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GESELLSCHAFT: Das Regeln der letzten Dinge

Seit 2013 sind Patientenverfügungen schweizweit rechtlich bindend. Dennoch sollte eine Vertrauensperson darin bestimmt werden, die im Notfall für einen entscheidet.
Andreas Lorenz-Meyer
Wenn der Ernstfall eintritt, kann eine Patientenverfügung für Angehörige und Ärzte hilfreich sein. (Bild: Getty)

Wenn der Ernstfall eintritt, kann eine Patientenverfügung für Angehörige und Ärzte hilfreich sein. (Bild: Getty)

Andreas Lorenz-Meyer

Was passiert, wenn ich nach einem Unfall schwer verletzt ins Spital komme und meinen Willen nicht mehr äussern kann? Für solche Fälle ist die Patientenverfügung gedacht. Hier hat eine im juristischen Sinne urteilsfähige Person festgehalten, welchen medizinischen Behandlungen sie zustimmt und welchen nicht. Zudem wird eine Vertrauensperson bestimmt, die den Willen des Verfügenden gegenüber den Ärzten geltend machen darf.

Seit Januar 2013 sind die Verfügungen schweizweit rechtlich verbindlich. Wird jemand ohne Bewusstsein eingeliefert, müssen die Ärzte gemäss Erwachsenenschutzgesetz klären, ob eine Verfügung vorliegt. An diese haben sie sich dann auch zu halten, es sei denn, sie verstösst gegen Gesetze. Aktive Sterbehilfe darf der Patient oder die Patientin nicht verlangen. Bestehen berechtigte Zweifel, dass die Verfügung auf dem freien Willen des Patienten beruht, müssen die Ärzte ihr nicht folgen. Genauso wenig, wenn starke Indizien dafür sprechen, dass der Patient seinen bekundeten Willen in der Zwischenzeit geändert hat.

Formulare: Bündig oder sehr ausführlich

Mehrere Dutzend Institutionen bieten Formulare an, in denen man seine Vorstellungen festhalten kann. Wer es bündig mag, wählt zum Beispiel die Kurzversion der Verbindung der Schweizer Ärztinnen und Ärzte und der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften. Auf einer A4-Seite kann man dort unter anderem festhalten, ob man reanimiert werden möchte oder nicht.

Weit ausführlicher ist das Dokument von Dialog Ethik. Auf 26 Seiten geht es um lebenserhaltende Massnahmen, künstliche Beatmung, künstliche Ernährung, Organspende, Bestattung.

Für Menschen mit einer spezifischen Krankheit bietet sich eine speziell auf ihre Krankheit bezogene Verfügung an. Die Krebsliga hat ein Formular für Krebskranke, Parkinson Schweiz eine für Parkinson-Patienten, das Muskelzentrum des Kantonsspitals St. Gallen eine für Patienten, die an Amyotropher Lateralsklerose (ALS) leiden. An Menschen mit psychischer Erkrankung wendet sich das Formular von Pro Mente Sana. Die Kantonsspitäler Basel-Stadt, St. Gallen und Graubünden haben eigene Formulare. Diese bieten sich für Personen an, die bei schwerer Erkrankung vermutlich in eines der Spitäler kommen.

Entscheiden über Leben und Tod

Die angegebene Vertrauensperson spielt bei dem Ganzen eine zentrale Rolle. Sie fällt medizinische Entscheidungen anstelle des nicht mehr urteilsfähigen Patienten, falls die Verfügung selbst dessen Willen nicht klar regelt. Im Einzelfall kann das bedeuten: Sie entscheidet über Leben und Tod. «Man sollte nur jemanden einsetzen, der bereit ist, diese Aufgabe zu übernehmen», rät Heinz Rüegger vom Institut Neumünster in Zollikerberg ZH. Das Institut setzt sich für die Lebensqualität alternder Menschen ein und versteht sich als Brücke zwischen Wissenschaft und Praxis. «Die Vertrauensperson sollte auch verstehen, wie man selbst über medizinische Massnahmen denkt und empfindet. Und sie sollte bereit sein, lebensverlängernde Massnahmen abzulehnen, ohne ein schlechtes Gewissen zu bekommen, weil sie meint, dadurch ein Todesurteil gesprochen zu haben», sagt Rüegger.

Am besten führt man mit der Vertrauensperson vorab intensive Gespräche und legt die eigenen Wünsche genau dar. Naheliegend ist es, einen Angehörigen als Vertrauensperson zu bestimmen. Es kann aber auch ein Bekannter sein oder der Hausarzt. Wobei hier die Familie informiert sein sollte, um Streit am Krankenbett zu vermeiden.

Heinz Rüegger hält die Verfügungen insgesamt für eine gute Sache. Sie motivieren, sich frühzeitig mit dem auseinanderzusetzen, was auf einen zukommen kann. Letztlich dienen sie der emotionalen Entlastung von Patient und Arzt.

Nicht alle Fragen können geklärt werden

Allerdings: Patientenverfügungen haben auch ihre Grenzen, wie Rüegger hinzufügt. Eine abschliessende Klärung aller theoretisch eintretenden Fälle ist damit nicht möglich. Zumal man sich, wenn man gesund ist, nur schwer in Grenzsituationen hineindenken kann. Darum können die Verfügungen im vorgegebenen Wortlaut auch nicht absolut verbindlich sein.

Ein gewisser Interpretationsspielraum muss bleiben. Heinz Rüegger: «Man sollte eine Patientenverfügung alle paar Jahre wieder von Grund auf durchsehen und prüfen, ob man immer noch gleicher Meinung ist. Wenn nicht, sollte man die Verfügung sofort ändern.» Zudem ist es ratsam, das Original immer bei sich zu haben und den Personen, die im Notfall voraussichtlich als erste alarmiert werden, eine Kopie zu geben.

Zuverlässige Informationsquelle

Und welche Erfahrungen macht man in Spitälern? «In der Regel ist die Verfügung eine zuverlässige Informationsquelle über den Patientenwillen», sagt Ramona Helfenberger, Mediensprecherin des Luzerner Kantonsspitals. Allerdings könne nicht jede mögliche medizinische Situation berücksichtigt werden.

Die meisten Verfügungen würden Begrenzungen der gewünschten medizinischen Massnahmen festhalten. Keine künstliche Beatmung zum Beispiel. Manchmal würden Patienten auch ihren Wunsch nach maximalen lebenserhaltenden Massnahmen ausdrücken.

Unbedingt in der Verfügung stehen sollte, wer bei Urteilsunfähigkeit die Funktion der Stellvertretung übernimmt. Ohne Bestimmung der Vertrauensperson(en) gilt automatisch die Reihenfolge gemäss Erwachsenenschutzgesetz. Also zuerst Ehegatte und eingetragener Partner, dann Konkubinatspartner, gefolgt von Kindern, Eltern, Geschwistern.

Im Zweifelsfall für das Leben

Wird jemand notfallmässig eingeliefert und man kennt seinen Willen nicht, dann gilt der Grundsatz: im Zweifel für das Leben. Sobald die Angehörigen vor Ort sind, wird besprochen, wer die Stellvertretung übernimmt. Diese Person klärt mit den Ärzten, welche Behandlung dem Willen des urteilsunfähigen Patienten entspricht.

Eher selten findet man offenbar in den Dokumenten nicht Urteilsfähiger eine Verfügung. Am ehesten noch, so Ramona Helfenberger, wenn der Patient in einem Alterspflegeheim lebt und Betreuer die Verfügung mitgegeben haben. Auf der Versicherungskarte sei es aus technischen Gründen noch nicht möglich, den Patientenwillen zu speichern.

Das Rote Kreuz bietet Hilfe an

red. Wer in Sachen Patientenverfügung unsicher ist, kann sich beraten lassen. So etwa beim Schweizerischen Roten Kreuz (SRK). Die Einzelberatung kostet 120 Franken, eine Einzelberatung mit Hinterlegung 190 Franken (Paare: 200 bzw. 320 Franken).

Oft geht es bei den Gesprächen um die Werteerklärung, den Kern der Verfügung, so Ruth Wallimann vom SRK Kanton Luzern. In der Werteerklärung kann man in eigenen Worten seine persönlichen Einstellungen beschreiben.

Die Zahl der Hinterlegungen nimmt zu. Landesweit verzeichnete das SRK 2016 rund tausend neue, fast eine Verdoppelung gegenüber 2015. Dies liegt auch am neuen Erwachsenenschutzgesetz. Wallimann: «Wenn der Konkubinatspartner in einer Patientenverfügung nicht ausdrücklich als vertretungsberechtigte Person aufgeführt ist, hat er praktisch keine Rechte. Der Ehegatte oder der Partner in einer eingetragenen Partnerschaft dagegen schon», so Ruth Wallimann.

Insgesamt sind mittlerweile knapp 3000 Patientenverfügungen beim SRK in Bern hinterlegt. Die häufigsten Gründe, eine solche zu erstellen, sind bevorstehende Auslandreisen, geplante OPs, Eintritt ins Altersheim, Erkrankung oder Tod im Bekannten- oder Familienkreis.

Zunehmend hinterlegen auch jüngere Personen eine Verfügung. «Ein Bewusstsein dafür, dass einem jederzeit etwas zustossen kann, hat nichts mit Alter zu tun», so Ruth Wallimann.

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