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GESELLSCHAFT: «Kinder schulden den Eltern nichts»

Die Familie prägt uns lebenslang, im Guten wie im Bösen. Philosophin Barbara Bleisch erklärt, warum uns Familie so verletzlich macht. Und wann jegliche familiäre Pflicht erlischt.
Interview Katja Fischer De Santi
Nicht nur im kindlichen Spiel, sondern auch dann, wenn alle erwachsen sind, kann man innerfamiliär mal heftig «aneinanderputschen». (Bild: Getty)

Nicht nur im kindlichen Spiel, sondern auch dann, wenn alle erwachsen sind, kann man innerfamiliär mal heftig «aneinanderputschen». (Bild: Getty)

Interview Katja Fischer de Santi

Barbara Bleisch, wie kommt es, dass so viele Menschen ihre Familienbeziehungen als anstrengend empfinden?

Barbara Bleisch *:Vielleicht, weil sie nicht in die Beziehung investiert haben. ­Unsere Familie ist ja erst einmal einfach da. Vor allem als Kind müssen wir für ihre Liebe nicht viel tun. Wenn wir erwachsen werden, müssen wir aber von einem asymmetrischen Verhältnis in ein symmetrisches Verhältnis finden. Das ist nicht einfach. Und dann gilt: Gleichberechtigte Beziehungen bedeuten immer Arbeit. Darüber hinaus sind wir in familiären Beziehungen besonders verletzlich, das macht es manchmal zusätzlich kompliziert.

Weil uns niemand so gut kennt wie unsere Mutter, bringt sie uns auch am schnellsten auf die Palme. Meinen Sie das mit Verletzlichkeit?

Bleisch: Ja, auch. Verletzlichkeit ist die Kehrseite der Liebe: Sich zu lieben, heisst auch, sich zu vertrauen. Entsprechend können uns die Geliebten einfacher weh tun, uns ausnützen. Wenn die Kinder klein sind, ist die Verletzlichkeit noch sehr einseitig. Kinder sind komplett abhängig von ihren Eltern. Eltern können ihre Kinder geradezu zerstören.

Etwas ältere Kinder können aber auch ihre Eltern sehr verletzen.

Bleisch:Genau, je weiter die Beziehung fortschreitet, desto verletzlicher werden auch die Eltern. Die familiäre Verletzlichkeit ist ausserdem eine ganz besondere, weil familiäre Beziehungen uns durch ihre Exklusivität und Unkündbarkeit besonders glücklich, aber eben auch sehr unglücklich machen können. Dessen sollten wir uns bewusst sein.

Aber sind wir nicht gerade zu unseren nächsten Verwandten oft am schonungslosesten?

Bleisch: Ja, weil wir wissen, dass unser Bruder unser Bruder bleibt, auch wenn wir zum hundertsten Mal mit ihm streiten. Familiäre Beziehungen sind durch ihre Unkündbarkeit auch extrem robust. Das hat aber die negative Seite, dass man verwoben bleibt, auch wenn einen der eigene Bruder quält.

Wie sollen wir heute familiäre Beziehungen überhaupt definieren?

Bleisch:Blutsverwandtschaft alleine hat nie ausgereicht, um Familie zu definieren – denken wir etwa an die Kuckuckskinder, die es immer schon gab. Eine Familie ist eine Gruppe von Personen, die sich langfristig umeinander kümmern in Gefügen von mindestens zwei Generationen.

Das bedeutet, dass erst Kinder aus einem Paar eine Familie machen?

Bleisch: Ja, meine Definition sieht das vor. Weil die Geburt von Kindern dieses unkündbare Moment enthält. Wir können uns von unserem Partner scheiden lassen, aber niemals von unseren Kindern, Eltern und Geschwistern.

Womit wir bei den familiären Pflichten wären. Die Gesellschaft stellt grosse Erwartungen an Familienmitglieder. Man hat füreinander da zu sein, komme was wolle. Die Familie als lebenslange Bürde?

Bleisch:Bürde ist sie nur, wenn wir die ­Beziehung nicht pflegen – und dazu gehört auch das Aushandeln dessen, was wir einander geben können. Ich meine aber, dass wir uns in der Familie viel weniger schulden, als wir gelegentlich meinen. Die Familie war vor der Zeit des Sozialstaats ein Auffangnetz. Heute aber können wir es uns leisten, die Familienbande als etwas zu sehen, das wir gestalten können. Sie haben aber recht: Es gibt viele Erwartungen.

Warum fühlen wir uns erwachsenen Geschwistern gegenüber, die wir vielleicht selten sehen, mehr verpflichtet als engen Freunden?

Bleisch: Die Beziehung zu unseren Geschwistern gehört zu den längsten in unserem Leben. Neuste Forschungen zeigen, dass uns Geschwister während der Kindheit enorm prägen, mehr noch als die Eltern. Wir lernen, mit ihnen zu streiten, aber auch zu verzeihen und uns abzugrenzen. Aus all diesen Gründen bleiben wir unseren Geschwistern eng verbunden. Daraus folgt keine Pflicht. Aber die Beziehung ist aus den genannten Gründen wertvoll für uns und gibt guten Grund, uns für unsere Geschwister einzusetzen, auch wenn sie uns befremden.

Macht nicht gerade das die Familie aus: dass wir einander verbunden bleiben, in guten wie in schlechten Zeiten?

Bleisch:Jein. Wir bleiben einander verbunden im Sinne der Zugehörigkeit. Von der Herkunftsfamilie kann man sich nie ganz trennen. Kurt Tucholsky sagte einmal, Familie habe einen Beigeschmack von Wahrheit, und damit hatte er Recht. Doch wenn Sie daraus ableiten, dass Sie sich auch dann noch um Ihre Geschwister kümmern sollten, wenn die Geschwister Sie quälen, dann geht das zu weit. Genau deshalb glaube ich nicht an die unbedingte Geltung von familiären Pflichten, sondern betone den Wert, den die besondere Liebe in der Familie hat – aber auch deren Kehrseite: die Verletzlichkeit.

In Eltern-Kind-Beziehungen fällt oft auch der Begriff Schuld. Schuldet man seinen Eltern etwas für eine (gute) Kindheit?

Bleisch: Es spricht auf den ersten Blick einiges für diese Sichtweise. Eltern leisten enorm viel für ihre Kinder. Sie verzichten auf vieles. Aber ich meine, dieser Blick auf die Eltern-Kind-Beziehung, der die Schuldigkeit des Kindes betont, ist nicht hilfreich. Zumal immer unklar bleibt, wie es diese Schuld abarbeiten kann.

Haben Eltern kein Recht darauf, von ihren Kindern zumindest etwas Zuwendung als Gegenleistung zu bekommen?

Bleisch:Nein, ein Recht darauf haben sie nicht. Denn ich glaube nicht, dass Kinder ihren Eltern etwas schulden. Die Kinder haben um ihr Leben und ihre Erziehung ja nicht gebeten. Es war – zumindest in den meisten Fällen – der Wunsch der Eltern, ein Kind zu bekommen. Und sie haben eingewilligt, für es zu sorgen. Gäbe es eine Pflicht zur Rückerstattung, ­könnte auch das Kind den Eltern sagen: Ihr schuldet mir etwas, denn ich habe euch zu Eltern gemacht und euch viel Liebe geschenkt.

Dürfen Eltern von ihren Kindern Dankbarkeit erwarten?

Bleisch: Dankbarkeit scheint mir meistens eine gute Sache zu sein. Dankbarkeit liegt nahe bei der Demut – eine leider etwas aus der Mode geratene Tugend. Dabei ist Demut eine angemessene Haltung dem Leben gegenüber, das in vielerlei Hinsicht eine Frage von Glück oder Pech ist. Zum Beispiel eben auch, ob man eine glückliche Kindheit hatte oder nicht.

Kann man seinen Eltern für ihre Fürsorge dankbar sein und trotzdem den Kontakt abbrechen?

Bleisch: Ja, denn aus einer Haltung der Dankbarkeit folgen keine konkreten Pflichten. Unter Umständen ist jemand sehr dankbar für Vergangenes, sieht aber keinen Wert mehr in der aktuellen Beziehung, weil sich Eltern und Kinder etwa nicht respektieren.

Das klingt so einfach, in der Realität können Eltern aber ganz schön hartnäckig sein.

Bleisch: Ja, da kommen wir wieder auf das Motiv der Verletzlichkeit. Je älter die eigenen Eltern werden, desto verletzlicher werden sie in der Beziehung zu ihren Kindern. Denn die nahe, tiefe Beziehung wird immer exklusiver. Vielleicht sterben Freunde, oder die Eltern sind selber krank. Dessen sollten sich die Kinder bewusst sein. Die Eltern nicht zu besuchen, weil man zu bequem ist, ist ein schlechtes Motiv. Den Kontakt abzubrechen, wenn Eltern ihre Kinder nicht als eigenständige Erwachsene respektieren, ist aber legitim.

HINWEIS

Barbara Bleisch (1973) ist Philosophin und forscht unter anderem zur Ethik der Familienbeziehungen am Ethikzentrum der Uni Zürich. Sie moderiert die Sternstunde Philosophie auf SRF 1 und hat vor kurzem den Band «Familiäre Pflichten» im Suhrkamp Verlag mitherausgegeben. Sie lebt mit ihrer Familie in Zürich.

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