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GESELLSCHAFT: Wenn er ein Baby kriegt

Sie waren einmal Frauen, liessen sich zum Mann umoperieren – und wurden schwanger. Ein Schweizer erzählt, wie es ist, als Transmann Kinder zu gebären.
Alexandra Fitz
Der US-Amerikaner Thomas Beatie ist der erste verheiratete Mann, der ein Kind zur Welt gebracht hat. (Bild: Getty)

Der US-Amerikaner Thomas Beatie ist der erste verheiratete Mann, der ein Kind zur Welt gebracht hat. (Bild: Getty)

Alexandra Fitz

Tim Heller ist Vater von zwei Kindern. Biologisch gesehen ist er auch ihre Mutter, der 36-Jährige hat sie nämlich geboren. Er bekam einen dicken Bauch, lag im Krankenhaus und hat die Kinder auf die Welt gebracht.

Tim Heller, der seinen richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen will, ist ein Transmann. Das heisst, er wurde mit einem Körper geboren, wie ihn Frauen haben, identifiziert sich aber als Mann. Transmenschen passen ihren Körper an ihr inneres Geschlecht an – durch Operationen oder Hormontherapie. Und Transmänner können weiterhin schwanger werden.

In der Schweiz gebären vereinzelt Transmänner ein Kind. «Das wird in Zukunft häufiger der Fall sein, die Schweizer Spitäler und die Gesellschaft sollten sich darauf einstellen», sagt Niklaus Flütsch. Er kennt sich bestens in der Thematik aus. Flütsch ist Transmann. Er lebte früher als Bettina, heute arbeitet er in Zug als Gynäkologe und berät transidente Menschen.

Ein komplizierter und ein einfacherer Weg

Wie funktioniert das, dass Transmänner trotz Geschlechtsanpassung ein eigenes Kind haben können? Es gibt zwei Möglichkeiten. Die weitaus kompliziertere: Der Transmann lässt sich Eizellen einfrieren, bevor er sich die inneren Geschlechtsorgane entfernen lässt. Doch weil die Befruchtung der Eizellen durch eine Samenspende hierzulande nur in heterosexuellen Paarbeziehungen erlaubt und die Leihmutterschaft in der Schweiz verboten ist, kommt diese Methode selten vor. Es ist teuer, kompliziert, heikel und nur im Ausland durchführbar.

Die einfache Variante ist die, die auch Tim Heller gewählt hat: Der Mann trägt das Kind selbst aus. Es wird keine Genitalanpassung vorgenommen, Gebärmutter und Eierstöcke bleiben erhalten. Es werden Hormone, konkret Testosteron, eingenommen. Die Brüste werden meist entfernt. Es spriessen Haare, die Stimme wird tiefer. Die Frau wird äusserlich mehr und mehr zum Mann. Will er schwanger werden, unterbricht er die Einnahme von Testosteron. «Das ist ähnlich wie ein Pillenunterbruch. Nach gewisser Zeit bilden sich wieder eigene Eizellen, und der Mann kann schwanger werden. Ohne medizinische Hilfsmittel», erklärt Gynäkologe Flütsch.

Der Experte schätzt, dass etwa 30 Prozent ihre Eierstöcke behalten und also noch natürlich gebären können. «Wenn ein Transmann Kinder bekommen möchte, macht es keinen Sinn, gesunde Eierstöcke zu entfernen», sagt der Gynäkologe. Es sei die einfachste, bil­ligste und qualitativ beste Variante.

Auch Thomas Beatie (42) wählte ­diese Variante. Der US-Amerikaner wurde 2008 schwanger. Der Transmann (ehemals Tracy) erhielt einen Eintrag im Guinness-Buch der Rekorde als weltweit erster verheirateter Mann, der ein Kind zur Welt gebracht hat. Mittlerweile hat er drei Kinder.

Diskriminierende Praxis wird hinterfragt

Männer, die Kinder gebären, durchkreuzen unser Verständnis von Geschlecht. Bart, Brusthaare und Babybauch? Das Gros hat erst einmal Mühe, sich das vorzustellen. Und soll man dann Väterin sagen? Männliche Mutter? Oder Mutter und Vater in einem? Klingt noch etwas hölzern. Es ist aber gut möglich, dass künftige Generationen gebärende Männer normal finden werden.

So weit ist die Gesellschaft allerdings noch nicht. Bis 2011 war es in der Schweiz nur möglich, das Geschlecht amtlich zu ändern (Personenstands­änderung), wenn man sich einer Zwangssterilisation unterzogen hat. Wegen des Kinderwohls, so die dahinterstehende Überlegung, sollen Transmenschen keine Babys zeugen oder gebären. «Die Gesellschaft verlangt, dass Männer (Anm. der Red.: gemeint sind Transmänner) nicht gebären dürfen, und deshalb zwingt sie sie, ein gesundes Organ zu entfernen. Das ist ethisch nicht vertretbar», findet Transmann Flütsch.

Seit einigen Jahren wird diese diskriminierende Praxis hinterfragt. Gemäss Flütsch akzeptieren immer mehr Gerichte, wenn Transmenschen Hormone einnehmen und so unfruchtbar werden, statt sich operativ sterilisieren zu lassen. Doch der Mann, der geboren hat, wird nach wie vor als Mutter eingetragen. Auch Transmann Heller wird in der Geburtsurkunde als Mutter aufgeführt. Nach der Geburt des ersten Kindes wurde er nur noch für eine Frau und die Kindesmutter gehalten. Das konnte er nicht mehr aushalten. So begann er Testosteron zu nehmen, um auch sein Äusseres seinem Inneren anzugleichen.

Zu Gynäkologe Flütsch kommen ­viele junge Transmenschen. Oft sind sie Anfang 20, manchmal auch einiges jünger. Da sind Fruchtbarkeit und Kinderwunsch ein wichtiges Thema. «Das Recht auf Fortpflanzung ist ein Recht, welches alle Personen haben – unabhängig davon, ob sie trans sind oder nicht», sagt David Garcia. Er leitet den Schwerpunkt Geschlechtervarianz am Universitätsspital Basel und hat seit 2010 gegen 120 Transmänner psychologisch begleitet.

Er wollte einfach ein Kind

Denkt man an Männer mit Babybauch, drängt sich unfreiwillig ein Gedanke auf: Wenn sich eine Frau im falschen Körper fühlt und sich entscheidet, ein Mann zu werden, muss diese Person dann nicht all das, was das Mannsein mit sich bringt – nicht schwanger werden und kein Kind austragen können –, annehmen?

Ist es nicht inkonsistent, wenn man sich von beiden Geschlechtern das ­Beste rausnimmt? Tim Heller wurde sogar von einer Ärztin mit diesem Vorwurf konfrontiert. Sie warf ihm vor, sein Leben sei inkonsequent. Sie fand, dass entweder sein Kind oder seine Existenz als Mann falsch sei. Es ist die einzige negative Erfahrung, die er gemacht habe.

Alle angefragten Fachpersonen sagen, dass sie diesen Vorwurf der Inkonsequenz nachvollziehen können. Sie haben aber gleichzeitig gute Gegenargumente: Flütsch sagt etwa: Ein Mann könne Kinder zeugen; aber für Transmänner sei das einfach nicht möglich. Medizinisch könne man heute die männliche Zeugungsfähigkeit nicht rekonstruieren. Der Bioethiker Christoph Rehmann-Sutter meint: «Vielleicht ist es nach so einer Operation gar nicht so wichtig, ob man als Mann oder als Frau ein Kind hat. Er möchte einfach ein Kind. Und dies ist für ihn die einzige Möglichkeit.»

Der ewige Kampf gegen die Vorurteile

Genau so war es bei Tim Heller. Da er in seiner Beziehung mit einem Mann lebt und somit nur er schwanger werden konnte, war es für ihn die einzige und nächstliegende Variante, dass er das Kind austrägt. Dass er ein Mann sei, habe ihn zwar schon vor ein paar zusätzliche Fragen gestellt. Wie werden ­andere reagieren? Wie werde ich es finden, schwanger zu sein? Wie erklären wir das dem Kind? «Doch auch andere Schwangere stellen sich ja vorher viele Fragen», meint Heller.

Das mit den anderen lief ganz gut: Die Familie hat sich gefreut. Und auch auf die Fragen von Kindern, wie denn ein Baby im Bauch eines Mannes sein könne, hatte er eine einfache Antwort parat: «Es gibt einige wenige Männer, die Kinder im Bauch haben können, auch wenn das viele nicht wissen.» Auf der Strasse hielt man ihn entweder für eine schwangere Frau oder für einen Mann mit Bauch. Das Spitalpersonal hätte die Situation mit Humor genommen. Obwohl die alten Papiere Tim noch als Frau ausgewiesen haben, wurde er durchweg als Mann angesprochen. Wenn sich jemand im Gebärsaal versprach, entschuldigten sie sich und fügten lachend hinzu: Wir haben hier nicht so oft Männer.

Keine Experimente mit Kindern machen

Heute wird das Kinderkriegen durch die Reproduktionsmedizin immer mehr vom Körper entkoppelt. Es fragt sich, wie lange Gebären noch eine Frage der Körperlichkeit ist. «Die Trans-Community möchte am Fortschritt der Medizin auch teilhaben», sagt Garcia. Techniken wie künstliche Befruchtung seien bei heterosexuellen Paaren erlaubt, bei Transmenschen gebe es einen Aufschrei.

Angesichts der Entwicklungen kann man sich auch fragen: Wie lange ist Gebären noch Sache des Geschlechts? Schwedische Ärzte haben unlängst erfolgreich Gebärmutter-Transplantationen durchgeführt. Frauen wurden schwanger, gesunde Kinder kamen zur Welt.

Es ist denkbar, dass in Zukunft auch einmal Männern ein Uterus eingepflanzt werden kann. Der Bioethiker Christoph Rehmann-Sutter hat allerdings Bedenken, ob das medizinisch und für die Gesundheit des Kindes wirklich risikolos wäre. «Man sollte keine Experimente mit Kindern machen.» Aber er sagt dennoch: «Es ist nicht mehr ganz so abwegig. Man muss sich überlegen: Auf was kommt es an? Was braucht ein Kind? Das ist die Frage, nicht: Wer darf Kinder gebären?»

Auf die Frage, wie die Gesellschaft mit diesen Entwicklungen umgehen ­sollte, sagt Bioethiker Rehmann-Sutter: «Wir haben emotionale und konzeptionelle Vorurteile. Ich habe sie auch und kämpfe oft damit. Wir müssen sie abbauen.» Wir sollten nicht in traditionellen Geschlechter- und Familienvorstellungen verharren, die heute nicht mehr passen. Es sei wichtig, es aus der Perspektive des Kindes anzuschauen. Ein Kind brauche eine Person, die gut ist zu ihm. Das sei nicht abhängig davon, ob man schwul, trans oder hetero sei. «Ich sehe keine Gründe», sagt der Ethiker, «warum ein Transmann oder eine Transfrau nicht Vater oder Mutter sein kann.»

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