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GESELLSCHAFT: Liebe Frauen, so funktionieren Männerfreundschaften

Auch Männer brauchen Freunde. Diese Banden halten meist länger als Liebesbeziehungen. ­Genderforscher Steve Stiehler sagt, was Männer- von Frauenfreundschaften unterscheidet.
Melissa Müller
Gute Freunde stärken sich den Rücken. Sie sind füreinander da – oft ein Leben lang. (Bild: Dickon Thompson/Getty)

Gute Freunde stärken sich den Rücken. Sie sind füreinander da – oft ein Leben lang. (Bild: Dickon Thompson/Getty)

Melissa Müller

So stellt man sich ein typisches Männergespräch vor: Zwei Freunde trinken Bier an der Bar, klopfen Sprüche, fachsimpeln über Fussball, Autos und Technik. Probleme wälzen? Fehlanzeige, sie wollen sich einfach nur zusammen wohl fühlen.

Zu viel Klischees? Männerfreundschaften sind vielen Frauen ein Rätsel. Sie scheinen unkomplizierter. Denn Frauen fragen sich oft: Wie stehen meine Freundin und ich zueinander? Wie fühle ich mich in dieser Freundschaft? Das Reden über Befindlichkeiten ist tragendes Element. Anders bei den Männern. «Da ist eine gewisse Stummheit in Gefühlsdingen da», sagt Steve Stiehler, Dozent für Soziale Arbeit an der FHS St. Gallen und Verfasser einer Dissertation über Männerfreundschaft. Ein Mann kommt kaum auf die Idee, den Kumpel zu fragen: «Na, wie läuft’s in der Beziehung?» – Er weiss aber: Wenn es hart auf hart kommt, wäre der andere vermutlich für ihn da. Diese Annahme genügt ihm vollauf.

In Männerfreundschaften steht meist ein Hobby im Vordergrund. Man trifft sich zum Joggen, Tennis, Jassen. «Das Kriterium ist nicht, dass man intime Gespräche hat. Sondern dass man zusammen etwas macht», sagt Genderforscher Stiehler. Das bedeute nicht, dass Männerfreundschaften oberflächlicher seien. Im Rahmen einer gemeinsamen Aktivität kann’s dann auch sein, dass ein Mann den Freund auf ein Problem anspricht: «Du spielst heute scheisse, was ist los mit dir?» Oder: «Seit du diesen Job hast, wirkst du irgendwie verändert.»

Buben lernen nicht, über Gefühle zu reden

«Die unterschiedliche Ausprägung von Männer- und Frauenfreundschaften hat viel mit dem Aufwachsen zu tun», sagt Steve Stiehler, der seit über zehn Jahren über männliche Sozialisation forscht. Wir würden geschlechtsspezifisch sozialisiert: «Buben lernen nicht, über Gefühle zu reden. Beschreibungen, wie sich etwas anfühlt, existieren in ihrem Wortschatz kaum.»

Ob sich das ändert? Aus Amerika stammt der Begriff «Bromance» – ein bisschen Bruder und Seelenverwandter. Das Wort suggeriert, dass Männerfreunde auch miteinander kuscheln. Was bei den wenigsten der Fall sei, wie Stiehler meint, der die «Bromance» für einen «überschätzten Hype» hält. Freundschaft ist aber ein Trendthema. Was daran liegt, dass Freunde für viele Singles zum Familienersatz werden. Liebespartner kommen und gehen, Freunde bleiben; manche ein Leben lang. Wir erwarten weniger von ihnen, gehen weniger hart mit ihnen ins Gericht. Und während man in einer Ehe eine Rolle erfüllen muss, kann man mit Freunden einfach so sein, wie man ist, mit allen Macken.

Einsame alte Männer

Männer in der Lebensmitte neigen dazu, Freunde aus den Augen zu verlieren. In der Rush Hour des Lebens machen viele Karriere, sie heiraten und werden Vater. Dabei wollen sie nicht bloss Versorger sein, sondern als aktive Väter für die Kinder da sein. Das kann überfordern. «Da bleibt fast keine Eigenzeit mehr übrig», sagt Stiehler. Das Zuhause und die Beziehung werden zur Komfortzone; in vielen traditionellen Ehen ist es die Frau, die Kontakte pflegt. Wenn die Kinder dann ausgeflogen sind, lassen sich viele scheiden. Und plötzlich steht der Mann allein da. Gemäss einer Studie haben 2,5 Millionen Briten keinen Freund, dem sie sich ausserhalb der Familie anvertrauen können. «Die einsamen alten Männer sind ein Phänomen, das auch in der Schweiz zunimmt», sagt Steve Stiehler.

Was können geschiedene Männer tun, die Kontakte knüpfen möchten – und wie sollte die Gesellschaft damit umgehen? «Männer nehmen kaum Beratungsangebote in Anspruch, die sind weiblich besetzt und flössen ihnen Angst ein», sagt Stiehler. Besser seien Angebote wie ein Kochkurs, «wo es um Aktivität geht». Oder etwa ein Mittagstisch in einer Beiz, an den man sich dazusetzen kann.

Auch Männer brauchen Freunde. Die meisten sind nicht freiwillig die einsamen Wölfe, als die sie idealisiert werden. Doch Freundschaften sind nicht selbstverständlich – und sie wollen gepflegt werden. Man muss ihnen Zeit und Aufmerksamkeit entgegenbringen, genauso wie dem Beruf oder einer Beziehung.

Sich einen Ruck geben und einen alten Freund anrufen, kann sich lohnen. Auch wenn man schon lange nichts mehr voneinander gehört hat. In den meisten Fällen wird sich das Gegenüber freuen – und den Faden dankbar wieder aufnehmen.

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