer neuen Toleranz gegenüber verschiedenartigen Geschlechterrollen und sexuellen Orientierungen gefeiert. Selbst osteuropäische Bürger, deren Regierungen in letzter Zeit zum Teil mit homophoben Äusserungen und entsprechenden Gesetzen für Kopfschütteln im Westen gesorgt hatten, bejubelten die bärtige Siegerin und verhalfen ihr mit ihren Votings zum grossen Sieg am letzten Samstag.

Junge mit stereotypen Rollen

Ist ein solcher Triumph tatsächlich ein Zeichen für zunehmende Toleranz? Oder jubeln wir einfach einem schrillen Paradiesvogel zu, der im Grunde mit all den Genderfragen wenig bis nichts zu tun hat? Zweifel sind angebracht, denn: Insbesondere bei jungen Menschen ist derzeit eher eine Ausprägung von Geschlechterstereotypen zu beobachten. Schaut man sich in Gymnasien und Berufsschulen um, so sieht man kaum eine jugendliche Frau, die keine langen Haare trägt und nicht betont weiblich gekleidet ist. Und man sieht etliche junge Männer mit Bart und viel männlichem Imponiergehabe. Da scheint von offenem Umgang mit Geschlechterrollen kaum jemand etwas wissen zu wollen. Wichtig ist, dass man klar Mann oder Frau ist, halbe Sachen gibts nicht. «Mein Eindruck ist auch, das sich zurzeit jüngere Menschen eher wieder gemäss traditionellen Rollenbildern verhalten», sagt Udo Rauchfleisch, Professor für klinische Psychologie und Autor zahlreicher Fachbücher zu sexuellen Identitäten. Diese Frage sei wiederkehrenden Wellenbewegungen unterworfen. «Konservative Strömungen entstehen immer in ökonomisch schwierigen Zeiten.» Wenn die Rivalität auf dem Arbeitsmarkt gross ist, besinnt man sich gerne auf traditionelle Rollenmuster zurück, um wenigstens da etwas Halt zu bekommen.

Aufbrechen der Grenzen

Ist das Phänomen «Wurst» also ein Anachronismus? Nein, meint Udo Rauchfleisch. «Es ist sicher ein Stück weit ein Kunstprodukt, das man bestaunt. Aber grundsätzlich scheint es mir schon so, dass die Gesellschaft in Geschlechterfragen offener geworden ist.» Auch Transmenschen, also Personen, die sich nicht ihrem biologischen Geschlecht angehörig fühlen und deshalb von Frau zu Mann wechseln oder umgekehrt, werden heute nicht mehr nur als bizarre Paradiesvögel wahrgenommen, wie dies noch vor wenigen Jahren der Fall war. Ähnlich wie vor einigen Jahren bei der Homosexualität gibt es heute viele, die jemanden kennen, der ein Transmensch ist, sei es im Bekanntenkreis oder im Arbeitsumfeld. «Es werden immer mehr solche Menschen sichtbar, damit wird das Thema auch weniger versteckt», so Rauchfleisch. Insofern sieht der Psychologe im Hype um den Eurovision-Gewinner einen positiven Effekt: «Es ist ein bewusstes Aufbrechen der Geschlechtergrenzen. Natürlich treibt es Conchita Wurst ins Extreme, dennoch ist der Auftritt beindruckend. Dazu braucht es Mut, und sie sagt damit auch, dass sie ihren eigenen Stil lebt, unbeachtet dessen, was andere dazu denken.»

Outing sorgfältig planen

Auftritte in dieser Art sind also hilfreich, wenn es darum geht, eine breite Öffentlichkeit für ein Thema zu sensibilisieren. Dennoch muss man sich die Frage stellen, wie gross die tatsächliche Wirkung solcher Inszenierungen ist und ob da nicht nur oberflächliche Wirkung erzielt wird. Möglich, dass es gerade schick ist, einer Dragqueen zuzujubeln – wenn der Alltag wieder einkehrt, sieht es dann wieder ganz anders aus. Etwa, wenn der eigene Sohn oder die Tochter betroffen ist. «Transmenschen erleben auch heute noch allerlei Widerstände und Diskriminierungen, Studien besagen, dass ein Coming-out immer noch vielfach problematisch ist», sagt Rauchfleisch. Wenn der Chef plötzlich zur Chefin wird, ist das nicht für jeden so einfach hinnehmbar. Darum ist es wichtig, dass man ein Outing sorgfältig plant. «Gerade am Arbeitsplatz ist es entscheidend, dass man sich genau überlegt, wie man das anstellen soll. Nicht selten erhalten Transmenschen auch Lob und Anerkennung für den Mut, den sie aufbringen müssen, um sich der Umwelt zu stellen.»

Über 50 verschiedene Geschlechter?

Männlich, weiblich: Die Frage der Geschlechteridentität öffnet sich. So gibt es bei Facebook für amerikanische Nutzer neuerdings neben «male» und «female» die Option «custom», wo man unter über 50 Möglichkeiten wählen kann, welcher Geschlechtsausdruck einen am besten trifft – von «androgyn» über «transsexuell» bis zu «transgender». Und in Australien hat sich kürzlich eine Person das Recht erkämpft, offiziell als Neutrum gelten zu dürfen. Eine Abkehr vom starrem Glauben, dass es ausschliesslich die zwei herkömmlichen Geschlechter gibt, ist sicher richtig. Intersexuellen Menschen etwa, die mit uneindeutigen Geschlechtsmerkmalen geboren worden sind, wurde häufig in aufwendigen Operationen ein Geschlecht «zugeordnet», nur weil es die Eltern nicht ertrugen, dass ihr Kind weder ein Er noch eine Sie ist. Immer noch wehren sich die Interessengruppen der Zwitter gegen solche «Zwangseingriffe».

Nicht plötzlich «alles locker»

Udo Rauchfleisch mahnt allerdings trotz der positiven Signale und Entwicklungen zur Vorsicht: «Solche Coming-out-Prozesse sind nach wie vor schwierig.» Das sehe man auch bei Homosexuellen, wo die gesellschaftliche Akzeptanz zwar unterdessen gross ist, aber viele Betroffene nach wie vor mit Schwierigkeiten zu kämpfen haben. «Depressionen und Suizide sind bei jungen Homosexuellen immer noch häufig.» Es sei halt nicht einfach plötzlich «alles locker», nur weil man eine bekennende lesbische Stadtpräsidentin habe. Immer wieder gibt es auch gesellschaftliche Widerstände, wie die Demonstrationen in Frankreich gegen die Homoehe gezeigt haben. Oder der Widerstand in Baden-Württemberg gegen die Pläne der Regierung, das Thema Homosexualität in der Schule vermehrt zu thematisieren. «Das gesellschaftliche Pendel kann immer wieder auch zurückschlagen.»