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GESELLSCHAFT: Drück mich: Entflechtung der Begrüssungsrituale

Eins, zwei oder drei? Die gehauchten Küsschen auf die Wange können irritieren und zu peinlichem überzähligem Kopfschwenken führen. Gottlob kommt jetzt die Umarmung.
Alexandra Fitz
Begrüssung unter Jungen: Die Umarmung hat den Solo-Kuss auf die Wange abgelöst. (Bild: Getty)

Begrüssung unter Jungen: Die Umarmung hat den Solo-Kuss auf die Wange abgelöst. (Bild: Getty)

Alexandra Fitz

Der eigene Kopf ist bereits in der Rückwärtsbewegung – und das dritte Küsschen des Gegenübers im Anflug. Ebenso misslich ist die Lage für den Weiterküssenden – er verpasst die Wange trotz des Rucks nach vorne und haucht ins Leere. Jetzt heisst die Devise: Möglichst unauffällig die Kopfpositionen ausgleichen.

Vor solchen Momenten sind nicht einmal die Royals gefeit. Nach seinem Sieg in Wimbledon umarmte Federer erst seine Frau Mirka und sie küssten sich auf den Mund. Die Sache ist klar, Beziehungsstatus: verheiratet. An zweiter Stelle gratulierte Kate Middleton. Mit Wangenküssen, ganz schweizerisch. Links, rechts – und links. Richtig, drei Mal. Auf einem Video der Gratulationsszene erkennt man im Gesicht der Herzogin von Cambridge ein kurzes Hadern, als Federer zum dritten Wangenschmatzer ansetzt. Sie scheint kurz überrascht, fügt sich dann aber mit einem Lächeln. Hat Federer ob der ganzen Emotionen kurzzeitig vergessen, dass er nicht zu Hause in der Schweiz ist? Alle nachfolgenden Frauen, die ihm gratulieren, küsst er bloss zweimal.

Was Federer passiert ist, erleben wir doch auch ständig. Wie begrüssen wir das Gegenüber? Küssen oder nicht? Und wenn, wie oft? Muss man alle einzeln begrüssen und jeden gleich innig, obwohl man zwei gar nicht bis kaum kennt?

Diskussionsthema Nr. 1: Die Küsserei

Schweizer im Ausland oder Zugezogene in der Schweiz sind oft verwirrt – die korrekte Zahl der Wangenküsse führt zu Missverständnissen. In der Schweiz küsst man dreimal, genauso in den Niederlanden. In Deutschland und Italien reichen meist zwei Küsse. Frankreich variiert von Region zu Region, manchmal gibt man sich sogar vier Bussis. Sucht man im Netz nach «Begrüssung in der Schweiz», lassen viele Expats – allen voran Deutsche – ihrer Verwirrung freien Lauf. Sie verstehen die Konventionen hierzulande einfach nicht. So wird ihnen auf diversen Blogs und Websites ein Schweizer Knigge vermittelt. Diskussionsthema Nr. 1: die Küsserei.

Doch auch in der Schweiz gibt es keine festen Regeln mehr. Galt früher einmal unbekannt gleich Hand, bekannt gleich drei Küsschen, ist heute das Begrüssungschaos perfekt. Vor nicht allzu langer Zeit hat sich bei der jüngeren Bevölkerung ein Solo-Kuss auf die Wange eingeschlichen. Mittlerweile ist das einzelne Hallo-Küsschen von einer kurzen Umarmung abgelöst worden. «Die Begrüssung ist in meinen Seminaren immer ein grosses Thema», sagt Knigge-Expertin Susanne Abplanalp. Die Jungen drücken sich heute kurz, küssen tun eher die Älteren. Doch auch die würden sich immer mehr umarmen, anstatt zu küssen, so die Expertin. Damit gebe es kein Wirrwarr, und die Brille störe nicht. Oft erkennt man an den Signalen und der Körperhaltung des Gegenübers, ob nun küssen oder umarmen bevorzugt wird.

In der Arbeitswelt deplatziert

«Die Umarmung ist im Trend und löst die Küsserei ab», sagt Abplanalp. In der Arbeitswelt soll gar nicht geküsst werden, das sei unprofessionell. Richtig reagiert da immer noch, wer die Hand hinhält. Auch bei der ersten Begegnung mit einer Person. Bei allen weiteren Treffen merke man an Körperhaltung, Handschlag und dem eigenen Gefühl, ob nun zusätzlich noch geküsst oder umarmt wird.

Angesprochen auf die Herzogin-Federer-Situation in Wim-bledon, meint Abplanalp, dass man sich den Gepflogenheiten des Landes beugen sollte. Das heisst, Federer müsste sich eigentlich den Sitten der Briten anpassen. Ausserdem komme es auf die Hierarchie an. In diesem Fall liegt es an Kate Middle-ton, den ersten Schritt zu machen (Hand, Wangenküsschen, Umarmung). Die Hof-Etikette besagt: Die Initiative zum Körperkontakt und das Ansprechen kommt vom Royal und nicht vom Rotblütigen vis-à-vis.

Je besser man jemanden kennt, desto fester drücken

Im privaten Umfeld gilt: Die Dame macht den ersten Schritt und bestimmt. Ist der Altersunterschied gross, entscheidet das ältere Gegenüber. Und in Business-Situationen ergreift ebenfalls der hierarchisch Höhergestellte die Initiative. Und wenn man auf eine Gruppe trifft und alle kennt bis auf einen? «Dieser Person gibt man beim ersten Aufeinandertreffen die Hand.» Man muss diese Person auch nicht beim Abschied küssen oder umarmen. «Das muss man sich erarbeiten», sagt Abplanalp.

Am besten merkt man sich: Die Hand reichen ist nicht verkehrt. Und Freunde und Bekannte umarmt man. Aber eine innige Umarmung ist doch intimer als gehauchte Küsschen? «Diese Diskussion führe ich immer wieder», sagt die Knigge-Trainerin. Drücke man leicht, sei das nicht zu intim. Es gilt also: Je länger und besser man jemanden kennt, desto fester und länger darf man drücken.

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