GESELLSCHAFT: Abschied vom geliebten Tier

Stirbt ein Haustier, landet es normalerweise auf einer Kadaver- sammelstelle und wird dann verbrannt. Doch es gibt Alternativen. Auch ausgefallene.

Andrée Stössel
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Welches Tier dieser Bub betrauert, wissen wir nicht. Aber ein kleines Ritual an einem Loch genügt vielen Menschen längst nicht mehr, wenn ihr Haustier stirbt. (Bild: Getty)

Welches Tier dieser Bub betrauert, wissen wir nicht. Aber ein kleines Ritual an einem Loch genügt vielen Menschen längst nicht mehr, wenn ihr Haustier stirbt. (Bild: Getty)

Rinaldo Willy nimmt einen Keramikzylinder aus dem Ofen und stellt ihn auf die Arbeitsfläche des Labors. Der Boden der Schale ist mit einer matten schwarzen Masse überzogen, die aussieht wie erstarrte Lava. «Das ist ein Labrador», sagt Rinaldo Willy. Er nimmt einen silbernen Stab zur Hand und tippt damit auf die harte Oberfläche. Sie zerbröselt wie verbrannte Grillkohle. «Es handelt sich um puren Kohlenstoff», erklärt er. Gewonnen aus den sterblichen Überresten eines Familienhundes. In drei, vier Wochen wird aus dem schwarzen Pulver ein Edelstein gewachsen sein. Rinaldo Willy ist Leiter Forschung und Entwicklung der Firma Semper Fides – der Name bedeutet so viel wie «stets treu» –, die im bündnerischen Domat/Ems aus tierischer Asche synthetische Diamanten herstellt. Als Andenken an den treuen Freund.

Was da in diesem Labor passiert, ist die wohl spektakulärste Art, ein Tier zu konservieren. Vielen Menschen fällt die Vorstellung schwer, einen meist langjährigen Begleiter auf einer Kadaversammelstelle zu entsorgen. Sie möchten es über den Tod hinaus bei sich behalten. «Denn Tiere übernehmen oft eine soziale Rolle», sagt Elisabeth B. Frick Tanner, Fachpsychologin für tiergestützte Psychotherapie. «Das Tier ist ein Freund, es bereichert das Leben. Manchmal wird es sogar zum Menschenersatz.»

Am liebsten ungeschliffen

Rund drei Monate dauert es, bis aus dem verstorbenen Tier ein Diamant entstanden ist. Dazu muss der Kadaver in einem Tierkrematorium verbrannt werden. 300 Gramm Asche reichen aus, um einen Diamanten herzustellen. Mit chemischen und physikalischen Verfahren wird im Labor der Kohlenstoff von den übrigen Inhaltsstoffen der Kremationsasche getrennt. Unter hohem Druck und hoher Temperatur wandeln die Chemiker den daraus gewonnenen Kohlenstoff anschliessend in Grafit um. Dieser ist die Ausgangslage für die so genannte Diamanttransformation. Das Grafit wird dann im Transformator einem Druck von 60 000 Bar und Temperaturen um die 2500 Grad Celsius ausgesetzt. «Wir lassen somit den natürlichen Wachstumsprozess eines Diamanten im Zeitraffer ablaufen», erklärt Rinaldo Willy.

Bei der synthetischen Variante kann man im Gegensatz zum über Jahrmillionen gewachsenen natürlichen Diamanten auch die Farbgebung beeinflussen. Auch die Grösse des Diamanten kann der Kunde selber bestimmen; die Palette reicht von 0.25 bis 1 Karat. Die Steine sind sehr leicht: 1 Karat entspricht 0,2 Gramm. Je länger der Stein dem Druck und der Hitze ausgesetzt ist, desto grösser wird er. Zwei mobile Diamantschleifer verpassen dem Rohling dann vor Ort den gewünschten Schliff. «Heute ist der Trend eher hin zum ungeschliffenen Diamanten», sagt der studierte Betriebswirtschafter Willy und zeigt auf einen mattblauen Stein aus Schäferhundasche, den er zu Vorzeigezwecken auf dem Labortisch drapiert hat.

100 bis 150 Diamanten stellt Semper Fides jährlich aus den sterblichen Überresten von Haustieren her. Vorwiegend für Kunden in der Schweiz, in Deutschland, aber auch aus dem Mittleren Osten. Ab 3500 Franken ist ein reiner Diamant zu haben, einer also, der ausschliesslich aus dem Kohlenstoff des Haar- oder Federkleides eines Haustiers besteht. Trotz allgemein nicht so rosiger Wirtschaftslage steigt der Umsatz der Firma. «Emotionen sind nicht von der Rezession abhängig», sagt Rinaldo Willy. Besonders die Nachfrage für Diamanten aus der Asche von Hunden und Katzen habe in den letzten Jahren zugenommen.

Diamantene Brieftaube

Angefangen hatte Rinaldo Willy mit seinem Geschäftspartner Veit Brimer vor neun Jahren mit der Herstellung von Diamanten aus menschlicher Asche – ein Zweig, der weiterhin floriert. «Wir waren durch einen russischen Forscher auf die Technologie gekommen», erklärt er. Dieser habe ursprünglich nach alternativen Kohlenstoffen für die Herstellung von Industriediamanten gesucht. Willy hatte eine andere Geschäftsidee.

Seit 2006 sitzt auch Thomas Peter mit im Boot; er ist Geschäftsführer von Semper Fides mit Hauptsitz im deutschen Salzgitter. Vom Produkt ist er absolut überzeugt. «Ich habe Diamanten aus allen möglichen Tieren zu Hause», sagt der Landwirt, der seit den 90er- Jahren in Niedersachsen eine Tierbestattungsfirma betreibt. Vor gut einem Jahr hat er seiner Tochter einen Diamanten aus ihrem Lieblingspferd zur Konfirmation geschenkt. Das Exotischste, was bisher in Domat/Ems zu einem Edelstein wurde, war eine «extrem teure» asiatische Brieftaube gewesen. Und, so Willy weiter: «Falken hatten wir auch schon.»

Hamster auf der Werkbank

Die Idee, dass ein Tier in einem Stein weiterleben soll, ist aber für viele Menschen zu abstrakt. Sie möchten ihr Haustier weiterhin anschauen, mit ihm reden, es streicheln können. «Das hat für mich mit der Trauerverarbeitung zu tun», sagt Psychologin Elisabeth Frick Tanner, «und mit einer Sehnsucht, das Tier möge doch wieder zurückkommen.»

Auch Hanspeter Greb ist deshalb eine Anlaufstelle für Haustierbesitzer, die ihr verstorbenes Tier bei sich behalten möchten. Der gelernte Präparator betreibt seit 1965 ein Geschäft in Busswil TG. Meist ist sind es Wildtiere – Rehe, Keiler, Gämsen – die er für die Ewigkeit präparieren soll. Doch immer wieder landen auch Katzen, Hunde, Hamster und Co. auf seiner Werkbank.

In einer fensterlosen Halle stellt er die ausgestopften Tiere aus: Löwen, Bären, Affen, Wildkatzen, Schlangen. Dutzende von einheimischen Wildtieren, manche mit weit aufgerissenen Mäulern, Mäuse und Küken. «Die Haustiere stehen da hinten», sagt er und führt in eine Ecke des künstlich beleuchteten Raumes. Da steht ein ausgewachsenes Pferd, zu seinen Hufen ein Korb mit einem kleinen, goldenen Hund, der mit treuem Blick nach oben blickt, ausserdem, auf mehreren Regalen, eine ganze Reihe Katzen, manche schlafend, manche in erstarrter Angriffsstellung. Diese Präparate gehören ihm. Denn Hanspeter Greb präpariert nicht nur Tiere auf Auftrag, er vermietet auch Präparate. Zum Beispiel an Modegeschäfte oder für Fotoshootings.

Die Sache mit dem Blick

Hanspeter Greb bekommt die Tiere im Normalfall tiefgefroren. Dann taut er sie auf, nimmt sie aus, gerbt das Fell und reinigt es von unerwünschten Überresten. Anschliessend kommt das Tier zum Sägemehl in die Läutertrommel. «So wird das Fell entfettet, und es wird schön luftig und weich.» Das geläuterte Fell zieht Greb über eine vorbereitete Form. Für Haustiere macht er die meist selber, aus Sägespänen und Schnur; für Wildtiere gibt es im Handel vorgefertigte Plastikformen. Auf der Werkbank liegen zwei Dachse, das Leder um die Glasaugen mit Nadeln zum Trocknen fixiert.

Das Schwierigste sei der Gesichtsausdruck. «Gerade bei den Haustieren». Denn ist das Tier tot, wird der Blick starr. Ein Foto reicht da nicht aus, um das gewünschte Resultat zu erzielen. Deshalb lässt Hanspeter Greb die Kunden zusehen, wenn er am Ausdruck arbeitet. «Ich hatte einmal eine Kundin, die ist dreimal vorbeigekommen, um sich immer wieder ihren Schäferhund anzusehen, bis es passte.»

Zurück zum Hersteller

Rund zehn Haustierpräparate fertigt Hanspeter Greb pro Jahr. Tendenz abnehmend, «vor allem bei den Hunden». Es gibt eine Preisliste. Katzen und kleine Hunde kosten um die 700 Franken, grosse Hunde gibt es ab 2000 Franken, Nager wie Chinchillas oder Goldhamster kosten um die 200 bis 300 Franken. «Hamster sind wahnsinnig aufwendig.» Die Präparate halten sehr lange, sofern sie trocken und vor Sonnenlicht geschützt gelagert werden.

So kommt es vor, dass seine Arbeiten irgendwann nach Busswil zurückkommen. Greb erzählt die Geschichte einer älteren Dame, die bei ihm all ihre sechs Katzen präparieren liess. Als sie selber verstarb, brachte die Tochter die Präparate zurück. «Sie sagte, sie wisse nicht, was sie damit anfangen soll.» Hanspeter Greb glaubt, dass viele seiner Haustierarbeiten denselben Weg machen: «Erst liegen sie auf dem Sofa, dann stehen sie in einer Ecke, und dann landen sie im Estrich, weil man sie doch lieber vergessen will.» Er selber habe keine Tiere zu Hause. Weder lebende noch tote. Wieso die Menschen ihre Tiere ausstopfen lassen? Greb zuckt mit den Schultern. «Man sieht eben nicht in die Leute hinein.»

Friedhof der Kuscheltiere

Wem diese Art des Gedenkens missfällt, hat in der Schweiz die Möglichkeit, sein Tier zu Hause im Garten zu beerdigen. Allerdings ist das nur eingeschränkt möglich: Das Gesetz erlaubt das Vergraben von Tierkadavern im eigenen Garten nur bis zu einem Gewicht von 10 Kilogramm. «Das ist wegen der Keime, die auch für den Menschen schädlich werden können, wenn sie ins Grundwasser gelangen», erklärt der Zuger Kantonstierarzt Werner Limacher. Ein kleiner Hund, eine Katze oder ein Papagei seien aber kein Problem.

Unproblematisch ist es auch, die Asche seines Tiers im Garten zu vergraben oder diese in der freien Natur zu verstreuen. Dazu muss der Vierbeiner oder das Federvieh in einem Krematorium eingeäschert werden. Wer sein Tier einschläfern lässt, meldet beim Tierarzt an, dass er eine Kremation wünscht. Im Normalfall organisiert dieser auch gleich die Überführung des Kadavers in die Verbrennungsanlage, doch auch die Krematorien selber bieten meist Abholservices und Hauslieferdienste an. Werner Limacher stellt eine Tendenz fest, dass Katzen- und Hundebesitzer ihre verstorbenen Vierbeiner immer häufiger kremieren lassen. «Ich würde sagen, so um die 10 Prozent.»

Schwieriger Prozess

Für viele Menschen sei der Abschied von einem Tier ein schwieriger emotionaler Prozess. «Es gibt eben Leute, die können damit nichts anfangen, ihre Katze in einer Kadaververbrennungsanlage mit anderen toten Tieren verbrennen zu lassen.» Die Einzelkremierung eines Schäferhundes mit einem Gewicht von 30 Kilogramm kostet rund 300 Franken. Hinzu kommt die Urne, bei deren Ausführungen es kaum Grenzen gibt: Vom einfachen Holzkistchen über herzförmige Steinschachteln bis zum glänzenden Kupfergefäss ist alles denkbar.

Tierfriedhof in Emmenbrücke

Wer die Urne nicht nach Hause nehmen will oder keinen Garten hat, in dem er sein Tier vergraben kann, hat die Möglichkeit, auf einen Tierfriedhof auszuweichen. Der weltweit wohl berühmteste ist der Cimetière des chiens in Paris. In der Schweiz gibt es ebenfalls einzelne solcher Ruhestätten. Zum Beispiel auf Unterwellisingen in Emmenbrücke, wo man seit drei Jahren sein Tier in Anonym- und Reihengräbern bestatten lassen kann. Letzteres kostet für Kleintiere 240 Franken, für Katzen und Kleinhunde 430 Franken, für Normalhunde 650 Franken und für Grosstiere ab 20 Kilo 810 Franken. Inbegriffen sind Beisetzung, Grabplatz, Inschrift und fünf Jahre Ruhezeit, nicht aber der aus leichtem Tannenholz bestehende Sarg, der mit einem Betrag zwischen 40 und 105 Franken verrechnet wird.

Bereits seit zwölf Jahren betreibt Urs Mörgeli mit seiner Frau Marlies den 15 000 Quadratmeter grossen Tierfriedhof am Wisenberg in Läufelfingen BL. Die Idee hatte das Paar, als sein eigener Hund im Sterben lag. «Uns war sofort klar, dass unser Seppli nicht geschreddert, gekocht und zu Tiermehl verarbeitet werden sollte», erklärt Mörgeli. Er begab sich auf die Suche nach einem geeigneten Platz und wurde in Läufelfingen fündig. «Wir hatten unwahrscheinliches Glück. Die Landschaft hier ist wunderbar.» Seither finden jährlich rund 150 Haustiere hier ihre letzte Ruhe. Zu 80 Prozent sind es Hunde und Katzen, der Rest sind vor allem Nager, aber auch einzelne Vögel. Praktisch alle Tiere werden erdbestattet.

Sterbebegleitung inbegriffen

Neben ihrem eigentlichen Kerngeschäft bieten Tierfriedhöfe häufig auch weitere Dienste an. Die Servicepalette reicht von der Sterbebegleitung des Haustieres bis zur Trauerbegleitung des Haustierbesitzers. «Das Wichtigste an unserer Arbeit ist, die emotionalen Bedürfnisse des trauernden Tierbesitzers ernst zu nehmen», sagt Urs Mörgeli. «Unser kleines Ritual hilft ihm, die Trauer besser zu verarbeiten.»

Welches Tier dieser Bub betrauert, wissen wir nicht. Aber ein kleines Ritual an einem Loch genügt vielen Menschen längst nicht mehr, wenn ihr Haustier stirbt. (Bild: Getty)

Welches Tier dieser Bub betrauert, wissen wir nicht. Aber ein kleines Ritual an einem Loch genügt vielen Menschen längst nicht mehr, wenn ihr Haustier stirbt. (Bild: Getty)

Virtuelle Tierfriedhöfe

Gar nicht erst zum Friedhof fahren muss man, wenn man seinem Tier im Internet ein Denkmal errichtet: auf einem von diversen virtuellen Tierfriedhöfen. Die Websites tragen klingende Namen wie www.tierhimmel.org oder www.abschied-im-rosengarten.de. Hier können Tierfreunde sich auch gleich mit anderen Tierbesitzern austauschen und sich bei der Trauerarbeit unterstützen lassen. Mit dem Entfachen einer Kerze kann man zum Beispiel sein Beileid bekunden. Und dort, im Internet, sind auch gleich diverse Links von Tiervermittlungen zu finden. Für einen neuen Anfang.

Was passiert, wenn das geliebte Tier einmal nicht mehr ist? Themenbild. (Bild: Archiv / Neue LZ)

Was passiert, wenn das geliebte Tier einmal nicht mehr ist? Themenbild. (Bild: Archiv / Neue LZ)