GESELLSCHAFT: Er spendet Frauen seinen Samen

Er ist Arzt, verheiratet, Vater von zwei Kindern. Was bewegt einen Mann wie ihn dazu, Frauen mit Kinderwunsch sein Sperma anzubieten? Unsere Autorin hat dem 41-jährigen Samenspender auf den Zahn gefühlt.

Annette Wirthlin
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Kleiner Aufwand - grosses Geschenk. Wieso also seine Spermien nicht denen geben, die es brauchen, findet Samenspender Matthias. (Symbolbild Keystone)

Kleiner Aufwand - grosses Geschenk. Wieso also seine Spermien nicht denen geben, die es brauchen, findet Samenspender Matthias. (Symbolbild Keystone)

«41-jähriger Schweizer mit Doktortitel möchte seine Gene verschenken. Bin 1,85 m gross, sportlich, unkompliziert. Habe normale Statur, schwarzes, volles Haar.» So beschrieb sich Matthias (Name von der Redaktion geändert) in einem Inserat auf einer Internet-Plattform für private Samenspender. Jetzt sitzt er mir in einem Restaurant in einer Zürcher Vorortgemeinde gegenüber: sportlich gekleidet, angenehmes Äusseres, grundsätzlich unauffällig. Er spricht leise, obwohl noch kaum Mittagsgäste eingetroffen sind, aber durchaus so, als sei unser Thema die normalste Sache der Welt.

Er sei seit 20 Jahren verheiratet, erzählt er nach dem ersten Schluck von seiner Apfelschorle, Vater von zwei kleinen Kindern, 4 und 8 Jahre, von Beruf Zahnarzt mit eigener Praxis. Was bringt einen Mann wie ihn, also alles andere als eine gescheiterte, mittellose Existenz, dazu, sein Erbgut wildfremden Frauen oder Paaren mit Kinderwunsch anzubieten? Das, wovor die meisten Männer den grössten Respekt haben – nämlich einer Frau ein Kind «anzuhängen», von dem sie nichts haben und womöglich dennoch finanziell dafür aufkommen müssen –, riskiert er immer wieder. Wieso tut man so etwas?

Die Freude am Helfen

Matthias sagt: «Wahrscheinlich ist es die Freude am Helfen. Wenn sich eine Frau ihren Herzenswunsch dank meiner Hilfe erfüllen kann, dann ist das doch das Schönste.» Und als er meinen ungläubigen Blick sieht, fährt er fort: «Ich habe gesehen, wie gut es meiner Frau getan hat, als sie unsere Kinder bekam. Früher hat sie sich immer mit allerlei Sinnfragen gequält, das ist jetzt vorbei.» Und in seinem Umfeld gebe es einige Frauen, die keine Kinder bekommen können, sei es, weil der Ehemann nicht zeugungsfähig ist oder weil kein passender Mann in Sicht ist. Die würden immer wieder erzählen, wie ihr Leben dadurch beeinträchtigt werde. Und dies nur wegen etwas fehlenden Spermas.

Da müsse man doch etwas machen, findet er, es sei schliesslich das Einfachste der Welt. «Man kann jedenfalls viel Dümmeres machen.» Die Frage, ob der Gedanke, möglichst viele Frauen zu schwängern beziehungsweise sein Erbgut möglichst weit zu «verstreuen», sein Ego aufpoliere, meint er: «Bei anderen mag das so sein – mir gibt das nichts.»

Vor vier Jahren, in dem Jahr, als seine Tochter geboren wurde, kam Matthias zum ersten Mal auf die Idee, als Samenspender tätig zu werden. Er begann sich auf einschlägigen Websites umzusehen und war überrascht, wie gross Angebot und Nachfrage sind. «Vor allem in Deutschland könnte man tagtäglich mit neuen Interessentinnen in Kontakt treten», sagt er.

Seine Frau billigt sein Tun

Seine Frau, die er am Anfang einmal darüber informiert habe, dass er sein Sperma spende, billige sein Tun. Details wolle sie dann aber doch keine hören. «Hauptsache, es tauchen hier nicht irgendwann Kinder auf, die behaupten, von dir zu sein», habe sie mal gesagt. Jetzt wird darüber in seiner Beziehung schon lange nicht mehr geredet. Und auch sonst weiss niemand Bescheid über die – auffallend kurzen – Treffen mit fremden Frauen in irgendwelchen Hotels.

Am vergangenen Freitag traf er eine Primarlehrerin, single, die bereits ein Kind hat. Sie habe mit Männern «immer nur Stress gehabt» und sei ganz glücklich als allein erziehende Mutter. Ursprünglich war abgemacht, dass Matthias ihr sein Sperma in einem Becher überreicht. Doch wie die meisten Frauen habe sie sich dann spontan für eine Übertragung auf dem «natürlichen Weg» entschieden, was auch ihm lieber sei. «Wenn die Frauen mich kennen lernen, finden sie es meist stimmiger, wenn das Kind richtig gezeugt wird», sagt Matthias.

Das klingt nach einer ungemein einfachen Gelegenheit für unverbindlichen Sex unter dem Deckmantel der Nächstenliebe. Doch dem widerspricht Matthias entschieden: «Es geht mir wirklich nicht um den Sex. Wenn es mir darum ginge, wäre es ein Leichtes, mit einer Patientin anzubandeln oder in ein professionelles Studio zu gehen.» Hier gehe es um eine nüchterne Abmachung, um eine Leistung, die er zu erbringen habe. Und die sei rein technischer Natur. Wenn schon, handle es sich um eine sehr reduzierte Form von Sex.

«Ich bringe mich selber von Hand bis kurz vor den Höhepunkt und dringe erst im letzten Moment in die Frau ein», erklärt Matthias unumwunden. «Das wärs dann gewesen. Keine Zärtlichkeiten, keine Küsse, nichts. Das hat sich bewährt.» Er habe das Hotel am vergangenen Freitag kurz danach wieder verlassen, während die «Empfängerin» noch etwas liegen geblieben sei. «Ob Sies glauben oder nicht: Ich bin gar nicht der Typ, der gerne stundenlang und oft Sex hat», sagt Matthias und lacht: «Ich bin eher eine Penntüte.»

HIV-Test ein Muss

Die Attraktivität einer potenziellen Samenempfängerin sei für ihn sekundär, behauptet Matthias – auch wenn er fünf Minuten später eine neue Interessentin, eine verheiratete Chirurgin, als «keine zum Wegschauen» bezeichnet. Ganz ohne gegenseitige Sympathie, ja, eine gewisse Appetitlichkeit des Gegenübers gehe es dann aber zugegebenermassen doch nicht. So sei etwa ein beidseitiger HIV-Test ein Muss. Auch eine gewisse Feinfühligkeit müsse die Frau an den Tag legen. Nicht so wie einst das les­bische Pärchen, das von ihm erwartete, dass er sein Becherchen abliefert, möglichst ohne selbst in Erscheinung zu treten. Matthias: «Eine Maschine bin ich dann auch wieder nicht.» Den Kontakt habe er unverrichteter Dinge abge­brochen.

Wie übrigens einige andere auch. Meist merke er bereits beim E-Mail-Kontakt, wenn das Gefühl nicht stimme. Wie etwa bei der nur 20 Jahre jungen Studentin, die zudem noch eine grosse Geldsumme als Gegenleistung anbot. «Das kam mir verdächtig vor, und ich habe abgesagt.»

Apropos Bezahlung: Auch das Finanzielle, so sagt er, sei eindeutig kein Beweggrund hinter seinem speziellen «Nebenjob». Erstens habe er das als Arzt nicht nötig, und zweitens würden die Frauen auch höchstens seine Unkosten, wie etwa die Anfahrtsspesen und natürlich die Hotelrechnung, übernehmen – bei der Frau vom letzten Freitag waren es beispielsweise 200 Franken. Bisweilen kann das dennoch teuer werden für eine Frau, zumal eine Schwangerschaft selten beim ersten Versuch eintritt. «Mit meiner ersten Empfängerin, einer Werbefachfrau aus Deutschland, habe ich mich insgesamt zehnmal getroffen. Jedes Mal flog sie von Düsseldorf nach Kloten und übernachtete dort im ‹Hilton›», erzählt Matthias. «Irgendwann wurde sie tatsächlich schwanger, erlitt aber einen Abort, und wir probierten es etwas später nochmals. Jetzt hat sie aber einen Mann kennen gelernt, den sie liebt – und versucht es mit ihm.»

Anzahl Kinder unbekannt

Letzteres vermutet Matthias zumindest, denn in der Regel bricht der Kontakt zwischen ihm und den Frauen nach verrichteter Tat ab. «Ich kommuniziere jeweils, dass ich nicht benachrichtigt werden möchte, ob die Frau schwanger geworden ist oder nicht.» Wie viele leibliche Kinder er neben seinen zwei eigenen hat, kann er daher nicht sagen. Er schätzt jedoch, dass es bisher maximal zwei sind. Denn von den zehn Frauen, die er bislang getroffen hat, fand nur bei fünf tatsächlich eine Spermaübertragung statt. Einmal kam es – wie er erfuhr – zu einem Abort, einmal wurde die Frau dann dank künstlicher Befruchtung doch noch von ihrem Ehemann schwanger, und in einem Fall ist es noch zu früh, um etwas zu sagen.

Kein Anspruch auf Alimente

Ob er keine Angst habe, eines Tages auf der Strasse ein fremdes Kind zu sehen, dass ihm aufs Haar gleiche, will ich von ihm wissen. Er antwortet, sichtlich unbekümmert: «Nein, bei den vielen Menschen in unserem Land ist diese Chance gering. Und wenn doch, wärs vielleicht noch ganz interessant.»

Und wie sichert sich ein Samenspender vor allfälligen späteren Forderungen nach Unterhaltszahlungen ab? Dass er sich nicht davonschleichen könnte, falls eine Mutter ihn als leiblichen Vater zur Rechenschaft ziehen will, ist ihm wohl bewusst. Ebenso, dass ein Vertrag zwischen ihm und der Kindesmutter vor Gericht nichtig wäre. Er sagt: «Wir vereinbaren jeweils mündlich, dass ‹Vater unbekannt› angegeben wird, dass ich nicht in die Erziehung involviert werden möchte und dass die Frau keinen Anspruch auf Alimente erhebt.» Das sei – zugegeben – ein grosser Vertrauensvorschuss für eine unbekannte Person, aber er überprüfe jeweils sorgfältig, ob sich die Frau selber finanziell über Wasser halten kann. «Bei einer frisch eingewanderten 25-jährigen Arbeits­losen würde ich es sicher nicht machen.»

Zudem habe auch nicht jede Frau seine vollen Kontaktdetails überhaupt wissen wollen. «Bei drei der Frauen sind mein Vorname, meine Mailadresse und meine Handynummer – welche ich aufrechtzuerhalten verspreche – alles, was sie von mir haben.» Trotzdem: Allzu oft will Matthias seine Gene nicht mehr weitergeben. Denn er macht sich keine Illusionen darüber, dass er im Extremfall für die entstandenen Kinder finanziell aufkommen müsste.

Leibliche Elternschaft überschätzt

Moralische Bedenken, einem Kind den Vater vorzuenthalten, kennt Matthias indes nicht. «Wenn ein Kind das möchte, kann es mich ja kennen lernen, wenn es 18 wird.» Die Sache mit der leiblichen Elternschaft werde, so findet er, allgemein etwas überschätzt. Klar habe er eine starke Bindung zu den beiden Kindern, die er mit seiner Frau hat, doch er sei alles andere als ein «Bäbeli-Vater». Würde seine Ehefrau für einen anderen Mann ein Kind austragen wollen, hätte er nichts einzuwenden. «Ich bin nicht eifersüchtig. Das mit der rosaroten Brille und dem wahnsinnig aufregenden Sex ist jeweils ohnehin bald vorbei.»

Sagts und verabschiedet sich mit einem charmanten Lächeln. Er hinterlässt – nebst einem durchaus sympathischen Eindruck – Verwirrung und ein gewisses Mass an Unglauben.